Die meisten Deutschen kennen Amon Göth aus „Schindlers Liste“. Im Spielfilm ist Göth der skrupellose Kommandant des KZ Płaszów. „Amon Göth hatte ein reales Vorbild aus Fleisch und Blut, meinen Großvater“, sagt Jennifer Teege. Im Interview spricht sie über toxische Familiengeheimnisse, die Suche nach der Wahrheit und über den Umgang mit Schuld.
Kirchenzeitung: Es liest sich, als wäre es Fügung gewesen, dass Sie in der Bibliothek plötzlich das Buch „Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?“ in der Hand hielten, das die Lebensgeschichte von Monika Göth erzählt, der Tochter des SS-Offiziers Amon Göth. Wie fühlt es sich an, Ende 30 herauszufinden, dass man einen Massenmörder zum Großvater hat?
Jennifer Teege: Es war der Schlüssel zur Familiengeschichte, zu meinem Leben, nach dem ich all die Jahre gesucht habe. Alles, was mein Leben bis dahin ausgemacht hatte, stellte ich in Frage. War alles eine Lüge? Dabei war ich diejenige, die betrogen wurde: um meine Geschichte, meine Kindheit, meine Identität.
Erzählen Sie uns einen Teil Ihrer Geschichte?
Teege: Meine Mutter war ein zehn Monate altes Baby, als Amon Göth 1946 gehängt wurde. Als ich vier Wochen alt war, gab sie mich ins Kinderheim und später zur Adoption frei. Damals war ich sieben Jahre alt. Ich habe meine Mutter später, nachdem ich mehr über meine Herkunft erfahren habe, gefragt, warum sie das getan hat.
Wollte sie Sie beschützen?
Teege: Ich glaube, dass sie tatsächlich dachte, es würde mich beschützen. Wenn ich etwas nicht weiß, dann würde es mich nicht belasten. So wie es sie belastet hat. Aber gerade toxische Familiengeheimnisse wirken im Unbewussten, wirken zerstörerisch. Ich hatte das Gefühl, in einem Haus mit vielen Zimmern zu leben, aber mir fehlten lange Zeit die Schlüssel.
Es war schwer, einen Weg aus der Lebenskrise herauszufinden. Jeder Mensch hat ein Recht auf Wahrheit und Identität. Man kann vor der Wahrheit nicht davonlaufen. Sie holt uns immer wieder ein, wie ein Bumerang. Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen, damit Gehirn und Herz die Dinge verarbeiten können. Es war ein sehr langer Prozess, die ersten Jahre wussten nur meine Adoptivfamilie, mein Therapeut und die besten Freunde davon. Die Intention meiner Mutter, mich vor Familiengeheimnissen zu schützen, war sicherlich eine gute. Aber der Weg war der falsche.
Welche Relevanz haben die Taten Ihres Großvaters für das eigene Dasein?
Teege: Was Menschen oft unterschätzen, ist, dass sie Amon Göth weitaus eher mit einer Geschichte assoziieren als mit einem Leben, das fortlaufend ist. Die Erkenntnis, wer mein Großvater ist, war Teil eines Prozesses, einer Entwicklung. Ich musste lernen, reflektiert darüber zu sprechen, auch über die wuchtigen Dinge. Ich weiß, dass ich nicht er bin. Aber es ist dennoch eine Frage, wie man damit umgeht. Ich konnte es nicht einfach negieren, dafür ist es zu sehr mit der eigenen Identität verknüpft.
Es ist notwendig, sich zu entwickeln, Stillstand gibt es nicht. Es gibt nicht nur Gut und Böse, wir haben alle Schattenseiten, machen Fehler. Das ist menschlich. Ich habe in der Auseinandersetzung mit diesem Teil der Familiengeschichte begriffen, wie wichtig es ist, sich für Mitmenschlichkeit einzusetzen. Welche Bedeutung Zivilcourage hat. Im Großen wie in der eigenen Familie. Wir entscheiden selbst, wer wir sein möchten. Ich habe für mich geschafft, aufzuräumen, Transparenz zu schaffen. Das war ein Prozess der Heilung. Es war der richtige Weg, sich nicht zu verstecken; auch für meine Kinder. Ich wusste, dass es generationsübergreifend wichtig ist, die Wahrheit zu kennen.
Ist Amon Göth für Sie der Großvater – oder eine historische Figur?
Teege: Er ist beides: Kommandant und Großvater.
Haben Sie Frieden mit Ihrem Großvater gefunden?
Teege: Es steht mir nicht zu, zu vergeben, das können nur die Opfer. Nach der Veröffentlichung des Buches bin ich in Israel mit offenen Armen aufgenommen worden, es gab so viel Positives. Vielleicht gibt es eine Distanz zu meinem Großvater durch die Hautfarbe, oder es liegt daran, dass ich seit meiner Studienzeit fließend Israelisch spreche und lange dort gelebt habe. Vielleicht sind aber auch viele Begegnungen mit Holocaust-Überlenden zustande gekommen, weil ich das erste Mal aus der Täterperspektive geschrieben habe.
Ich bin Täterfamilie, nicht Opferfamilie. Ich habe eine Frau kennengelernt, die selbst auf Schindlers Liste war; ihre Enkelin hatte mir eine E-Mail geschrieben, wir haben uns angefreundet, auf der Buchmesse in Jerusalem eine kleine Tour gemacht. Das steht aus meiner Sicht symbolisch für eine Versöhnung. Es zeigt, dass Versöhnung möglich ist. Auf meinen Großvater traf die Überlende das erste Mal während der Räumung des Krakauer Ghettos. Sie hatte einen Welpen unter ihrem Mantel versteckt, der später der Schoßhund meiner Großmutter wurde.
Stimmt es, dass ein Bild des Massenmörders Amon Göth stets am Bett Ihrer Großmutter hing?
Teege: Meine Großmutter war eine wichtige Person in meiner Kindheit. Sie hat mich während der Zeit im Heim gestützt, war ein sicherer Hafen, eine durchaus facettenreiche Person. Als historische Figur steht sie für den Täterstaat, für den Großteil der deutschen Bevölkerung, der nach Kriegsende nie belangt wurde. Während des Krieges lebte sie mit Amon Göth in der Kommandanten-Villa, das ist ihre kalte, grausame Seite. Die Menschen fürchteten sich vor ihr. Nach dem Krieg führte sie ein Leben in München, hat nie eine Strafe erhalten.
War sie schuldig oder nicht schuldig? Im juristischen Sinne nicht schuldig und trotzdem schuldig, mindestens wegen unterlassener Hilfeleistung. Wie hätte ich mich verhalten? Diese Frage geht an uns alle. Es ist leicht, sich von den sadistischen Dingen zu distanzieren. Aber die Grauzone sind Mitwisserschaft und Mittäterschaft. Der beste Freund wurde plötzlich nicht mehr auf der Straße gegrüßt, weil er einen gelben Stern trug. Es sind solche Fragen, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Die Mehrheit der Deutschen kommt aus Täterfamilien. Meine Mutter ist dennoch ohne jegliche Kenntnisse aufgewachsen. In der Familie wurde geschwiegen, aber auch in der Gesellschaft. Das kam erst viel später. Heute ist Aufklärung über die NS-Zeit obligatorisch im Unterricht, nicht nur in Geschichte. Anders als manche anderen Länder haben wir uns um Vergangenheitsbewältigung gekümmert, gar nicht mal so schlecht. Wir haben eine Erinnerungskultur. Aber was mir immer fehlt, ist der Sprung in die Gegenwart. Was hat die Vergangenheit mit heute zu tun? Haben wir etwas gelernt?
Möchten Sie die Frage selbst beantworten?
Teege: Es reicht ganz offen sichtlich nicht, nur über die Vergangenheit zu sprechen. Der Ruck nach Rechts ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit nicht zu übersehen. Überall sind Populisten und Rechtspopulisten auf dem Vormarsch.
Kommt Ihnen diese Ausgangslage bekannt vor?
Teege: Es wiederholt sich einiges, aber es lässt sich nicht alles vergleichen. Die Muster ähneln einander aber: Wir leben erneut in unsicheren Zeiten. Wir folgen Menschen, die einfache Antworten auf komplexe Themen geben. Die Geschichte zeigt, dass nicht immer die Besten in Schlüsselpositionen gelangen. Viele Politiker sehen sich nicht als Staatsdiener; weltweit wird zum Teil in die eigene Tasche gewirtschaftet, das Völkerrecht gebrochen. Benjamin Netanjahu klammere ich da bewusst nicht aus. Ich sehe eine Tendenz, dass sich das alles nicht so schnell legt.
Haben Sie noch Hoffnung?
Teege: Demokratie ist ein Gut, das es zu verteidigen gilt. Alle lamentieren derzeit, vielleicht zurecht. Aber es gibt gerade in der Zivilgesellschaft so viel Gutes, das dürfen wir nicht übersehen. Ich bin Botschafterin der Ehlerding Stiftung, die sich um belastete Kinder kümmert. Es ist an vielen Stellen kein Problem, ehrenamtlich tätige Menschen zu finden, die sich für andere einsetzen. Es sind die brüllenden, die lärmenden Figuren, die im Moment im Fokus stehen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, die wirklich wichtigen Werte weiter zu vermitteln. Man ist nicht machtlos im Kleinen. Auch die jüngere Generationen interessiert sich noch für Politik. Wir brauchen wieder mehr gewählte Volksvertreter, die als Führungspersönlichkeiten nicht nur auf den eigenen Vorteil aus sind.
Jennifer Teege war 38 Jahre alt, als sie zufällig erfuhr, dass ihr Großvater ein sadistischer NS-Verbrecher war – es war der Auslöser einer schweren Lebenskrise. Über die Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte und die Überwindung der Krise hat Jennifer Teege das 2013 erschienene Buch „Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“ geschrieben. Mitte März war die Bestseller-Autorin auf Einladung des Arbeitskreises „Forschen-Gedanken-Handeln“ und der Pastoralen Einheit Bad Münstereifel und Veytal zu Gast in St. Severinus Kommern. Dort stand die in München lebende Schriftstellerin der Kirchenzeitung für ein Interview zur Verfügung