Er wird gerne kleingeredet, verharmlost oder verniedlicht, der Alkoholkonsum. Es ist oft ja nur ein Verdauungs-Schnäpschen oder ein Schnäpschen in Ehren, das keiner verwehren kann, wenn zum Glas mit Hochprozentigem gegriffen wird.
Wenn Gerd Hardekopf diese Redewendungen hört, fragt er stets nach: „Meinen Sie das ernst, was Sie da sagen?“; und im besten Fall erhält er dann eine Antwort, die die Betroffenheit seines Gegenübers zeigt.
Hardekopf ist einer von zehn Moderatoren der Freien Selbsthilfegruppe „Frohe Insel“ in Krefeld, die sich um Suchtkranke und deren Angehörige kümmert. Sie befindet sich im Gebäude der Caritas und hat jetzt zum zweiten Mal gemeinsam mit der katholischen Einrichtung an der bundesweiten Aktionswoche Alkohol teilgenommen.
Dabei berichteten Betroffene, die die „Frohe Insel“ besuchen, aus ihren Suchtgeschichten. Hier zwei – gekürzte – Beispiele von 64- und 38-jährigen Männern aus Krefeld: „Den ersten Alkohol habe ich mit 14 Jahren getrunken. Zumindest hoffe ich, dass ich schon so alt war. Alkohol gehörte damals zum Alltag, ich habe schnell gelernt, dass es normal ist, etwas zu trinken“ berichtet der heute 64-Jährige.
Im Studium, beim Kochen oder regelmäßig am Abend habe er getrunken und dann irgendwann, als es zu viel wurde, kippte er Hochprozentiges heimlich. „Als meine Frau meinen Vorrat fand, führte sie mit mir das erste ernsthafte Gespräch. Ich wusste da schon, dass ich ein Problem habe. Aber ich konnte nichts ändern. Dann, an einem Montagmorgen, war ich nicht mehr imstande, aufzustehen.“
Dem Mann war klar, dass er Job, Frau und Kinder verlieren würde. „Ich verliere alles, was ich habe, nur weil ich saufe“, lautete die Erkenntnis. „Ich trank dann einen kleinen Schnaps, um mich lebensfähig zu fühlen, duschte und ging zum Hausarzt. Es gab nur noch einen Weg: Den in die Abstinenz, wenn ich überleben wollte. Sucht bedeutet den Tod.“
Die andere Geschichte lautet so: „Ich bin in ungeordnete Verhältnisse geboren. Meine Eltern waren beide mehr oder weniger abhängig. Das Bild von trinkenden, Tabletten nehmenden Menschen kannte ich von Kindesbeinen an. Den ersten Vollrausch hatte ich mit 14 Jahren, der mich mit 3,4 Promille ins Krankenhaus brachte. Meine Suchtgeschichte hatte begonnen. Nachdem mir der Führerschein entzogen wurde, brach meine mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt zusammen, alles mündete in einem Suizid-Versuch.“
Er fand sich im Alexianer Krankenhaus wieder, bekam die Chance auf eine Langzeittherapie und hatte nun einen Platz, an dem er sich nur und ausschließlich um sich und seine Gesundheit kümmern konnte. „In 17 harten Wochen, in denen kein Werktag ohne Therapie verging, habe ich mir mein Leben zurückgeholt.“
Gerd Hardekopf kennt diese Geschichten genau. Er war selbst ein Betroffener in zweierlei Hinsicht. „Ich habe selbst getrunken und als ich keinen Alkohol mehr zu mir nahm, war ich der Angehörige einer alkoholkranken Frau, die aufgrund ihres Konsums mit 42 Jahren starb. Ich kenne also beide Seiten“, erklärt der 69-Jährige.
„Es begann mit dem Alkohol im Sportverein, als ich zwölf Jahre alt war. Unser Fußball-Trainer war selbst suchtkrank und nach jedem Sieg wurde mit einem ,Bierchen‘ angestoßen. Danach war es ein schleichender Prozess. Ich habe im Büro getrunken und dann nach der Schichtarbeit, um schlafen zu können. Die ,Zutaten‘ für Wodka-Cola waren leicht zu bekommen.“
Das sei überhaupt ein Problem, sagt er mit Betonung. „Es ist so einfach, so leicht, bei Bedarf nachts um vier Uhr an die Tankstelle zu gehen und sich Hochprozentiges für kleines Geld kaufen zu können. Doch die Folgen der Alkoholkrankheit sind teuer. Eine Therapie kostet etwa 32 000 Euro. Kommen Folgekrankheiten, wie beispielsweise Leberkrebs hinzu, wird dieser Betrag bei weitem nicht ausreichen.“
Im Beruf sei er immer nüchtern gewesen, berichtet Hardekopf weiter. War er nicht nüchtern, hat er sich krankgemeldet. Die Probleme mit der ersten Frau, mit der er keine Kinder bekommen konnte, steigerten das Problem. Erst der Notarzt, der ihn eines Tages bewusstlos auffand, brachte ihn zum Umdenken. „Ich lag zwei Tage unter strenger Aufsicht im Krankenhaus, dann fünf Wochen in der Klinik, meine Ehe war da zu Ende. Im Winter 2010 begann ich eine Langzeittherapie, fand in eine andere Spur und mein neuer Lebensweg begann.“ Er ist „hochgradig dankbar“ und nun 16 Jahre abstinent.
„Im vergangenen Jahr habe ich erneut geheiratet. Ich bin im neuen Leben mit neuem Glück. Gemeinsam sind wir in der Suchthilfe, in der ,Frohe Insel‘ tätig.“ Es gehe darum, Einblicke zu geben, in das, was Abhängigkeit für Betroffene und Angehörige bedeutet.
Zugleich soll Mut gemacht werden. Denn es gebe sichere Wege aus der Sucht und Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben. Da er das Problem aus beiden Sichten kennt, rät Hardekopf, den alkoholkranken Partner liebevoll, aber konsequent zu begleiten. „Angehörige sollten aber auch Möglichkeiten und Konsequenzen für sich selbst hinterfragen. Oft befinden sie sich in einer Co-Abhängigkeit, wenn die Sucht einer nahestehenden Person das eigene Verhalten, ihre eigene Lebensqualität beeinflusst.“
Der erste Schritt für den Betroffenen ist, das eigene Trinkverhalten realistisch einzuschätzen. Typische Anzeichen für Alkoholabhängigkeit sind Kontrollverlust über das Trinken, steigende Trinkmengen, starkes Verlangen nach Alkohol und körperliche Entzugserscheinungen.
Dann helfen Ärzte und Suchberatungsstellen und nicht zuletzt Selbsthilfegruppen wie die „Frohe Insel“, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. „Vielleicht ist jetzt der richtige Moment für einen Abhängigen“, sagt Gerd Hardekopf, der weiß, wovon er spricht.
Die Gruppe wurde 1958 gegründet und ist eine der ältesten Selbsthilfegruppen in Krefeld.
Kontakt: info@frohe-insel.de