Krisenfest

Streetworkerin „Marie“ will vor allem eins sein: verlässlich für Jugendliche

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18. Mai 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 21/2020 | Ursula Weyermann

Normalerweise ist sie häufig auf der Straße unterwegs, um „ihre“ Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu treffen. „Aber was ist im Moment schon normal“, sagt Marie-Luise Hellekamps. „Das ist 'ne blöde Situation für uns alle, weil keiner so genau weiß, was kommt.“ 

Die diplomierte Sozialarbeiterin arbeitet als Streetworkerin beim Kirchengemeindeverband (KGV) Nettetal. Aber auch in der „blöden Situation“ möchte die Fachfrau, die von ihrer Klientel nur Marie genannt wird, „verlässlich, vertraulich und kontinuierlich“ für ihre Schützlinge da sein. „Im Moment denke ich von Woche zu Woche“, sagt Hellekamps.

Zu oft würden derzeit Regeln auf- und umgestellt, die die Jugendarbeit beträfen. „Zunächst sollten Jugendeinrichtungen wie Schulen behandelt werden. Das war dann aber doch schnell wieder vom Tisch.“ Jetzt wartet sie auf Entscheidungen von Stadt, Kreis und natürlich Bistum. Sie plant ein bisschen für alle Eventualitäten und überlegt, wie sie das dann umsetzen kann.

Mit 66 Prozent nimmt die Straßensozialarbeit den größten Umfang ihrer Stelle ein. Mit den restlichen 34 Prozent ist sie in einer Jugendeinrichtung und in Schulprojekten tätig.  Die Marschrichtung, wenn die Offenen Türen öffnen, steht fest: Abstand, Hände desinfizieren und in eine Liste eintragen. Bei Letzterem sieht Hellekamps allerdings Schwierigkeiten: „Es gibt einige Jugendliche, die sich nicht registrieren lassen werden, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Und das sind oft die, die den Kontakt am meisten brauchen.“ Mit ihren Kolleginnen und Kollegen ist die Sozialarbeiterin ständig im Austausch. „Wir halten uns immer auf dem Laufenden und posten dann auch aktuelle Sachen für die Jugendlichen. Die machen sich ja auch Sorgen“, sagt die 60-Jährige. „Da ist zum Beispiel ein Mädchen, dessen Vater zu einer Risikogruppe gehört. Oder ein Klient, der Asthma hat. Oder die 15-Jährige und der 16-Jährige, die erst seit Kurzem ein Paar sind und sich jetzt für Wochen nicht sehen konnten.“

Hellekamps ist für diese Fragen und Probleme da, auch am Wochenende, über Skype, Zoom oder Whatsapp. „Gerade für die Jugendlichen ist das eine schwere Zeit“, sagt sie. „Die sind in der Phase, in der sie sich von der Familie entfernen, können sich aber nur draußen und mit Abstand treffen.“

 

Achtsamkeit für sich selbst und für andere

Ihrer Meinung nach ist die Öffnung jetzt zu plötzlich gekommen, und sie ärgert sich, wenn Politiker sagen: „Dann sollen die Menschen, die alt, krank oder schwach sind, eben zu Hause bleiben.“ Es sei gerade ihre Aufgabe und die Aufgabe ihrer Kollegen, „Menschen rauszuholen, damit sie nicht an den Rand gedrängt werden“. Marie Hellekamp spricht viel von Achtsamkeit für sich selbst und für die anderen. „Wir müssen aufeinander achten. Das ist für mich auch eine Form der Nächstenliebe.“ Und so achtet sie darauf, „dass keiner verloren geht. Auf Menschen, die ihre Arbeit verlieren. Menschen, die in ein Loch fallen.“

Und egal, wie es jetzt weitergeht, wie schnell Einrichtungen unter welchen Bedingungen öffnen; egal, ob das ambitionierte Sprayer-Projekt doch noch in irgendeiner Form stattfinden kann: Marie-Louise Hellekamps ist da, und hilft bei  allem, was gerade ansteht. „Das ist im Moment Hilfe bei einer Stellungnahme, die eine junge Frau für eine Behörde schreiben muss, damit sie aus dem häuslichen Umfeld herauskommt, das ihr nicht gut tut.“ Die Streetworkerin ist unter der mobilen Rufnummer 01 77/8 21 31 97 für Jugendliche und junge Erwachsene täglich erreichbar. Und wenn sie mal nicht persönlich helfen kann, dann weiß sie aber, wer zuständig ist.