Kreuzweg

Cornelia Steinfeld und Rainer Oberthür präsentieren neue Formen und Farben

Cornelia Steinfeld und Rainer Oberthür planen bereits weitere Projekte. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Cornelia Steinfeld und Rainer Oberthür planen bereits weitere Projekte.
Datum:
10. Feb. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 04/2026 | Sabine Rother

Ist das möglich? Ein Kreuzweg, von dem Frische ausgeht, der zum neu Denken anregt, in begleitenden Texten Fragen und Aspekte aufwirft, die spirituell und zugleich gegenwärtig sind: „Der Kreuzweg in Formen und Farben“ ist ein Titel, bei dem Graphikerin Cornelia Steinfeld aus Osnabrück (Jahrgang 1981), und Rainer Oberthür (geboren 1961), Dozent für Religionspädagogik am Katechetischen Institut des Bistums Aachen und Autor von rund 37 Büchern, erstmals intensiv zusammenarbeiten. 

Kein Zufall, denn für ihre Planung, mit klarer Formensprache Inhalte auf den Punkt zu bringen, hat die Künstlerin einen Partner gesucht, der ihr „antwortet“ und dazu bereit ist, den klar gegliederten, bisweilen kargen, doch bewegten Farbflächen und geometrischen Strukturen durch seine Texte „Körper“ zu geben. Modernität mit Klarheit.

So hat sich ein Projekt entwickelt, das beide (lektoriert von Friederike Lanz) zum besonderen Umgang mit diesem sensiblen, häufig strapazierten Thema führt. „Wenn ich mit einem Kind vor dem Bild eines blutüberströmten Jesus stehe, ist der Schreck nicht selten so groß, dass man gar nicht mehr über Inhalt und Bedeutung sprechen kann“, sagt Cornelia Steinfeld. Ihre Graphik zu dieser Station ist nicht minder ernst – und doch komplett anders: ein schwarzes Kreuz auf rotem Grund, belagert von grauen und schwarzen Elementen, darunter ein weißes Licht, das zu Verlöschen droht – Gesprächsgrundlage für Generationen.

Oberthür begleitet die Abbildungen durch Bibeltexte (hier Markus 15, 19-20) oder kurze Legenden, wie bei der Begegnung Jesu mit Veronika, die ihm ihr Tuch reicht, und findet eigene Worte. „Offensichtlich ist der Mensch ein Lebewesen, das Leid zufügen, Leid ertragen und mitleiden kann“ sagt er beim Blick auf die abstrakte Szene „Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern“, wobei Verletzungen und Spott durch die Soldaten mitschwingen.

Leicht ist es ihm nicht gefallen, die Inhalte so knapp und übersichtlich zu den Graphiken zu stellen, dass sie mit luftigen Zeilenabständen auf die „Partner-Seite“ passen. Dabei hat das Spiel mit den Farben Rot, Grün, Gelb, Hell- und Dunkelblau, Zart-Grau bis Schwarz eine starke, stets bedrängte Konstante: Jesus, den weiß leuchtenden Lichtpunkt, mal meditativ im Mittelpunkt, meist mitten im Geschehen und in Gefahr, denn in der neunten Station „Jesus fällt zum dritten Mal“ wird dieser Punkt vor tiefgrauem Himmel und unter finsteren Kreuzbalken fast zerdrückt. Oberthür hat hierzu Psalm 145, 14-15 („Allen Fallenden bist Du ein Haltender / Alle schauen voll Hoffnung auf dich“) ausgewählt und der bedrohlichen Situation den Erlösungsgedanken zugeordnet – „mit offenen Augen der Welt begegnen, gegen alle Erfahrung allem zum Trotz Ja sagen.“

Manchmal leisten sich Graphikerin und Autor sogar „Schnittmengen“, wenn Jesus etwa seine Mutter trifft –  weißer Kreis, roter Kreis, Schnittmenge goldgelb wie die „Geburt als Sonne der Gerechtigkeit“.

So kann das Buch, das sich in erster Linie an Erwachsene wendet, an Menschen, die in Gemeinden arbeiten, Gesprächsgrundlagen suchen, gleichfalls mit Jugendlichen betrachtet werden. „Es ist erstaunlich, wie klar die Deutungen der Situationen gelingen“, freut sich Cornelia Steinfeld. Oberthür hat bereits ein Grundschul-Projekt geplant.

Begleitend sorgt Andreas Thelen-Eiselen, seit 2008 Lehrer an der St.-Franziskus-Schule des Bistums Trier in Koblenz und aktiver Autor im Bereich der Religionspädagogik – inklusive der Entwicklung „crossmedialer Unterrichtsmaterialien“ – für Hintergründe. Er geht auf mögliche Formen der „Bild- und Textarbeit“ ein, fragt danach, wie man das Unsichtbare sichtbar machen kann – was ja im vorliegenden Werk gelingt. So kommt er zu Aussagen wie „Der Kreuzweg ist ein Durchbuchstabieren des Lebens“.

Zudem liefert er einen Beitrag zu den Ursprüngen des Kreuzweges, spricht über den „Pilgertrend“, angefeuert von der angeblichen „Kreuzauffindung“ durch Kaiserin Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, im Jahre 326 nach Christus. Selbst die Entwicklung der Stationen – zunächst zwölf, schließlich mit Kreuzabnahme und Grablegung traditionell 14 – ist dokumentiert.

In einem stilisierten „Nachgefragt“ haben Cornelia Steinfeld und Oberthür die Möglichkeit, über sich, die Kooperation, die Auswahl der Texte und Text-Gattungen, die Farben und Formen zu sprechen. So setzt die Graphikerin im gesamten Bilderzyklus lediglich sechs Farbtöne ein, die häufig Emotionen ausdrücken, aber auch auf konkrete Beschreibungen eingehen. Rot verwendet sie, wenn große Gefühle im Spiel sind, die Wut etwa der Menschenmenge, Schmerz und Liebe. Bei der Farbe Schwarz liegen Leid, Trauer und Sünde nahe, doch es gibt vielfach Zwischentöne, Grün bleibt allerdings der Hoffnung verbunden, Gelb nimmt auf, was positiv ist. Da staunt man bei der elften Station „Jesus wird gekreuzigt“, in der ein strahlend weißes Kreuz vor hellblauem Himmel aufragt.

„Das Todeskreuz auf dunkler Erde wird zum Lichtkreuz im Blau des Himmels“, sagt Oberthür poetisch. Von der Transzendenz zur Realität – das Grab (14. Station), das Josef von Arimathäa eigentlich für sich als steinerne Kammer in den grauer Felsen hat schlagen lassen, wird zum Raum, der den Gekreuzigten – den Lichtkreis – vor der Auferstehung schützend aufnimmt. Oberthür bleibt bei den Texten zu den Kreuzwegstationen nicht immer im Markus-Evangelium. Er bewegt sich kundig und frei, was dem Buch mit seinen gleichfalls freien optischen Anreizen guttut. „Auch der Kreuzweg ist geschichtlich gewachsen“, begleitet er die Auswahl von Bibeltexten, Psalmen und Gedanken.

So findet sich schließlich zum Satz „Jesu Licht ist nie erloschen“ eine mutige Darstellung der Künstlerin, die das weiße Licht wie geformte Zuckerwatte rhythmisch in ein unendliches Himmelblau aufsteigen lässt. „Glaube, Liebe und Hoffnung brauchen einander und wir brauchen sie“, betont der Autor. Erst die Hoffnung mache Zukunft möglich und lasse „den Himmel schon auf Erden erahnen“. Cornelia Steinfeld gibt dieser Ahnung ein Bild.

Im Domshop erhältlich

Cornelia Steinfeld, Rainer Oberthür: Der Kreuzweg in Formen und Farben. 64 Seiten, Hardcover, 21 X 21 Zentimeter, Texte und Graphiken, Verlag Schnell + Steiner, Regensburg, 16 Euro