In allen Weltreligionen spielt Fasten eine große Rolle. Dabei steht nicht nur der Verzicht im Vordergrund — es geht um Besinnung und Spiritualität. Wie Fasten Körper und Seele neu belebt.
Die 40-tägige Fastenzeit der katholischen Kirche beginnt am Aschermittwoch und endet an Ostern. In der katholischen Kirche hatte das Fasten vor dem Konzil eine andere Bedeutung als heute. Da ging es bei der Abstinenz eher darum, etwas Vorgeschriebenes zu tun; seitdem wird der Charakter der Bußzeit stärker betont: Das heißt Nachdenken über das eigene Leben, Eingeständnis der eigenen Fehler, Umkehr.
„Heutzutage hat das Fasten seine neue Modernität gewonnen, oft nicht mehr im kirchlichen Rahmen“, erklärt der frühere Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg. „Es ist eine Weise, durch eine besondere Form der Besinnung auf mich, mein Verhältnis zu anderen und zu Gott aufmerksam zu werden.“ Beim Fasten solle man sich selbst zurücknehmen, einen Gang zurückschalten, zur Ruhe kommen, um das wirklich Wichtige und die Prioritäten neu zu erkennen.
Das geht mit unterschiedlichen Methoden. „Ich denke auch an Verzichtsleistungen, die ungewöhnlich sind: Verzicht auf Konsum wie Kleidung, Handy, Auto oder bestimmte Spiele, die einem viel bedeuten“, regt der Theologe und CDU-Politiker an. „So kann etwa die Sucht, über das Handy unentwegt mit Neuigkeiten versorgt zu werden, zur Zeitvernichtung führen und die Frage aufwerfen: Was ist wirklich wichtig?“
Als Zurücknahme des Eigenen soll Fasten, wie Sternberg und der Misereor-Chef Dr. Andreas Frick nicht müde werden zu betonen, auch immer zugleich auf die Not des anderen blicken. Man kann die Fastenzeit deshalb auch als eine Zeit der sozialen Aktivitäten auffassen.
In der evangelischen Kirche hat die Fastenzeit eher keine Tradition, weil Martin Luther zwar selbst fastete, sich aber gegen einen damals vorherrschenden Zwang aussprach, den er als „Werkgerechtigkeit“ ablehnte: „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet.“ Wenn evangelische Christen fasten, dann tun sie das freiwillig und nicht, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Große Resonanz findet inzwischen die offizielle Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“, die jedes Jahr unter einem anderen Motto stattfindet. In manchen evangelischen Gemeinden treffen sich darüber hinaus regelmäßig Fastengruppen, häufiger auch im ökumenischem Rahmen.
In den orthodoxen und altorientalischen Kirchen gibt es drei große Fastenzeiten im Kirchenjahr: die Große Fastenzeit vor Ostern (40 Tage plus Karwoche), welche die orthodoxe Frömmigkeit am stärksten prägt und in der Fleisch, Milchprodukte, Eier, Fisch und Öl nicht erlaubt sind, die 40-tägige Fastenzeit vor Weihnachten, die vom 15. November bis 24. Dezember dauert, sowie die zweiwöchige Fastenzeit vor Mariä Himmelfahrt (1. bis 14. August). „Bei dieser handelt es sich um ein strenges Fasten“, erläutert der griechisch-orthodoxe Bischof Evmenios von Lefka aus Aachen.
„Viele orthodoxe Christen halten es aus Liebe, Ehre und Respekt vor der Jungfrau Maria ein, vielleicht auch, weil es wenige Tage dauert.“ Darüber hinaus gibt es in der Orthodoxie noch das Fasten zu Ehren der Heiligen Apostel, das auf das Fest Peter und Paul (29. Juni) vorbereitet, das wöchentliche Fasten an jedem Mittwoch zum Gedenken an den Verrat Jesu und an jedem Freitag zum Gedenken an die Kreuzigung, sowie strenge Fastentage am 14. September zu Ehren des Heiligen Kreuzes, am 5. Januar aus Anlass des Dreikönigstages und am 29. August zu Ehren Johannes des Täufers. „Das Fasten in der orthodoxen Kirche ist eine spirituelle und körperliche Übung und umfasst 180 bis 200 Tage im Jahr, wobei auf tierische Produkte (Fleisch, Milchprodukte, Eier) und oft auch auf Öl und Fisch verzichtet wird“, erläutert Bischof Evmenios. „Zweck des Fastens sind die Buße, die Enthaltsamkeit und die Nächstenliebe.“
Wie in der katholischen und evangelischen Kirche gibt es zunehmend Überlegungen, andere Fasten-Formen einzuführen, etwa aus Gründen des Umweltschutzes auf das Autofahren zu verzichten. Auf dem Land fastet man allgemein intensiver als in der Stadt und in konservativen Kreisen Griechenlands sowie bei den Kopten in Ägypten mehr als anderswo. Das panorthodoxe Konzil von Kreta vor einigen Jahren hat keine neuen Regelungen für das Fasten getroffen.
Im Islam spielt das Fasten („Siam“) eine große Rolle, denn es gehört zu den fünf Säulen. Die Bedeutung des Wortes „Siam“ im Arabischen ist „sich enthalten, Abstand nehmen“. Zwischen dem Beginn der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang ist Muslimen Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr untersagt. Mit der gemeinsamen Mahlzeit zum Fastenbrechen („Iftar“ genannt) wird das Fasten täglich beendet. Nach Sonnenuntergang strömen viele zusammen und tauschen sich aus. Bedürftige gehen zur Moschee oder zu einem anderen Haus und können dort kostenlos essen und trinken.
Nach Auskunft von Jasmina Momen, Islamisches Zentrum Aachen (Bilal-Moschee), bietet die Aachener Gemeinde unter anderem ein Fastenbrechen für Studenten an. Durch den Ramadan entsteht also Kommunikation zwischen den Menschen, und die Aachener Bilal-Gemeinde rückt enger zusammen als im übrigen Jahr. Die Moschee ist dann Tag und Nacht belebt und wenn sich zum Festgebet 4000 Gläubige versammeln, muss der nahe gelegene Bendplatz als Versammlungsort zusätzlich genutzt werden.
Für Jasmina Momen hat das Fasten sowohl eine körperliche als auch eine geistig-spirituelle Dimension. „Das Fasten ist eine Form der Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung, die dem Körper und der Seele guttut“, betont sie. „Man übt sich in Geduld und lernt, Ausdauer zu haben und etwas auszuhalten, weil man spürt, dass der Mensch dies vermag und kann.“ Erst wenn man auf bestimmte Dinge verzichte, könne man auch Mitgefühl für andere entwickeln und bekomme ein Gefühl dafür, dass nicht alles immer zu haben sei. So spüre man nach dem Ramadan, wie schön es sei, morgens einen Kaffee zu trinken und ein Brötchen zu essen.
„Vor allem bietet der Fastenmonat Ramadan einen Raum für innere Ruhe und Besinnung, gerade in einer Zeit, in der man im Schnellmodus lebt“, hebt Jasmina Momen hervor. „Man schenkt seinem geistigen Leben mehr Beachtung als sonst und hat eine leichtere Seele, wenn man fastet. Man ist konzentrierter, und die Sinne sind freier für Wahrnehmung.“ Was die gläubige Muslimin auch beeindruckt, ist die Tatsache, dass alle Muslime rund um den Erdball einen Monat lang zusammen fasten.
In der jüdischen Tradition spielt das Fasten seit biblischen Zeiten bis in die Gegenwart hinein eine bedeutende Rolle, wie der neue Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Aachen, Bryan Weisz, betont. Wer fastet, enthält sich dabei jeglichen Essens und Trinkens. Aus jüdischer Sicht soll das Fasten den göttlichen Zorn besänftigen und den Menschen mit Gott versöhnen. Fasten kann ein freiwilliger Akt der Reue sein oder eine religiöse Verpflichtung gemäß dem jüdischen Kalender. Ein weiterer Gedanke ist, dass der Gläubige sich durch das Fasten wieder mehr auf seinen Glauben konzentriert. „Wenn wir fasten, gehen wir zurück zu unseren spirituellen Wurzeln“, hebt Rabbiner Weisz hervor. Der Fastende soll sich auch im Inneren verändern, seine Seele reinigen. Fasten in der jüdischen Religion ist aber nicht nur ein bloßer, isolierter Ess- und Trinkverzicht, sondern an Beten und Almosen-Geben gebunden, ohne die es nach Ansicht vieler Rabbiner „Gift für die Seele“ werden könnte.
Die Festtage für das Fasten sind im jüdischen Kalender genau festgelegt. Der strengste Fasttag im Judentum ist laut Aussage von Rabbiner Weisz der Versöhnungstag Jom Kippur („Tag der Sühne“). An diesem Tag herrscht strenges Arbeitsverbot. Die Kinder und Jugendlichen werden von der Schule freigestellt, die jüdischen Geschäfte haben den ganzen Tag geschlossen, und auch zu Hause ruht die Arbeit. Sex, Duschen, Rasieren, Baden, Parfümieren und Musikhören sind ebenfalls verboten. In der Synagoge finden über den ganzen Tag verteilt Gebete und Gesänge statt.
Am Fest Tisha beAv im Juli/August wird im Judentum 25 Stunden lang wegen der Zerstörung von Salomons Tempel in Jerusalem im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gefastet. Die Regeln des Fastens sind jedoch nicht ganz so streng wie an Jom Kippur, und auch der Aufenthalt in der Synagoge ist nicht ganz so lang. Ein lockerer Fasten-Tag ist Taanit-Esther (Esther-Fasten), das in den März fällt und vor dem Purimfest (das bedeutet: Los, Schicksal) steht.
Auch in den nicht-monotheistischen Weltreligionen hat das Fasten Tradition. Die Buddhisten kennen keine einheitlichen Fastenzeiten, sondern betrachten es als Grundeinstellung, als Weg zur Erleuchtung. Mönche und Nonnen fasten täglich nach Mittag. Zum Vesakh-Fest, dem höchsten Fest im Buddhismus, wird vielfach gefastet, aber eine Pflicht stellt dieser Verzicht nicht dar.
Fasten spielt auch im Hinduismus eine große Rolle, ist aber ebenfalls keine Pflicht, sondern eher ein moralischer und spiritueller Akt. Jeder und jede Einzelne entscheidet für sich selbst, wann, wie lange und auf welche Weise er oder sie fastet. „Ekadashi“ nennt sich eine Fastenzeit, die zweimal im Monat stattfindet und von den meisten befolgt wird. Den Jahresanfang bildet die Feier zu Ehren des Gottes Shiva, die zugleich ein Fastenereignis darstellt, und in den Monaten Juli und August essen viele Hindus vegetarisch.
In weniger mitgliederstarken Religionen spielt das Fasten ebenfalls eine Rolle. Die Bahai fasten im Monat Ala vor ihrem Neujahrsfest und verzichten dann – ähnlich wie die Muslime – zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke. Diese Fastenzeit ist dem Gebet und der Meditation, dem Nachdenken und Überlegen sowie dem Überprüfen eingefahrener Gewohnheiten und Einstellungen gewidmet.