Katholische Stimme in Debatten einbringen

Gegründet wurde die Akademie als Beitrag der Kirche, um die Demokratie zu stabilisieren. Der Gründungsauftrag gilt auch heute.

Schaut zuversichtlich in die Zukunft: Dr. Angela Reinders., Direktorin der Akademie des Bistums Aachen. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Schaut zuversichtlich in die Zukunft: Dr. Angela Reinders., Direktorin der Akademie des Bistums Aachen.
Datum:
1. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 14/2026 | Gerd Felder

Am 27. August 1956 vom damaligen Bischof Johannes Pohlschneider gegründet, wird die Akademie des Bistums Aachen demnächst 70 Jahre alt. Wie kam es zur Gründung, wer hat das Haus geprägt und wie sehen die Herausforderungen heute aus? Darüber sprach Gerd Felder mit der Direktorin der Akademie, Dr. Angela Reinders.

Frau Dr. Reinders, gehörte vor 70 Jahren Mut dazu, hier eine Bischöfliche Akademie zu gründen?

Reinders: Unbedingt. Man stand damals hier vor den Trümmern der Villa Delius, dem Vorgängerbau auf diesem Grundstück. Es gehörte auf jeden Fall Mut dazu, die Katastrophe aufzuarbeiten, die durch das Nazi-Regime herbeigeführt worden war, als Kirche einen Beitrag dazu zu leisten, dass so etwas nie wieder vorkommt, und die Demokratie zu stabilisieren. Es war erklärtes Ziel, die katholische Stimme in gesellschaftliche Debatten einzubringen und die christliche Volksbildung zu stärken. Die Bischöfliche Akademie Aachen wurde nach dem Vorbild des Franz-Hitze-Hauses in Münster, das Bischof Pohlschneider kannte, als Akademie mit sozialethischem Anspruch gegründet.


Wer waren die markanten Figuren in der Akademiegeschichte?

Reinders: Da ist zuerst Philipp Boonen zu nennen, der die Akademie von 1956 bis 1987, also 31 Jahre, geleitet hat. Er selbst war zutiefst vom Zweiten Vatikanischen Konzil und der Würzburger Synode geprägt; unvergessen ist sein Buch „Das Konzil kommt ins Bistum“. Seine Amtszeit war ein starker Beginn der Akademie mit ansehnlichen Teilnehmerzahlen und einem treuen, meist bistumsinternen Publikum. Sein Nachfolger Hans Hermann Henrix hat im christlich-jüdischen Dialog und auch mit Themen der Wissenschaft große Dienste geleistet. Der leider früh verstorbene Karl Allgaier, der Henrix nachfolgte, wird vor allem durch sein Engagement für die hiesige Mundart, das Öcher Platt, und die Büchereiarbeit in Erinnerung bleiben. Meine Vorgängerin Christiane Bongartz hatte die Corona-Pandemie zu bewältigen, die Akademie nahm zudem ukrainische Geflüchtete auf.


Sie haben im Jahr 2022 Ihr Amt angetreten. Haben Sie dafür Mut gebraucht, oder war es eher die Übernahme einer Traumstelle, auf die Ihr ganzer Lebenslauf hin orientiert war?

Reinders: Ich glaube, ich habe tatsächlich bewusst oder unbewusst an den verschiedenen Stellen, wo ich war, auf diese Stelle hingearbeitet. In vielfältiger Weise ist sie wirklich die Konsequenz meines Lebenslaufes, und ich habe keine Sekunde bereut, Akademiedirektorin zu sein. Das passt total. Es hat eher Mut gebraucht, meine Stelle in der Leitung der Personalentwicklung des Bistums Aachen aufzugeben, die mir auch viel Freude gemacht hat. Aber das Leben ist eben stetige Veränderung. Hier in der Akademie räumlich und konzeptionell gemeinsam mit dem Team etwas zu verändern, dazu gehört allerdings immer wieder Mut.


Ist der Gründungsauftrag der Akademie heute immer noch gültig?

Reinders: Der Gründungsauftrag ist immer noch gültig. Man könnte uns heute wieder gründen. In einer Zeit, in der der Einfluss der Kirche aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr so stark ist, müssen wir daran arbeiten, aus unserer Blase herauszukommen und nicht in eine Haltung nach dem Motto „Das hat ja sowieso alles keinen Zweck“ zu verfallen. Bisher erreichen wir häufig nur die Menschen, die wir nicht mehr überzeugen müssen. Wir versuchen uns aber zum Beispiel mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK), dem Diakonischen Werk und auch nicht-kirchlichen Partnern zu vernetzen, etwa dem Aachener DigitalHub. Mein Eindruck ist, etwa von einer Sommerakademie zu rechtem Influencing, dass Leute, deren Herzensthema die Auseinandersetzung mit rechtsradikalen und christlich-fundamentalistischen Strömungen ist, oft übersättigt sind und schon zu viele Veranstaltungen in dieser Richtung erlebt haben.


Kommen wir zur Gebäudesituation. Welche Atmosphäre wollen Sie mit dem stark umgestalteten Haus vermitteln?

Reinders: Das Gebäude möchte Offenheit und Gastfreundlichkeit vermitteln. Deshalb haben wir das Eingangsfoyer umgebaut und verfügen dort jetzt über eine mobile Theke und neue Möbel, um die einladende Atmosphäre zu unterstreichen. Der Coffeepoint auf der ersten Etage ist ein kommunikatives Zentrum, das ehemalige Refugium haben wir in einen interreligiösen Gebetsraum umgewandelt. Ich habe auch dafür gesorgt, dass die Räume in unserer Akademie jetzt nach Persönlichkeiten aus der Aachener Bistumsgeschichte benannt sind. Im früheren Priesterseminar stehen jetzt Gastzimmer und Tagungsräume zur Verfügung, darunter auch ein Design-Thinking-Raum (Raum für kreative Arbeitsformen), im ehemaligen Bischofshaus ebenfalls. Insgesamt können wir 51 Zimmer mit 62 Schlafgelegenheiten anbieten. 


Was früher einmal undenkbar war: Man kann die Räume der Akademie auch mieten ...
Reinders: Ja, das gehört seit dem Umbau 2018 zum Konzept, und dafür wurde eigens eine Belegmanagerin eingestellt. Das Haus muss sich wirtschaftlich tragen. Da ist es ein wichtiges Element, dass unter anderem die Polizei bei uns Tagungen veranstaltet, die Hochschulen Kongresse hier ausrichten und Chöre bei uns proben.


Unter welchem Motto steht das Jubiläumsjahr der Akademie, und was haben Sie in den nächsten Wochen vor?

Reinders: Das Thema das Jubiläums lautet „Geschichten und Gewissen“. Die Jubiläumswochen, die im Juli beginnen, haben wir unter „Geschichten“-Überschriften gestellt wie zum Beispiel Alltags-, Entdeckungs-, Erinnerungs-, Glaubens- oder Zukunftsgeschichten. Für viele Veranstaltungen gibt es günstige Jubiläumstickets. Das Thema „Gewissen“ ist ein Leitmotiv, das uns durch die vergangenen Jahre begleitet hat und sich durch verschiedene Veranstaltungen zieht. So fragen wir zum Beispiel: Hat Künstliche Intelligenz ein Gewissen?


Sie haben heute viele Veranstaltungen mit verschiedenen Formaten im Programm.

Reinders: Ja, wir bieten inzwischen einzelne Veranstaltungen und sogar ganze Reihen online an. Angestoßen wurde das wie überall durch die Corona-Zeit. Die Online-Veranstaltungen lassen Kooperationen zu, die sonst nicht möglich wären, etwa mit anderen Akademien, und werden eifrig genutzt. Andererseits gibt es nach wie vor viele Akademieteilnehmer, die Präsenz-Veranstaltungen vorziehen. Auch die Tendenz der heutigen Erwachsenenbildung zu partizipativen Arbeitsformen prägt unser Programm.


Wird die Akademie des Bistums Aachen auch noch ihr 100-jähriges Bestehen feiern können?

Reinders: Ja, davon bin ich fest überzeugt, und wenn ich das nicht glauben würde, könnte ich diese Aufgabe nicht ausfüllen. Ich strukturiere nicht den Untergang. Die Akademie wird in 30 Jahren ihr Jubiläum feiern, aber sie wird sicher andere Themen haben, und auch die Kirche wird eine andere sein. Wie viele Räume sie dann noch haben wird, ist die große Frage, möglicherweise wird sich vieles in Räumen abspielen, die sie mit anderen teilt.

 

Feierlichkeiten

Die Akademie des Bistums Aachen feiert ihren Geburtstag am 4. September (15.30 bis 17 Uhr) mit einem Geburtstagskaffee für alle, die ihr verbunden sind und dieses Jahr einen runden Geburtstag feiern. Am 5. September gibt es unter anderem eine Party mit der Band „Lagerfeuer“ (ab 20.30 Uhr), und am 6. September findet um 10 Uhr ein Festgottesdienst im Aachener Dom statt.