„Karl der Große war mehr in Düren als in Rom“

Keimzelle von Düren

Dr. Ulrich Flatten (r.), Brian-Scott Kempa (2.v.r.) und Hardy Keymer (mit Ehefrau Helga). (c) Stephan Johnen
Dr. Ulrich Flatten (r.), Brian-Scott Kempa (2.v.r.) und Hardy Keymer (mit Ehefrau Helga).
Datum:
22. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 09/2026 | Stephan Johnen

Dort, wo heute die Annakirche steht, befand sich vor über 1000 Jahren eine fränkische Königspfalz. Noch heute erinnern Straßennamen wie Altenteich, Bongard oder Weierstraße an diese Zeit. „Wir wissen, dass es in Düren eine Königspfalz gegeben hat, wir haben Dokumente aus der Zeit von Pippin und Karl dem Großen“, sagt Dr. Ulrich Flatten von der Stiftung Annakirche: „Leider gibt es aber nur sehr wenige archäologische Belege.“ 

Und dennoch: Durch Grabungen belegt ist, dass an der Stelle des heutigen Altarraums einst die Kapelle der Pfalz stand. „Dieser Ort hatte nicht nur eine eine große politische Bedeutung – die Königspfalz war Keimzelle von Stadt und Annakirche“, betont Ulrich Flatten.

Eine spekulative Annäherung: So könnte die Dürener Königspfalz ausgesehen haben. (c) Stephan Johnen
Eine spekulative Annäherung: So könnte die Dürener Königspfalz ausgesehen haben.

Ein von der Stiftung initiierter Arbeitskreis hat sich mit der Geschichte der Königspfalz beschäftigt – und präsentierte seine Forschungsergebnisse erstmals der Öffentlichkeit. Mehrfach mussten Stühle nachgestellt werden, so groß war das Interesse. Die Einleitung und zugleich Einordnung übernahm Brian-Scott Kempa mit einem Vortrag zur kirchlichen und politischen Bedeutung der Königspfalz. Es ist bekannt, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus schon ein Marcoduro/Marcodurum erwähnt – und auch Duria gleichberechtigt als Ortsname genannt wird.

Als während des Zweiten Weltkriegs am Steinweg ein Löschteich ausgehoben wurde, kamen römische Ziegel zum Vorschein, bei Ausgrabungen im Bereich der zerstörten Annakirche stießen Archäologen in den 1950er-Jahren auf Reste von steinzeitlichen Gruben und Pfahlbauten (um 5500 vor Christus). „In einem kleineren Umfang wird hier schon immer ein Siedlungsplatz gewesen sein, denn niemand hat eine Pfalz auf der grünen Wiese errichtet“, bilanzierte Kempa.

Urkundlich wird eine Pfalz erstmals 747 bezeugt, eine Vorgängerkapelle der späteren Pfalzkapelle dürfte es schon um 700 gegeben haben. Kempa: „Es gab kaum Städte, das Leben spielte sich um die fränkischen Herrenhöfe ab. Einen solchen wird es auch in Düren gegeben haben, der sich aus einer römischen Villa Rustica entwickelt haben dürfte.“

Eine Urkunde von 761 belegt ein Maifeld von Pippin in „Duria villa publica“ (königlicher Landsitz Düren). Pippin, spätestens Karl der Große, ließ den Königshof zu einer Pfalzanlage ausbauen, die erste urkundliche Erwähnung als „Palacium Regium Duria“ stammt aus dem Jahr 774. Weil es keinen befestigten Regierungssitz gab und alle Regierungsgeschäfte „aus dem Sattel heraus“ getätigt wurden, waren die Könige auf Pfalzen als Stützpunkte angewiesen.

Die Königspfalzen dienten nicht nur zur Versorgung des Hofes, dort wurde regiert und Recht gesprochen, die Großen des Fränkischen Reiches versammelten sich zur Klärung politischer Angelegenheiten. „Karl der Große war mehr in Düren als in Rom“, sagte Kempa. Belegt ist, dass Karl der Große 761 in Düren eine Heerschau abhielt. Am 25. Dezember 769 verbrachte er das Weihnachtsfest in der Dürener Königspfalz, später wurden dort auch Beschlüsse für einen Feldzug gegen den Herzog von Aquitanien und gegen die Sachsen getroffen. Auch König Lothar I. war 843 kurz in Düren. Die Bedeutung der Königspfalz schwand mit der Teilung des Fränkischen Reiches.

Im Zentrum der zweiten Hälfte des Annaforums stand die Präsentation des 2,5 mal 2,5 Meter großen Modells der Königspfalz, die Hardy Keymer mit viel Liebe zum Detail in 580 Arbeitsstunden rekonstruiert hat. Dafür hatte er zu keltischen und römischen Vorgängerbauten recherchiert, die vermutlich in die Königspfalz integriert wurden – und die zum Teil noch bis zur Zerstörung der Stadt durch kaiserliche Truppen unter Karl V. im Jahr 1543 die Zeiten (wenn auch baulich verändert) zum Teil überdauert haben dürften. Während seiner Nachforschungen hat sich Keymer mit den Königspfalzen Ingelheim, Paderborn und Frankfurt sowie der historischen Stadtentwicklung Dürens auseinandergesetzt. Stück für Stück erweckte er Gebäude im Maßstab 1:160 zum Leben und beschrieb deren Funktion.

„Wir haben Hypothesen aufgestellt, um Geschichte erlebbar zu machen. Da es nie systematische Ausgrabungen gegeben hat, sprechen wir von einer spekulativen Annäherung“, erklärte Ulrich Flatten: „Wir sagen nicht, dass die Königspfalz exakt so ausgesehen hat. Aber in der Summe dürfte sie ähnlich ausgesehen haben.“ Es handle sich aber zweifelsohne um ein ebenso spannendes wie vielen Menschen unbekanntes Kapitel der Stadtgeschichte. „Das wollten wir ändern“, sagt Flatten. Der Vortrag zur Dürener Königspfalz als Keimzelle von Stadt und Annakirche wird am Samstag, 1. August, um 17 Uhr in der Annakirche wiederholt. Der Eintritt ist frei.