„Gütiger Gott,
schenke unserer Welt
Frieden und Licht.
Heile, was verletzt ist,
verbinde, was getrennt ist.
Öffne unsere Herzen
für Mitgefühl und Verständnis.
Lass Liebe stärker sein als Hass.
Segne alle Menschen
mit Hoffnung und Zuversicht.
Gib uns Mut, Brücken zu bauen.
Bewahre uns vor Krieg und Gewalt.
Lass Frieden wachsen –
heute und für immer.“
Klingt gut, oder? Vielleicht mag es den einen oder die andere überraschen, dass dieses Gebet mithilfe von Künstlicher Intelligenz* (KI) erstellt wurde. Die Pfarrei St. Remigius in Viersen hat während der Sommerferien zu einer Mitmach-Aktion aufgerufen: Gläubige konnten mithilfe von KI ausprobieren, einen Einstieg ins Beten zu finden. Sie waren eingeladen, ihre Ergebnisse und Erfahrungen mit den Initiatoren der Aktion zu teilen.
„Wir sind ein Team von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die sich um die Pflege der Website der Pfarrei kümmern, und diese Sommerferienaktion gestalten wir jedes Jahr“, erzählt Kaplan Andreas Hahne. So wurden in vergangenen Aktionen die Wegkreuze in der Pfarrei vorgestellt oder Gemeindemitglieder nach ihren Orten von Kirche befragt. „Das Thema KI schlägt zunehmend in unserem Alltag auf“, führt Kaplan Hahne weiter aus.
Und tatsächlich gibt es immer mehr Bereiche, in denen Künstliche Intelligenz zum Tragen kommt. Wenn wir eine Suchanfrage im Internet stellen, antwortet uns eine künstliche Intelligenz. KI errechnet Wegrouten in Navigations-Apps, berät in Online-Shops bei der richtigen Kleidergröße, fährt zuhause die Jalousien herunter, dimmt das Licht, stellt die Heizung ein oder sucht in Musikstreamingdiensten eine passende Playlist zusammen. Und auch im theologischen Bereich hat KI Einzug gehalten, beispielsweise bei Exerzitien-Apps wie „Evermore“ von der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover.
Auf die Frage, warum das Thema Beten für die Ferienaktion gewählt wurde, antwortet Kaplan Hahne: „Ich erlebe Menschen, die sprachlos sind und keine Worte finden.“
Die Ferienaktion ist für ihn ein Versuch, Menschen zum Nachdenken über das Beten anzuregen: „Die KI könnte als Brücke fungieren. Ich kann mir vorstellen, Menschen damit zu ermutigen, Gebete für sich zu entwickeln.“
Die Resonanz auf die Ferienaktion sei allerdings „überschaubar“, sagt er. „Für viele, so haben sie mir im persönlichen Gespräch gespiegelt, ist das Thema uninteressant. Andere haben es als inhaltliche Anregung begriffen, darüber nachzudenken, was Beten für sie bedeutet. Aber sie möchten es nicht veröffentlichen, weil es doch sehr persönlich wäre. Das ist für die Öffentlichkeitsarbeit als Ergebnis nicht gut, für die Seelsorge schon.“
Bevor Andreas Hahne die Entscheidung traf, Priester zu werden, hat er in der IT-Branche gearbeitet. „Ich habe KI aber nur ganz sporadisch kennengelernt. Lange war KI ein theoretisches Konstrukt. Dann ging es sehr rasant.“ Hahne selbst sieht diese Entwicklung eher skeptisch: „Es steckt eine enorme Rechnerleistung dahinter. Aus ökologischer und ökonomischer Sicht ist das nicht optimal.“
In seinem Arbeitsumfeld, sagt Andreas Hahne, habe KI keine große Bedeutung: „In der Seelsorge zählt der persönliche Kontakt.“ Und so sieht er bei ChatBots, wie sie zum Beispiel das Tool ChatGPT anbietet und mit denen sich Menschen unterhalten, wie mit einem Freund, klare Grenzen: „KI gibt erwartbare Antworten. In der Seelsorge bietet sie keinen wirklichen Trost, kann keine Freunde ersetzen.“
Losgelöst davon stelle der Einzug der KI in vielen anderen Bereichen des Arbeitens und Lebens eine neue industrielle Revolution dar, die nachhaltigen Einfluss auf unser Leben haben werde.
Anfang August war Hahne mit Jugendlichen auf einer Fahrt in Polen und hat dort die Ferienaktion der Pfarrei mit den Teilnehmenden aufgegriffen. Doch auch die Jugendlichen empfanden das, was sie mit der KI entwickelt haben, als sehr persönlich und möchten es nicht online veröffentlichen. Als gescheitert sieht Kaplan Andreas Hahne die diesjährige Sommerferienaktion dennoch nicht an: „Das Ziel war, die Leute zum Nachdenken anzuregen. Das haben wir, denke ich, erreicht.“
*Das Gebet wurde nach Angaben der Initiatoren mit dem Tool perplexity erstellt. Die Vorgabe lautete: „Schreibe ein Gebet zum Frieden in der Welt. Nicht länger als 10 Zeilen.“
Quelle: https://st-remigius.de/?view=article&id=731:sommer-aktion-2025-den-einstieg-ins-beten-mit-ki-erleichtern&catid=8