Die Fotos täuschen. Auf vielen Aufnahmen macht es den Eindruck, als ob die Kapelle Klein-Jerusalem frei auf einem Hügel steht, umgeben von grünen Wiesen. Sodass die Pilger schon von weitem ihr Ziel vor Augen haben.
Aber wer dorthin fährt, ist verwundert, dass er in eine Straße einbiegt, die von Wohnhäusern gesäumt ist. Von Anfang an war es geplant, dass Klein-Jerusalem Teil des Ortes ist und für die Menschen auch im Alltag präsent.
Gerhard Vynhoven war im 17. Jahrhundert Vikar in Anrath, Pfarrer in Osterath und während des 30-jährigen Krieges Feldkaplan von Jan von Werth, einer der bekanntesten deutschen Reitergeneräle seiner Zeit. Nach den Erfahrungen im Krieg wollte Vynhoven in der Nähe seines Geburtshauses eine Kapelle bauen. Neben der Wallfahrtskapelle baute er mit seinem Vermögen auch eine Schule und ein Rektoratshaus. So kam es, dass dieser Ort einen dörflichen Charakter erhielt, bei dem die Kapelle auf einer Anhöhe eine exponierte Stelle hat, umringt von Wohnhäusern.
Beim Eintritt in das kleine Gotteshaus fällt direkt die Grabkammer auf, die die Besucher durch ein schmiedeeisernes Tor betreten. Zwei römische Soldaten halten rechts und links sitzend Wache. Vynhoven war in seinem Leben mehrmals im Heiligen Land. Seine Kapelle sollte nicht ein normales Gotteshaus sein, sondern Pilgern die Heiligen Stätten in Jerusalem und Bethlehem nahe bringen. Sie sollten zumindest ansatzweise spüren und erleben, was der Pilger an den Originalorten fühlt.
Die Grabkammer ist eine Nachbildung des Grabes Jesu in Jerusalem. Die Gestaltung entspricht der des Originals, bevor es 1808 zu einem großen Teil abbrannte. Im Vorraum der 1661 gebauten Willicher Version befindet sich ein Fresko, dass die Szene der drei Frauen am Grabe Jesu zeigt. Ein anderes Fresko zeigt die Auferstehung. Um die eigentliche Grabkammer zu sehen, muss man sich hinunterbeugen. Dort sieht man eine Figur des Leichnams Jesu. Gegenüber des Heiligen Grabes steht die Kreuzigungsgruppe, die fast lebensgroß ist und den Chorraum dominiert.
Klein-Jerusalem sollte von Anfang an nicht nur dem Tod und dem Schmerz gewidmet sein, sondern auch die Geburt Jesu und die Freude zelebrieren. Vynhoven sah den Bau als Mittel, um den Gläubigen „… die ersten und die letzten Tage des Herrn anschaulich vor ihre Seele zu stellen.“
Dem Anfang des Lebens Jesu Christi ist die Unterkirche gewidmet. Hier ist die Geburtsgrotte nachgebildet mit dem Stern von Bethlehem, der hier als göttliches Licht gezeigt wird. Im Boden eingelassen ist eine Sonne in einer Platte, die ebenfalls den Stern in der Geburtsgrotte symbolisiert.
Auch des Erbauers von Klein-Jerusalem wird an diesem Ort gedacht: Eine rechteckige Steinplatte im Boden der Grotte erinnert an sein Grab. Er selbst hatte verfügt, in seinem Gotteshaus bestattet zu werden. „Für mich bedeutet Leben Christus und Sterben ist Gewinn“, steht in seiner Grabplatte, die ein Abbild Vynhovens zeigt, der diesen Satz dem gekreuzigten Jesus zuruft.
Wenn man das Ensemble mit der kleinen Kirche, die umgeben ist von einer Grünanlage und einem Rundweg um die Kapelle herum, sieht, kann man sich noch gut vorstellen, wie in früheren Jahrhunderten die Pilger hierher kamen. Auch heute ist es ein großartiges Bild, wenn die örtlichen Schützen an diesem historischen Ort ihr Fest feiern und ihre Heilige Messe halten. Pfadfinder und Pilgergruppen kommen zu Fuß und per Fahrrad nach Klein-Jerusalem, um zu beten und Gottesdienste zu feiern.
Jeden Freitag um 18.30 Uhr wird ein Gottesdienst gefeiert. Jeden zweiten Sonntag im Monat ist die Kapelle von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Dann sind auch immer Mitglieder der Interessengemeinschaft Klein-Jerusalem vor Ort und beantworten Fragen der Besucher. Am Samstag vor Palmsonntag (28. März) findet die Sternwallfahrt der Matthiasbruderschaften des Bezirks linker Niederrhein statt. Um 15 Uhr wird in der Grünanalage die Heilige Messe gefeiert.