Hoffnung auf Rettung

Ist zu Weihnachten nicht alles gesagt, nach fast zwei Jahrtausenden Christentum?

(c) Raimond Klavins/unsplash.de
Datum:
22. Dez. 2025
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 33/2025 | Dr. Annette Jantzen

Über 800 Jahre nach der ersten Weihnachtskrippe, inszeniert von Franz von Assisi im Wald von Greccio, hat sich so vieles auf diesem Fest angelagert: Hoffnung, Licht, Erwartungen. Die Verbindung mit der Wintersonnenwende, mit Tannengrün als Zeichen für das Leben auch im Winter, mit Stiller Nacht, heiliger Nacht.

Wie Baumringe, wie Sedimente haben diese Verbindungen die Texte der Evangelien überformt, Hörgewohnheiten und damit Heimat geschaffen und doch diesen Kern erkennbar gelassen: Am Anfang steht die Geburt. Auch in unserer Welt noch ist diese Grundkonstante des Lebens unverfügbar: Es ist darauf angewiesen, eine bewahrende Umgebung zu haben. Wir alle sind in einem anderen Organismus herangewachsen, und wir teilen alle die Körpererfahrung, geboren worden zu sein. Unser Sterben können wir nur im Vorgriff als zu uns gehörend begreifen – unser Geboren-worden-Sein haben wir alle erlebt.

Was für uns in den Weihnachtsgeschichten der Anfang von allem ist – das Engelwort, der Jubel, der Stern – ist für die ersten Hörerinnen und Hörer, Leserinnen und Leser erst im Nachhinein hineinerzählt worden. Nachdem sie mit und an Jesus von Nazaret Erfahrungen der Gegenwärtigkeit Gottes selbst gemacht hatten – sattwerden, heilwerden, Schuld hinter sich lassen können, schließlich die Machtlosigkeit selbst des Todes und derer, die ihn anordnen können – erzählten sie von ihm so, dass diese Gegenwärtigkeit Gottes sein Leben von Anfang an überstrahlte.

Dr. Annette  Jantzen ist Theologin. (c) Bistum Aachen/Martin Braun
Dr. Annette Jantzen ist Theologin.

Diese Göttlichkeit von Anfang an ist uns so in Fleisch, Blut und religiöse Kultur übergegangen, dass sich gelegentlich das feststellen lässt, was Karl Rahner einen „naiven Monophysitismus“ nannte: dass über der Göttlichkeit Jesu sein ganz wirkliches Menschsein untergeht. Dann wird aus dem Erstgeborenen einer jungen Frau in Nazaret, die Lukas später so klar als Prophetin zeichnet – denn wenn in der Bibel die Geistkraft Gottes auf einen Menschen herabkommt, dann ist dieser Mensch hinterher in der Regel nicht schwanger, sondern eben als Prophet oder Prophetin geistbegabt –, ein Gotteskind, irgendwie durch göttliches Eingreifen auf die Erde gekommen.

Die diese Geschichten geschrieben haben, konnten ja nicht wissen, dass ihre Geschichten später von Menschen gelesen würden, die mit der Frage „ist das wahr?“ nicht meinen, ob man sich darauf verlassen kann, dass es gottvolle Geschichten sind, sondern die damit meinen: „Ist das wirklich so passiert?“ Bei ihnen klang das leicht enttäuschte „Nur“ nicht mit, das bei uns so naheliegt, wenn wir feststellen: Es ist eine Geschichte. Aber wenn es ein Faktum wäre, dann wäre es banal, denn erst aus den Deutungen können wir leben.

Während für heutige Gläubige die Göttlichkeit Jesu oft mit sich bringt, dass er eben doch nicht ganz so ein von Grund auf menschlicher Mensch wie wir gewesen sei, sondern irgendwie unkörperlich gezeugt und von einer faktischen Jungfrau geboren, bedeutete das für unsere sehr frühen Vorgängerinnen und Vorgänger im Glauben: Im Mensch unter Menschen ist Gott wirksam.

Nicht Augustus ist der Sohn Gottes, nicht ihm ist nachzufolgen, und der Friede auf Erden, den Menschen zugesagt, an denen Gott Gefallen hat, weil sie nach der guten Weisung Gottes leben, ist etwas sehr anderes als die Pax Romana. In der Pax Romana werden Menschen gezählt – etwas, das in biblischen Schriften in direktem Widerspruch zu Gottes Willen steht, so dass diese Erwähnung durch Lukas auch als eine Auslegung und Anwendung entsprechender ersttestamentlicher Bibelstellen fungiert – und militärisch unterdrückt, denn der von Lukas erwähnte Quirinus war zur Zeit, von der Lukas erzählt, militärischer, nicht regulärer Statthalter der Region. Letzterer war Varus, aber Quirinus war extra zur Niederschlagung von Aufständen abgestellt.

In dieser bedrückenden Situation singt bei Lukas das Engelheer vom göttlichen Frieden – das ist überhaupt kein Kitsch, im Gegenteil, das ist sehr politische Theologie. Diese sehr politische Theologie, mit der allen Machthabern dieser Erde die Berechtigung zu ihrer Machtausübung entzogen wird, beginnt bei Lukas mit einer Geburt, nicht mit einem durch göttliches Eingreifen auf die Erde transferiertes Kind, dass den Schoß der Jungfrau nur streift. Das ist ja auch nicht nötig, damit in Jesu Leben Gottes Glanz final aufscheint. Wenn die Geburt vergeistigt dargestellt wird, könnte das die Gefahr mit sich bringen, über dieser ins Besondere entrückte Geburt die Hoffnung aus dem Blick zu verlieren, die gerade in diesem ganz menschlichen Leben aufleuchtet: keine Illusion, sondern eine wirkliche Hoffnung darauf, dass es eine Rettung gibt aus den vielen Unterdrückungssystemen, die Menschen kennen, damals wie heute, so wie es dieses Baby im Namen trägt: Jeschua heißt Befreiung.