Hinter die Fassade schauen

Mit einem Stadtrundgang hat die kirchliche Jugendarbeit für koloniale Spuren in Aachen sensibilisiert

Das Uni-Hauptgebäude war Ausgangspunkt für die Demonstration der afrikanischen Studierenden. (c) Andrea Thomas
Das Uni-Hauptgebäude war Ausgangspunkt für die Demonstration der afrikanischen Studierenden.
Datum:
15. Sep 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 38/2020 | Andrea Thomas

Die „Black Lives Matter“-Bewegung hat neuen Schwung in die Rassismusdebatte gebracht, nicht nur in den USA. Anfeindungen gehören auch in Deutschland zum Alltag von Migrantinnen und Migranten. Die Wurzeln für die Ablehnung des „Fremden“ liegen auch in der deutschen Kolonialgeschichte. Die Auseinandersetzung mit diesem eher verdrängten Teil unserer Geschichte kann zu mehr Sensibilität gegenüber Alltagsrassismus beitragen. 

Wie so vieles, gelingt das vor allem über das konkrete Beispiel. Schaut man einmal auf die Spuren, die der Kolonialismus im eigenen Lebensumfeld, der eigenen Stadt hinterlassen hat, wird abstrakte Geschichte realer und greifbarer. Jan Röder, Geschichtswissenschaftler und Sozialpädagoge, beschäftigt sich bereits seit Längerem mit dem Thema Kolonialismus in Aachen und hat dazu mit dem pädagogischen Zentrum mehrere Stadtrundgänge entwickelt.

Einen davon, zu „Kolonialismus und Widerstand“, hatte die kirchliche Jugendarbeit in der Region Aachen-Stadt nun aufgegriffen und dazu eingeladen, mit Jan Röder in Aachens Innenstadt auf Spurensuche zu gehen. Neben der eigentlichen Zielgruppe, Jugendliche und junge Erwachsene, hatten sich auch andere Interessierte davon ansprechen lassen, was Initiatorin Lea Loogen, Jugendbeauftragte für Aachen-Stadt, sehr freute. „Gerade wegen Corona hatten wir gar nicht mit so einer Resonanz gerechnet. Schön, dass sich zwölf Leute, Jüngere und Ältere, darauf einlassen.“ 


Thema mit vielen Facetten

Dass das den Teilnehmern einiges an Ausdauer und Bereitschaft zur Aufnahme und Verarbeitung abverlangte, wurde schnell deutlich. „Das Thema ist sehr vielschichtig und komplex. Eigentlich müsste man den Rundgang in ein Seminar einbinden, um die entsprechenden Grundlagen zu vermitteln, und das Gehörte danach noch gemeinsam reflektieren“, erklärt Jan Röder. Er bemüht sich stattdessen, unterwegs immer wieder Hintergrundwissen zu vermitteln und steht danach noch für Fragen und zum Austausch zur Verfügung. Vieles kann er nur anreißen, zumal es in Aachen dazu noch Forschungsbedarf gibt. Noch sei das hier kein großes Thema, doch das Interesse und die Aufmerksamkeit wachse. 

Erste Station ist das Hauptgebäude der RWTH Aachen. Hier hatten afrikanische Studierende im Januar 1961 nach der Ermordung von Patrice Lumumba, dem ersten Präsidenten des Kongo, nachdem Belgien seiner ehemaligen Kolonie die Unabhängigkeit gegeben hatte, zu einer Demonstration aufgerufen. Lumumba hatte es gewagt, vor der Weltöffentlichkeit von der Grausamkeit der Kolonialherren gegenüber seinen Landsleuten zu sprechen. Ein Thema, das, so ein Artikel aus der Zeit, vor allem die afrikanischen und asiatischen Studierenden und weniger ihre deutschen Kommilitonen bewegte.

Im Jahr 1832 gründete der Aachener Arzt Heinrich Hahn den Franziskus-Xaverius-Missionsverein, aus dem später das Hilfswerk Missio entstanden ist. Mission und Kolonialismus waren eng verflochten, wie Jan Röder ausführt, woraus sich ein durchaus ambivalentes Verhältnis zwischen beidem ergab. Missionare seien nah an den Menschen gewesen, hätten sich ihnen verbunden und veranwortlich gefühlt und die Gewalt in den Kolonien vielfach verurteilt. Auf der anderen Seite seien Bedrohungen gegen Missionare oft der Grund für Gewalt gewesen oder hätten militärisches Eingreifen legitimiert. Ebenfalls fragwürdig: Für Gegenstände aus den Kolonien, die dann in einem Missionsmuseum, wie es das auch in Aachen gab, gezeigt wurden, gab es Spenden für die Missionsarbeit.
Ganz konkret spürbar in ihrem Alltag wurde der Kolonialismus für die Bewohner Aachens und des Umlands nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der die deutsche Kolonialmacht beendete. In vielen anderen Ländern endete sie erst Jahrzehnte später.

Die französischen Besatzer setzten ganz bewusst auch Kolonialsoldaten ein. Nicht, um den Deutschen zu zeigen, dass sie Menschen wie sie auch waren, sondern um die Niederlage noch etwas bitterer zu machen: die „zivilisierten Europäer“, besetzt von Soldaten aus den Kolonien. Auf andere Art, nämlich über Waren aus fernen Ländern, war Deutschland bereits lange, bevor es selbst Kolonien hatte, Teil des Kolonialismus. Kaffee, Tee, Schokolade, Gewürze, wie sie auch für Aachener Printen verwendet werden, waren zunächst Privileg der Reichen, gelangten jedoch über die Kolonialwarenläden, den Vorläufern der „Tante-Emma-Läden“, im 19. Jahrhundert auch in bürgerliche Haushalte. Selbst im Karneval hat der Kolonialismus Spuren hinterlassen. Immer wieder griffen die Umzüge Themen und Ereignisse auf. Manche Kostüme bilden bis heute rassistische Stereotypen ab, siehe Baströckchen oder Chinesen mit Zopf.

All das sollte zum Nachdenken und Hinterfragen anregen, auch da, wo wir etwas zunächst nicht als schlimm oder gar rassistisch empfinden, wo bei genauerem Hinsehen jedoch Menschen herabgewürdigt werden, was nicht tragbar ist. „Es wird sich nur etwas verändern, wenn wir uns interessieren, informieren und das weitertragen“, sagt Lea Loogen. Was gar nicht so leicht ist, wie die teils heftigen Reaktionen auf die Umbenennung eines Aachener Cafés aktuell zeigen. Für die Besitzer passt der nicht zu ihren Werten. Dem Eis wird ein neuer Name nicht den Geschmack nehmen, wohl aber den Beigeschmack, den der alte bislang bei Menschen dunkler Hautfarbe auslöste.

Ein Stadtrundgang auf den Spuren des Kolonialismus in Aachen

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