Hilfe aus dem Netz

Telefonseelsorge und Katholische Hochschule kooperieren bei der Ausbildung von Chat-Beratern

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17. Sep 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 38/2019 | Kathrin Albrecht

„Jeder braucht mal Hilfe“ – unter diesem Motto bietet die Telefonseelsorge Menschen in Not die Möglichkeit zum Gespräch. Zunehmend greifen Menschen in ihrer Hilfesuche auf digitale Medien zurück. Ein Anlass für Pfarrer Frank Ertel, Leiter der Telefonseelsorge Aachen-Eifel, und für die Katholische Hochschule NRW, Abteilung Aachen, gemeinsam neue Wege zu beschreiten. Acht Studierende der Katho haben sich im Rahmen dieser Kooperation zu Online-Beratern ausgebildet. 

Bei der E-Mail- und Chat-Beratung sei der Bedarf stetig gestiegen, beschreibt Frank Ertel die Entwicklung. „In den letzten vier Jahren ist die Zahl der Anrufenden unter 30 Jahren um über 30 Prozent gesunken. Bei den unter 20-Jährigen sogar um 70 Prozent,“ fasst er seine Beobachtungen zusammen. Das Telefon werde von dieser Altersgruppe als zu persönlich empfunden. Digitale Angebote hingegen seien niedrigschwelliger und bewirkten, dass Ratsuchende angstfreier ihre Probleme benennten und offener über schambelastete oder tabuisierte Themen sprächen.

Für Petra Ganß, Professorin an der Katho und Studiengangsleiterin des Regelstudiengangs Soziale Arbeit, bedeutet die Tatsache, dass digitale Kommunikation zunehmend zum Alltag der Menschen gehört, dass in der Konsequenz auch die professionelle soziale Beratung darauf reagieren muss: „Soziale Arbeit ist gefordert, internetbasierte Beratungs- und Unterstützungsplattformen bereitzustellen. Dafür müssen die Fachkräfte entsprechend qualifiziert werden.“

Zwei Semester lang dauerte das Begleitseminar zur Online-Beratung. Dabei lernten die Teilnehmer, sieben Frauen und ein Mann, in einer Mischung aus Theorie und Praxis die Grundlagen der Online-Beratung, um im späteren Verlauf in Begleitung von Beratern der Telefonseelsorge E-Mail- und Chat-Anfragen von Hilfesuchenden zu beantworten. In einer persönlichen Beratung sitzen sich Ratsuchender und Berater gegenüber, man habe als Berater eine Akte, die eventuell etwas über die Vorgeschichte des Ratsuchenden verrät. Das gibt es im Fall der E-Mail- und Chat-Beratung so nicht, beschreiben die Studierenden. In der Online-Kommunikation werde etwa 20 Prozent dessen transportiert, was im persönlichen Gespräch vermittelt werde.

In der Qualifikation arbeiteten die angehenden Online-Berater unter anderem mit dem Vier-Folien-Konzept, das bereits von anderen Einrichtungen wie der Caritas in der Online-Beratung eingesetzt wird. Rund 45 Minuten dauere ein Chat. Eine besondere Schreib- und Lesekompetenz erfordere das, erzählen die Teilnehmer. Hinter jedem Satz stecke eine Geschichte. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, genau auf die Formulierungen zu achten, konkrete Fragen zu stellen, sei dabei wichtig, erläutert Andreas Pils, der als langjähriger Berater der Telefonseelsorge auch den Studierenden über die Schulter schaute und eingriff, wenn sie allein nicht mehr weiterkamen.

 

Sucht, Missbrauch, Isolation sind wichtige Themen im Chat

Petra Ganß ergänzt: Wichtig sei es, Präsenz zu zeigen und eine ermutigende Haltung zu entwickeln. In allgemeine Floskeln oder Ratschläge zu verfallen, sei kontraproduktiv: „Ratschläge sind auch Schläge“, meint Ganß. Die Probleme, mit denen die jungen Menschen in den Gesprächen konfrontiert werden, sind ernst. Von Sucht und Missbrauch über Stresssituationen in der Familie bis zu Isolation und Einsamkeit reiche das Spektrum, bei älteren Chat-Benutzern seien darüber hinaus auch Krankheit und Depression ein Thema, berichten die Studierenden. So mussten sie auch lernen, die Probleme der Ratsuchenden nicht mit in ihren Alltag zu nehmen. Leicht war das nicht, berichtet Amelie Bonnie: „Es gab schon Dinge, über die ich den ganzen Tag noch nachgedacht habe. Doch man lernt, Abstand zu nehmen.“ Alle acht möchten in der Chat-Seelsorge weitermachen.

Für Frank Ertel ist das Angebot zukunftsweisend. Durch die Kooperation mit der Katho habe man das Angebot der Chat-Seelsorge außerdem um 300 Prozent steigern können. Diese Entwicklung in der Seelsorge spiegele auch die Entwicklung der Kirche wider. Zunehmend entdecke und besetze diese auch digitale Räume. Auch Bischof Helmut Dieser habe erkannt, dass das keine Spielerei sei, und nehme den Bereich ernst, sagt Ertel. Eine Zukunftsperspektive sieht auch Petra Ganß. Die begleitende Qualifizierung soll im Rahmen eines Studiums der Sozialen Arbeit verstetigt werden, denn auch in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit werde die Onlineberatung ein wesentliches Element darstellen. Ein erster Schritt dazu ist gemacht. In diesem Wintersemester startet ein Nachfolgeseminar.

Info

1975 gründete sich die Telefonseelsorge Aachen-Eifel, die vom Bistum Aachen und dem Evangelischen Kirchenkreis Aachen getragen wird. Die Chat-Seelsorge kam 2010 dazu. Derzeit sind 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge Aachen-Eifel tätig. Regelmäßig bietet die Telefonseelsorge Qualifizierungen für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Telefon-, E-Mail- und Chat-Seelsorge an. Ein neuer Kurs beginnt im Februar 2020. Weitere Informationen per E-Mail an: info@ telefonseelsorge-aachen.de.