Handwerk mit viel Symbolik

Annemarie Keldenich aus Stolberg ist fasziniert von Ikonen, ihrer Fertigung und ganz eigenen Ausstrahlung

Annemarie Keldenich schätzt die Welt der ostkirchlichen Heiligen und hat ihnen in ihrer Wohnung einen eigenen Raum geschaffen. (c) Foto: Marie-Luise Otten
Annemarie Keldenich schätzt die Welt der ostkirchlichen Heiligen und hat ihnen in ihrer Wohnung einen eigenen Raum geschaffen.
28. Jul 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 31/2020 | Marie-Luise Otten

Der Erwerb von Ikonen ist kein klassisches Sammeln von Gegenständen wie etwa Briefmarken, Münzen, Bierdeckeln oder Parfumflaschen. Seit ungefähr zwanzig Jahren beschäftigt sich die Stolbergerin Annemarie Keldenich mit der Ikonenmalerei und der damit verbundenen Heiligenverehrung. Die Rentnerin ist der russisch-orthodoxen Religion sehr zugetan.

Bei einem Aufenthalt in Jerusalem besuchte Annemarie Keldenich eine orthodoxe Liturgiefeier und war gleich fasziniert von dem feierlich-innigen und ehrwürdigen Gottesdienst. Zurück in Deutschland, beschäftigte sie sich fortan intensiver mit der „göttlichen Liturgie“. Die Ikonen bekamen immer mehr Bedeutung in ihrem Leben, und sie hat angefangen, im Exerzitienhaus St. Ulrich in Hochaltingen, einem Ortsteil der Gemeinde Fremdingen im schwäbischen Landkreis Donau-Ries, bei dem orthodoxen Priester John Reves Ikonen malen zu lernen. So hat sie gleich im ersten Kurs erfahren, dass es nicht Ikonen malen heißt, sondern Ikonen schreiben, denn Meditation und Gebet führen Interessierte persönlich in das Leben und Wirken der Heiligen hinein.

Die Ikone ist das Kultbild der christlich-orthodoxen Kirchen. Während die ältesten erhaltenen Ikonen aus dem 6. Jahrhundert vor allem aus Russland und Griechenland, Rumänien und Zypern stammen und sich die Ursprünge auf Bildnisse von Kaisern und Bischöfen zurückverfolgen lassen, wurden die Porträts von Christus und anderen Heiligen erst nach und nach üblich. Die Ikonen sind fest im Glauben verankert als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits, ihnen wird oftmals sogar eine Wunderwirkung zugeschrieben. Daher ist ihre Stellung auch eine andere als die der Heiligenbilder der römisch-katholischen Kirche, die dem künstlerischen Aspekt eine größere Rolle einräumt.

Die häufigsten Ikonen gibt es von Jesus und Maria, wovon die meisten auf sehr alte und wundertätig geltende Urbilder zurückgehen, zum Beispiel den Mandylion, das Christusbild von Edessa, das nach der Legende keine Ikone war, sondern ein Tuch. Dazu gehört auch die in Rom aufbewahrte Ikone des heiligen Lukas. Später kamen Heilige und Märtyrer dazu sowie bestimmte Festtage wie Weihnachten, Himmelfahrt und Pfingsten. Im Gegensatz zum Westen wird in der orthodoxen Kirche der Heiligen und Märtyrer an ihren Gedenktagen besonders feierlich gedacht. Die in Bildern erzählten Geschichten aus der Bibel und gemalten Glaubensbekenntnisse nennt man auch die „Bibel der Armen“.

Im Gegensatz zu dem gesprochenen oder gesungenen Wort sprechen die Ikonen zunächst den Augensinn an und unterstützen die jedem von uns innewohnende eigene Vorstellungskraft. Sie sind Handwerk und Kontemplation gleichermaßen. Dieses Ausstrahlen von Zeitlosigkeit bedeutet für Annemarie Keldenich Geborgenheit und Segensfülle. Die Schönheit, die Farben und die Aussagekraft des Bildes in ihrem sogenannten Betrachtungsraum, heiligen Raum des Göttlichen, lässt sie gerne auf sich wirken. Hier spürt sie die Gegenwart Gottes, wird achtsamer mit sich selbst und im Umgang mit den Mitmenschen.

Für jedes Detail gibt es Vorschriften

Bei den Kursen in Hochaltingen erfuhr Annemarie Keldenich, dass in ihrer näheren Heimat, in Chevetogne am Nordrand der belgischen Ardennen bei Namur, ein Kloster liegt, das sowohl Benediktiner als auch orthodoxe Mönche beherbergt. Sie zelebrieren den Gottesdienst nach dem westlich-lateinischen oder römischen Ritus wie auch nach dem östlichen, dem byzantinischen Ritus. Seitdem besucht sie Kloster Chevetogne regelmäßig.

Heutzutage beruht die Technik zur Fertigung von Ikonen auf der überlieferten byzantinischen Lasurtechnik, in der die Farben in bis zu 60 Schichten übereinander aufgetragen werden. Mittels Vorlage wird das Motiv Schritt für Schritt erst auf Pergament und dann auf das Holz übertragen. Für jedes Detail gibt es exakte Vorschriften, die mit viel Symbolik verbunden sind, zum Beispiel für Gewänder, Heiligenscheine oder Beschriftungen. Die Farben bestehen aus trockenen Farbpigmenten, welche mit Eigelb und etwas Spiritus zu einer Emulsion vermischt werden. Nach der Grundierung werden Schicht für Schicht mit fast trockenem Pinsel die verschiedenen Farben aufgetragen, bis der gewünschte Ton erreicht ist. Wichtig ist, dass jede einzelne Farbe erst trocknen muss, bevor die nächste dran kommt. Um so heller und schimmernder wird dann das Bild. Keine Stelle wird zwei Mal bearbeitet. Das Blattgold ist nur für den Heiligenschein. Die Schriftzeichen befinden sich am Rand oder in der Ikone und sind in Griechisch oder Kirchenslawisch gehalten.

Maltechnisch anspruchsvoll

Die Bezeichnung bezieht sich auf das Dargestellte oder das Fest; sie ist Voraussetzung für die Weihe, die ein Bild erst zu einer Ikone im religiösen Sinne macht. Es ist nicht üblich, die Ikone zu signieren. Doch aufgrund des Stiles und der Pinselführung erkennt das geübte Auge den Meister, zum Beispiel den russischen Ikonenmaler Andrei Rubljow. Bei neueren Ikonen, die nicht von Ordensleuten hergestellt wurden, kommt allerdings öfters eine Signatur vor.

Ikonen malen ist maltechnisch anspruchsvoll, aber durchaus erlernbar. Es gibt Motive und Anleitungen in Büchern und Kalenderblättern. Empfehlenswerter für Anfänger sind jedoch Ikonenmalkurse, wie sie in Klöstern und Exerzitienhäusern angeboten werden. Auch die Bischöfliche Akademie Aachen bietet in jeder Fastenzeit einen solchen Kurs an.