Bewegung in der Natur tut gut. Sie regt den Kreislauf an, beruhigt die Nerven und inspiriert das Gehirn zu neuen Gedanken. Das wussten schon die alten Philosophen und Dichter. In vielen Städten führen Philosophenwege durch Grünanlagen. Die Natur- und Kräuterführerin Nadine Eiben aus Korschenbroich hat der KirchenZeitung gezeigt, welche Heilkraft in der Natur steckt.
Diese Pflanze kann auch der Laie bestimmen: Löwenzahn. Die Blume, die dafür sorgt, dass im heimischen Garten der englische Rasen ein unerfüllbarer Traum bleibt. Die Blume, die sich auch in der grauesten Stadt durch das Straßenpflaster kämpft und einen gelben Farbtupfer ins Bild bringt. Die Blume, die später als Pusteblume Kinder begeistert, wenn sie mit spitzen Lippen die Samen durch die Luft wirbeln lassen.
„Löwenzahn hilft gegen Warzen“, sagt Nadine Eiben. „Die weiße Flüssigkeit aus den Stengeln kann man darauf tupfen. Die ist nämlich entgegen der viel verbreiteten Meinung nicht giftig.“ Die Blätter, die sehr reich an Vitamin C, Eisen und Eiweiß sind, kann man gut roh essen oder kleingehackt für Kräuterbutter nutzen. Und die gelben Blütenblätter schließlich bringen auf manches Brot oder über den Salat gestreut Farbe ins Essen.
Auch ein goldgelbes Gelee lässt sich aus den Blütenblättern herstellen, das leichte Bitterstoffe enthält. Getrocknet lassen sich die gelben Blättchen genauso wie die grünen für Tee verwenden. „Löwenzahn ist harntreibend und gut für die Galle, Leber und Nieren“, sagt Eiben.
Seit 2019 ist Nadine Eiben aktiv in der Weiterbildung zu Wald- und Naturthemen. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat sie viele Jahre in Unternehmen gearbeitet und war dort für Finanzen, Personal und Qualitätsmanagement verantwortlich. Doch dann hat sie sich entschlossen, ihrem Interesse an der Natur zu folgen. Mit einer Ausbildung zur „Naturtrainerin“ beim Naturschutzbund (Nabu) fing ihr zweites Berufsleben an. Weil sie das Ökosystem Wald so faszinierend fand, absolvierte sie an der Waldakademie von Peter Wohlleben eine Ausbildung zur Waldführerin.
„Faszinierend finde ich, dass die Natur so viel Zuversicht ausstrahlt“, sagt die Mutter von drei Kindern. „Für sie gibt es immer eine Zukunft.“ Sie zeigt den Zweig eines Strauches: Neben den aufgehenden Knospen, aus denen grüne Blätter sprießen, sieht man auch winzige Knospenansätze. „Hier sind schon die Knospen für kommendes Jahr angelegt“, sagt Eiben. Dass die Natur dafür sorgt, dass im Prinzip alle Lebewesen Nahrung finden und so alles wiederverwertet wird, ist ein weiterer faszinierender Aspekt.
Vom letzten Sturm liegen im Wald bei Korschenbroich abgeknickte Bäume herum, auf denen sich inzwischen Moos angesiedelt hat. Das kühlt bei kleinen Verletzungen. Wenn man zum Beispiel falsch in die Brennnessel gegriffen hat. Eine Pflanze, die bei jedem Respekt auslöst, denn kaum jemand kommt durchs Leben, ohne die brennenden Abwehrmechanismen der grünen Blätter kennenzulernen.
Eiben pflückt ein Blatt mit bloßen Fingern. Dabei greift sie an den Blattstengel. „Wenn man die Brennfäden auf der Rückseite Richtung Blattspitze streicht, passiert gar nichts“, sagt Eiben und beweist das sofort. Ihre Finger streichen das Blatt, ohne eine Spur von Quaddeln zu bekommen. Brennnessel kann auch gegessen werden. Eiben rollt dafür das Blatt mit der Unterseite nach innen ein, faltet es zu einem kleinen Päckchen und reibt es zwischen den Händen. So werden die Zellstrukturen zerstört und man kann das Blatt roh essen. Die Verkostung mündet in der Erkenntnis, dass rohe Brennnessel geschmacklich an Kohlrabi erinnert.
Brennnessel sind ein wahres Superfood. Jetzt haben sie besonders viele Nährstoffe – genauso wie die anderen Kräuter, die gerade überall wachsen. Aus Brennnessel lässt sich gut ein Smoothie machen: ein wahres Kraftpaket mit mehr Vitamin C als in Zitrusfrüchten, dazu liefert sie Eisen, Kalium und Magnesium. Überhaupt haben die Kräuter in der Natur gerade ihren Höhepunkt an Nähr- und Vitalstoffen. „Jetzt steckt die ganze Kraft in den Pflanzen“, sagt Eiben.
Aber natürlich sollen die Heilkräfte auch konserviert werden. Trocknen oder die Produktion von Auszügen mit Alkohol, Öl oder Salz sind bewährte Methoden. Die Blätter der Brennnessel lassen sich zum Beispiel gut für Tee trocknen. „Am besten im Spätsommer ernten und zum Trocknen wie einen Blumenstrauß aufhängen“, rät die Naturexpertin. Wichtig: Zum Ernten unbedingt Handschuhe herstellen. Geeignet sind die jungen Blätter, die sich an der Spitze der Pflanze befinden. Im Herbst sind auch die Samen ein leckerer Nährstoff-Booster.
Aber: „Nur essen, was man zweifelsfrei kennt und bestimmen kann“, warnt Eiben. Denn Verwechslungen können zu Vergiftungen führen. Anfängern rät sie, ein Kräuter-Journal anzulegen. Darin kann man sich Notizen machen, die Pflanze zeichnen und ein Exemplar gepresst aufbewahren.