Woher er ursprünglich kommt, weiß sie nicht mehr. Donata Tophofen weiß nur, dass der Schmerzensmann das Geschenk einer befreundeten polnischen Familie war. Aus Polen reiste der geschnitzte Holzchristus zuerst nach Neuss, dann nach Aachen. Doch die längste Etappe seiner Reise beginnt erst. Bald erreicht er ein mehr als 7000 Kilometer entferntes Ziel: das ostafrikanische Tansania.
In einer Lagerhalle in Stolberg wartet der Schmerzensmann auf seine Überfahrt. Seit Anfang April türmen sich dort Spenden des Bistums Aachen, außerdem das Inventar einer Trierer Zahnarztpraxis. „Wenn wir die Sachen verpackt haben, machen sie sich in einem Container auf den Weg nach Amsterdam“, sagt Logistikunternehmer Peter Krings. Von Amsterdam gehe es über den Atlantik und den Indischen Ozean nach Daressalam. „Und von dort noch weitere 1200 Kilometer ins Landesinnere, in die Diözese Kigoma.“ Das Bistum Kigoma – eine von 33 Diözesen in Tansania – ist ungefähr zehnmal so groß wie das Bistum Aachen. 650.000 Katholiken leben dort, Bischof ist Joseph Mlola.
Krings ist Kirchenvorstand in Konzen und mit seiner Frau Elke verantwortlich für den Förderverein Bruder Theo Call, Weißer Vater der Afrika-Missionare. Der 500 Mitglieder starke Verein führt das Lebenswerk des Eifeler Missionars Theo Call weiter und unterstützt die Menschen in der tansanischen Pfarrei Kabanga. Call lebt heute in einem Pflegeheim bei Trier. Die Menschen in der Pfarrei erinnern sich aber immer noch an ihn, den „Hokwa“, den starken Mann. Denn Theo Call hat ihnen geholfen, Straßen und Brücken zu bauen, einen Stausee anzulegen, Schule und Krankenhaus mit Strom zu versorgen.
In der Pfarrei Kabanga fehlt es aber nicht nur an Infrastruktur. Das katholische Christentum ist dort eine wachsende Religion. „In der Diözese bauen die Menschen jährlich ein bis zwei neue Kirchen. Viele Kirchen werden auch vergrößert“, sagt Peter Krings. Die Folge: ein hoher Bedarf an sakralen Gegenständen. Oft fehlt den Gemeinden aber das Geld; vieles müssen sie mit Spenden finanzieren. Über Krings knüpfte der Förderverein deshalb Kontakt zu Dr. Anna Maria Wellding, der Referentin für Kunst und Denkmalpflege des Bistums Aachen. Und Wellding vermittelte rund 40 sakrale Gegenstände für die Überfahrt nach Tansania, dazu noch unzählige kleinere Kruzifixe und Skulpturen.
Vieles stammt aus aufgelösten Kirchen im Bistum Aachen. Zum Beispiel aus der ehemaligen Erlöserkirche in Aachen-Brandt, die heute ein Kolumbarium ist. Einige Gegenstände, darunter Messdienergewänder und Tabernakel, sind fast 100 Jahre alt. Das Alter eines Taufbeckenssteins schätzt Wellding sogar auf etwa 200 Jahre. Vieles hat Gläubigen aus Städten wie Krefeld und Jülich viel bedeutet.
„Offiziell gehören die Gegenstände noch Gemeinden, aber genutzt werden sie schon lange nicht mehr“, erläutert Wellding. Private Spenden nehme sie eigentlich nicht an. Für Donata Tophofen habe sie eine Ausnahme gemacht. „In dem Fall war es schön, weil wir sofort einen Abnehmer für die Gegenstände gefunden haben“, sagt Wellding. Noch schöner sei für sie als Kunsthistorikerin aber, wenn alte Gegenstände an ihrem neuen Bestimmungsort restauriert und wieder genutzt würden.
Zwischen Kruzifixen und kleinen Hockern in der Form von Backenzähnen liegen irgendwo Tophofens Schmerzensmann und weitere Sakralgegenstände, die Tophofen und ihre Schwestern Violaine und Verena aus dem aufgelösten Elternhaus gespendet haben. Darunter ist ein großes Kruzifix mit Tonkorpus, das ihr verstorbener Vater – ein Willicher Schulrektor – in den 70er Jahren für seine Schule hat anfertigen lassen. „Als er pensioniert wurde, hat er das Kreuz mit nach Neuss genommen“, sagt Tophofen. „Ich bin damit aufgewachsen. Leider hat es die letzten Jahre im Elternhaus nur noch auf dem Speicher gelegen.“
Auch an den Schmerzensmann hat Tophofen viele Erinnerungen. Zu Zeiten der Solidarność-Bewegung in den 80ern habe ihre Familie polnische Studenten aufgenommen und Hilfstransporte nach Polen organisiert. „Wir haben enge, fast familiäre Kontakte dorthin geknüpft“, sagt Tophofen. Die vier Kinder der befreundeten Familie seien für ihren Vater später wie eigene Enkelkinder gewesen. „Bei Festen wie der Kommunion waren wir immer dabei. Seit 1984 war ich bestimmt jedes Jahr in Polen.“
Die Gegenstände, die Wellding und Tophofen mit auf die Reise gegeben haben, sind künftig Teil des Glaubenslebens auf einem anderen Kontinent. Sie sind dabei, wenn Menschen ihre Kinder taufen lassen oder die Heilige Messe feiern. Für Donata Tophofen ist das ein tröstlicher Gedanke: dass Gegenstände wie der Schmerzensmann, an den sie viele schöne Erinnerungen hat, nun an einem anderen Ort auf der Welt geschätzt werden.