Gott finden am Wegesrand

Wegekreuze haben eine lange Tradition. Einzelpersonen und Gruppen engagieren sich für ihren Erhalt.

Dank privaten Engagements konnte das Kreuz in der Nähe des Uniklinikums in Stand gesetzt und mit einem neuen Korpus versehen werden. (c) Andrea Thomas
Dank privaten Engagements konnte das Kreuz in der Nähe des Uniklinikums in Stand gesetzt und mit einem neuen Korpus versehen werden.
24. Mär 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 13/2020 | Andrea Thomas

 In diesen Tagen ist der Wunsch nach Gottes Beistand groß. Wie in allen Krisenzeiten  suchen Menschen nach Halt, auch die, die sich vielleicht sonst nicht als religiös bezeichnen würden. Gottesdienste als Ort des gemeinsamen Gebets fallen derzeit nun aber weg. Was bleibt, ist die Möglichkeit des stillen Gebetes, zu dem viele Kirchen zumindest zu bestimmten Zeiten offen stehen. Aber auch ein Kreuz am Wegesrand kann dafür ein Ort sein.

Geht man mit offenen Augen durch den Ort oder die Natur, entdeckt man auch in unserer Region noch an vielen Stellen Wegekreuze. Gerade jetzt in der Fastenzeit erinnern sie auch an das Opfer, das Gott selbst in seinem Sohn für die Menschen gebracht hat. Etwas, das gerade in diesen schweren Tagen, Mut und Kraft schenken kann.

Wegekreuze oder Flurkreuze gibt es seit altersher. Sie sind aus Stein, Holz oder Metall, oft sind es gerade in katholischen Regionen Kruzifixe mit der Darstellung des gekreuzigten Christus. Die Anlässe für ihre Errichtung sind vielfältig. Oft dienten und dienen sie bis heute als Landmarken, Wegzeichen für Wanderer oder Pilger, markieren Wallfahrts- und Prozessionswege. Gedenk- und Sühnekreuze erinnern an ein großes Unglück und seine Opfer, eine Naturkatastrophe, ein Grubenunglück, ein Verbrechen oder in neuerer Zeit an einen Verkehrsunfall. Andere wurden als Dank errichtet, weil Katastrophen – Kriege, Unglücke oder schwere Krankheiten und Seuchen – die Menschen, die dort leben, weitgehend verschont haben. Manche Kreuze stehen alleine für sich, andere sind in eine Kreuzanlage eingebettet oder es gibt zumindest eine Bank, auf der man kurz innehalten kann für ein Gebet.

 

Kreuze und ihre Geschichten erhalten

Oft ranken sich Geschichten um solche Kreuze am Weg, von denen viele jedoch leider so langsam in Vergessenheit geraten. Oft geht damit nicht nur verloren, warum sie dort stehen, sondern auch, wer sich für ihren Erhalt zuständig fühlt. Kreuze verschwinden hinter wildwuchernden Büschen und Sträuchern, das Holz oder der Stein, aus dem sie gemacht wurden, verwittert, setzt Grünspan an oder leidet unter dem Schmutz der Abgase vorbeifahrender Autos. Nun fallen viele dieser Wegekreuze und Kreuzanlagen entgegen häufiger Annahmen nicht in die Zuständigkeit der Kirchengemeinde am Ort, sondern in die der Kommunen, auf deren Grund sie stehen. Wo es jedoch oft an Geld und Möglichkeiten (und manchmal vielleicht ein wenig auch dem guten Willen) fehlt, sich um den Erhalt zu kümmern.

Das übernehmen dann oft Einzelpersonen oder Gruppen, denen das Kreuz in ihrer Nachbarschaft oder die Kreuze in ihrem Stadtteil am Herzen liegen. Bei größeren Kreuzanlagen, zum Beispiel solchen, die an die Toten der beiden Weltkriege er- innern, gibt es häufig einen Kreuzverein, der sich um Erhalt und Instandhaltung kümmert. Auch Geschichts- und Heimatvereine kümmern sich, kartografieren die Standorte, recherchieren und bewahren die Geschichten dahinter und sorgen ebenso wie einige Gemeinden dafür, dass sie nicht dem Vergessen und dem Verfall zum Opfer fallen.

So hat sich zum Beispiel in Aachen-Laurensberg eine kleine Gruppe engagierter Privatleute zusammengefunden, die die Kreuze im Umfeld ihres Stadtteils schützen und erhalten wollen. Was nicht immer so ganz einfach ist, wie Cornelia Kleine-Kraiss erklärt. Viele seien in einem schlechten Zustand oder beschädigt und bräuchten eine professionelle Sanierung. Guter Wille alleine könne da sonst schnell mehr Schaden als Nutzen verursachen, eine gutgemeinte Putzaktion oder falsche Restaurierung das Material beschädigen. Sie und ihre Mitstreiter suchen daher sowohl Paten, die bereits sind, sich um die Pflege eines Kreuzes zu kümmern, als auch Handwerker, die sie mit Fachkompetenz unterstützen. Die Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen gestalte sich eher schwierig, denn eine Instandsetzung koste Geld, das niemand habe. So engagiert sich die Gruppe ein wenig in einer Grauzone: „Wir haben keine offizielle Ermächtigung, werden aber mit dem, was wir tun, geduldet“, sagt sie.  Gut zehn Kreuze, zum Teil städtisch, zum Teil privat, in und um Laurensberg halten sie so in Stand und haben ihnen zu neuem Glanz verholfen. E

in Beispiel ist das Kreuz in der Nähe des Aachener Uniklinikums, Ecke Schneebergweg/
Steinbergweg, dessen Korpus gestohlen worden war. „Pater Leo Disch aus dem Kloster Benediktusberg Mamelis, der uns sehr unterstützt, hat einen neuen Korpus für das Kreuz angefertigt, so dass es wieder komplett ist“, erzählt Cornelia Kleine-Kraiss. Erst kürzlich konnte, ebenfalls durch seine und die Unterstützung weiterer Helfer, ein Pilgerkreuz auf dem Weg von Aachen nach Moresnet erneuert  werden. Eine Pilgergruppe aus Horbach, Richterich und Laurensberg war so betroffen von dem Anblick des zerstörten Kreuzes gewesen, dass sie Spenden für seine Instandsetzung sammelte.

 

Bei der Arbeit kommen gute Gedanken

Opfer von Vandalismus ist wohl auch ein Kreuz geworden, das in Würselen an der Ecke von Klosterstraße und Neuhauserstraße steht. „Im Zweiten Weltkrieg sind die Menschen dort abends hingegangen, um zu beten“, berichtet Alexander Friedrich. Er hatte die Schändung des Kreuzes, von dem nur noch der Sockel übrig ist, kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres bemerkt und angezeigt. Nach einer Baumaßnahme war es erst 2018 wieder aufgestellt und Fronleichnam 2019 neu eingesegnet worden.  Insgesamt gibt es in Würselen 64 Wegekreuze, wie Karlheinz Klinkenberg vom Geschichtskreis St. Sebastian berichtet. Der Kreis hat sie katalogisiert und versucht ihre Geschichten zu recherchieren und zu erhalten. Auch sucht er immer wieder den Kontakt zu Leuten, die sie in Ordnung halten oder, die er dafür begeistern kann. Ab und an gelingt es auch, Firmlinge der Pfarrei für einen Pflegeeinsatz zu gewinnen.

Auch in Würselen sei das mit den Zuständigkeiten oft schwierig, berichten Klinkenberg und Friedrich. Letzterer ist Vorsitzender des Kreuzvereins Neuhaus-Prick, der sich um die Pflege der größeren Kreuzanlage an der Neuhauserstraße kümmert. Sie ist 1946 auf einem Trümmergrundstück entstanden, als Mahnmal und Dank der Menschen aus der Nachbarschaft, die den Krieg überlebt hatten. Seit 1990 kümmert Alexander Friedrich sich, zunächst mit seinem Bruder und seinem Vater, um die Pflege. Für ihn hat die Arbeit etwas Spirituelles, sagt er. „Das ist sehr meditativ und mir kommen beim Arbeiten gute Gedanken. Klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber ich habe das Gefühl, da spricht der liebe Gott zu mir.“ 

So ähnlich wird es vielen gehen, die sich um ein Kreuz kümmern. Es ist nicht alleine der Erhalt eines Denkmals sondern immer auch ein Dienst für Gott. So empfindet es auch Ehepaar Lentzen aus Laurensberg, das auf einem Zipfel seines Grundstücks, der in die Rathausstraße  hineinragt, eine kleine Anlage mit einem Kreuz neu geschaffen hat. Im Dezember vergangenen Jahres wurde es feierlich eingesegnet und lädt seitdem zum kurzen Innehalten ein. Das Kreuz stammt aus der mittelalterlichen Kirche Maria Himmelfahrt in Jülich und sei um die 300 Jahre alt, berichtet Walter Lentzen. Entdeckt hatten er und seine Frau es bei einem Steinmetz. Sie ließen es aufarbeiten und mit einem Stein, wie ihn die Bauern früher an ihren Toreinfahrten hatten, als  Sockel versehen. Für das Ehepaar ist ihr Wegekreuz nicht nur ein Ausdruck ihres Glaubens sondern steht auch als Zeichen für Zusammenhalt und Verbundenheit der Nachbarn an der Rathausstraße. Etwas, das in diesen Tagen auch, ähnlich dem stillen Gebet, einen neuen Stellenwert erhält.

Wegekreuze in der Region Aachen

3 Bilder