Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen spricht Im Interview mit der Kirchenzeitung über sein Engagement als katholischer Aufsichtsratsvorsitzender des vom Evangelischen Krankenhausverein zu Aachen getragenen Luisenhospitals, die verbindende Kraft von Werten und Unterschiede, die es „mit Liebe zu respektieren“ gilt.
Kirchenzeitung: Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender des Luisenhospitals. Wie kommt ein Katholik zu dieser Aufgabe beim Evangelischen Krankenhausverein zu Aachen?
Michael F. Bayer: Es gab eine gewisse persönliche Nähe. Ich bin zunächst bei den „Freunden und Förderern des Luisenhospitals“ eingestiegen – aus der Dankbarkeit heraus, dass in diesem Umfeld vier gesunde Kinder geboren worden sind. Über den Förderverein und den Vorstand führte das Engagement dann in den Aufsichtsrat, ich war lange Zeit stellvertretender Vorsitzender. Es ist eine unglaublich erfüllende Aufgabe. Aus meiner Erfahrung braucht es Personen, die sich mit diesem Haus identifizieren. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit. Und letztlich ist es auch eine Haltungsfrage.
Warum eine Frage der Haltung?
Bayer: Ich habe das Gefühl, ich kann an entscheidender Stelle etwas Sinnvolles bewegen. Das Management übernimmt natürlich der Vorstand. Aber es ist Aufgabe des Aufsichtsrats, zu schauen, dass strukturell alles gut funktioniert. Wir achten auch darauf, dass wir als Krankenhaus die Werte einhalten, die uns die Gründungsväter und der christliche Glaube mit auf den Weg gegeben haben. Ein Krankenhaus dient nicht der Religionsvermittlung oder Missionierung. Aber wir sind dennoch in einem christlichen Krankenhaus unterwegs. Das ist nicht nur ein Name, sondern ein Programm. Wir sind offen für alle, die kommen, wir gehen wertschätzend miteinander um. Wir verbergen unsere christliche DNA aber auch nicht. Aus dem christlichen Verständnis heraus ist es ein Anspruch, sich um Menschen zu kümmern, die Hilfe benötigen.
Widersprechen sich Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit nicht mit wirtschaftlichem Erfolg?
Bayer: Nein. Wärme allein reicht nicht. Die Medizin muss perfekt sein, die Finanzierung solide – in einem durchaus herausfordernden Umfeld. Unsere Aufgabe ist es, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Wider alle politische Meinung steht gutes Wirtschaften nicht im Gegensatz zu gesellschaftlichem Miteinander.
Wurden Sie als Katholik in einem protestantischen Verein schon einmal schief angeschaut?
Bayer (muss schmunzeln): Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit sind für mich keine rein katholischen oder protestantischen Werte, sondern universell christliche. Dafür setze ich mich gerne ein und bringe mein Talent ein.
Wie lässt sich Ökumene weiter voranbringen?
Bayer: Muss man das? Ich respektiere andere Arten von Glaubenskenntnissen und Einstellungen, habe aber einen Weg gewählt, der für mich und für meine Liebsten sehr gut ist. Das Luisenhospital ist aus meiner Sicht ein Beispiel für gelungene und sinnvolle Aspekte von Ökumene: Es gibt die christlichen Anliegen Menschenliebe und Fürsorge füreinander. Wo immer diese Thema sind, kann man gut zusammenarbeiten, der Kern der Aufgabe ist der gleiche. Viele weitere Aufgaben in den Kirchen ließen sich auch gemeinsam bewältigen, größere Einheiten könnten mehr Effizienz ermöglichen.
Skizzieren Sie gerade ein Konzept der ökonomischen Ökumene?
Bayer: Wir haben einen Mangel, der im Kern unsere Glaubensrichtungen vor ein Problem stellt, personell und finanziell. An manchen Stellen wäre mehr Zusammenarbeit möglich und sinnvoll, beispielsweise bei sozialen Aufgaben wie Jugendheimen und Kindergärten. Zielgebung ist und bleibt eine christlich geprägte Erziehung. Und ja, auch unter einer ökonomischen Betrachtung können solche Zusammenschlüsse sinnvoll sein. Es gibt Aktivitäten, die gemeinschaftlich betreut und genutzt werden können – siehe Immobilien. Wir schieben seit Jahren ein Problem vor uns her, das viele noch nicht verstehen wollen. Wir schieben es unseren Kindern in die Schuhe, die ein finanzielles Desaster erleben werden, wenn wir nicht Kompromisse finden, ungenutzte Immobilien verkaufen. An diesem Punkt bin ich auch Manager.
Sprechen Sie von Kirchengebäuden? Dual-Use als Chance: samstags wird protestantisch Gottesdienst gefeiert, sonntags katholisch, mittwochs ökumenisch?
Bayer: Bei den Kirchen sehe ich schon ein Problem, das sich nicht nur durch die Ausstattung lösen lässt. Kirchengebäude sind für die meisten Menschen, und dazu zähle ich mich selbst auch, ein Stück Heimat. Als katholischer Christ halte ich gerne an Heiligenbildern fest. Nicht umsonst heißt mein zweiter Vorname Fidelis. Die Heiligen sind Leitfiguren für mich, sie sind Teil meines inneren Kompasses. Wenn Glaube so ein wichtiger Pfeiler ist, eine Kompassnadel, hat das auch etwas mit Bräuchen und Riten zu tun. Menschen brauchen eine Umgebung, in der sie sich heimisch fühlen, einen Ort der Sicherheit.
Als Manager würden Sie also keine Fusion empfehlen?
Bayer: Zusammenarbeit ja, wo sie sinnvoll ist. Aber keine Fusion. Es gibt nicht ohne Grund begründete Unterschiede des evangelischen und katholischen Glaubens. Diese Unterschiede sollten wir in Liebe respektieren. Glaube ist für mich etwas, das in Gemeinschaft gelebt wird. Dieser Gedanke ist für mich in der katholischen Kirche ein bisschen stärker verankert. Die Katholiken haben mehr Struktur in der Kirche, einer sagt, wo es langgeht. Die Protestanten haben ein anderes Verständnis, vielleicht ein demokratischeres.
Aber wenn man vom Guten im Menschen ausgeht, unterstelle ich einem Papst, nicht nur Anweisungen zu geben, sondern zu sagen, was er denkt, um vielen Menschen eine inspirierende, positive Leitfigur zu sein. Dass das auch im Jahr 2026 noch Relevanz hat, sieht man nicht nur im katholischen Glauben, sondern auch bei Auftritten von Stars. Viele Menschen suchen Leute, an denen sie etwas gut finden. So etwas ist für mich der Papst in Glaubensfragen. Päpste sind eben auch Menschen, manchmal eher vermittelnder, manchmal dogmatischer. Damit kann ich gut leben. Ich muss nicht immer einer Meinung sein mit meinem Hirten vor Ort und der Kirche. Aber ich möchte annehmen, dass jeder für die Sache Gottes kämpft.
Bergen strukturelle Debatten in Kirche nicht das Risiko einer weiteren Erosion?
Bayer: Wir sollten uns nicht selbst andauernd klein machen und entwerten. Wichtig ist, dass die Leute weiter Halt haben, Kirche eine klare Haltung hat. Endlose Diskussionen, Abwägungen und ein hinter dem Demokratiegedanken verstecktes Lavieren bringen uns nicht weiter. Ein Hirte darf nicht immer die Schafe fragen, er muss die Herde sicher leiten. Ansonsten brauche ich weder einen Bischof noch einen Papst. Wenn eine Entscheidung getroffen wurde, die gut begründet ist, muss damit nicht jeder einverstanden sein, aber damit geht man weiter.
Was treibt Sie als Mensch an?
Bayer: Mein Ziel war es immer, in der Region wirksam zu sein. Und ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert. Als Berufswunsch kamen Religionslehrer, Pfarrer und Ingenieur in Frage. Letzteres ist es geworden. Aber ich hatte auch Freude an Latein, Mathematik und Philosophie, nie an BWL. Sinn und Neugier spielten immer eine Rolle.
Sie haben als Ingenieur in der Luft- und Raumfahrttechnik nach den Sternen gegriffen. Gab es in diesen Sphären überhaupt Platz für Gott?
Bayer: Dass es auf viele Dinge in diesem Universum keine endgültige Antwort gibt, ist heutzutage doch erstaunlich. Da spendet Gottvertrauen Trost. Gibt einem Ruhe.
Ist Religion für den Hauptgeschäftsführer der IHK nicht reine Privatangelegenheit?
Bayer: Glaube ist persönlich, aber nicht privat. Privat heißt abgeschirmt, verschlossen, abgegrenzt. Glaube darf aber nicht abgrenzend wirken. Jede Glaubensrichtung hat ihre Berechtigung, sofern sie friedvoll und gemäß Grundgesetz agiert. Keine Religion darf sich wichtiger nehmen als andere. Ich bin nicht besser als andere, nur weil ich katholisch bin. Das ist mein Kompass, das gibt mir Halt im Leben, bei täglichen Entscheidungen.
Hat Ihr Christ-Sein Auswirkungen auf Ihren Beruf?
Bayer: Mich interessiert in vielen Situationen der Mensch, ich möchte in komplexen Situationen sozusagen den Fehler im Wimmelbild finden, der womöglich Puzzleteil einer Lösung ist. Vielleicht führt dies nicht immer zu einem besseren oder anderen Ergebnis, aber ich möchte diese Extra-Runde gerne drehen. Oft bei Personalentscheidungen, fast gar nicht bei Sachentscheidungen.
Was bedeutet Glauben für Sie?
Bayer: Er leitet mich, gibt mir Selbstvertrauen, liefert mir ein Wertegerüst, das mir von Kindesbeinen an vermittelt worden ist.
Wie leben Sie ihren Glauben zuhause?
Bayer: Ganz klassisch. Kirchgang, Teilnahme an der ein oder anderen Gemeindeaktivität, Feier der Sakramente, als die Kinder klein waren, das gemeinsame Abendgebet. Ich habe den frommen Wunsch, dass junge Menschen, wenn sie selbst eine Familie gründen, wieder mehr am kirchlichen Leben teilnehmen. Zuhause leben wir griechisch-orthodoxe/katholische Ökumene. Meine Frau ist griechisch-orthodox, wir sind oft in Griechenland. Meine Kinder sind auch das dortige Kirchenleben gewohnt, was viel strikter, organisierter und vor allem selbstverständlicher im Alltag ist. Glaube hat einen Stellenwert, erfährt Respekt, das kirchliche Jahr wird intensiver gelebt.
Zurück in Deutschland sind Sie dann wieder Teil einer Minderheit …
Bayer: Ich bedauere sehr, dass das Christentum in Deutschland so auf dem Rückzug ist. Mittelfristig bedeutet es, dass wir eine große Minderheit sein werden. Aber gerade als Minderheit haben wir die Chance, wieder authentischer zu werden. Wer sich heute noch bewusst für den Glauben entscheidet, tut das nicht aus Gewohnheit, sondern aus innerer Überzeugung. Das könnte uns stärker machen.
Und wer weiß: Vielleicht ist eine kleine, engagierte Gemeinschaft am Ende wirksamer als eine große, gleichgültige.