Gibt es da noch mehr?

Religion kann viel zu einer gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beitragen

Was gibt Kindern Halt? (c) www.pixabay.com
Was gibt Kindern Halt?
5. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2019 |Thomas Hohenschue

Seelische Erkrankungen können nahezu jeden treffen. Keine Familie ist davor gefeit. Zwar gehen manche Menschen mit enormer Widerstandskraft durch alle Krisen ihres Lebens. Andere aber leiden früh und tief an Widrigkeiten, an sich selbst, an Erfahrungen und Erlebnissen. Auf der Suche nach Heil und Heilung rückt der Blick auch auf die Kraft von Sinnangeboten und Religion.

Der Würzburger Psychiater Andreas Warnke kann der biblischen Erzählung vom barmherzigen Samariter viel abgewinnen als einem Leitfaden für den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen in unserer Gesellschaft. Viele gehen achtlos an ihnen vorbei, wie einst Priester und Levit, denen Gesetz und Ritual die Berührung des Schwerverletzten untersagten. Erst der Samariter kümmerte sich, versorgte ihn, gab ihn in Obhut bei einer Herberge, bezahlte den Wirt im Voraus – sozusagen als erste Krankenkasse der Geschichte, wie Warnke augenzwinkernd den Bogen ins Heute schlägt. Richtig hinschauen und helfen ist auch bei den psychisch erkrankten Menschen gefordert. Die offiziellen Fallzahlen steigen deutlich.

Das dokumentiert in den Augen Warnkes nicht unbedingt, dass mehr Leute als früher seelisch leiden. Vielmehr deutet er die Zahlen so, dass nun besser hingeschaut wird, wer denn da so liegt am Rand unseres Lebensweges. Die Dimensionen sind erheblich: Die Statistik spricht in Deutschland von 4,5 Millionen Erwachsenen, die psychisch erkrankt sind, und von 1,3 Millionen betroffenen Kindern und Jugendlichen. Warnke sieht gleichwohl diese Zahlen immer noch eher als Spitze eines Eisberges. Dass zum Beispiel mehr als eine Million Kinder in Armut aufwachsen in unserem reichen Land, erhöht ihre seelische Grundbelastung. Wer als Kind und Jugendlicher psychisch erkrankt, birgt ein deutliches Risiko in sich, dass die Erkrankung im Erwachsenenalter zurückkehrt oder weitergeht. Was bedeutet es dann, wenn nur ein Fünftel oder weniger von ihnen eine frühe therapeutische Unterstützung erfährt? Die anderen fallen vielleicht durch den Rost der Gesellschaft.

 

Viele verschwinden von der Bildfläche

Dass die seelischen Nöte immer noch nicht ausreichend gesehen werden, hat auch damit zu tun, dass Menschen aktiv ausgegrenzt werden. Das fängt in der Schule an, in der Kinder und Jugendliche erfahren, dass man sie mit ihren Besonderheiten demütigt, abweist und aussperrt. Und es endet im Extremfall darin, dass die Heranwachsenden, unerkannt und unbehandelt in ihrem seelischen Leiden, im Gefängnis landen. Nicht wenige bilden im Erwachsenenalter eine Sucht aus, die sie ebenfalls im wörtlichen Sinne von der Bildfläche verschwinden lässt. 

 

Sicherheit und Geborgenheit in Gott

Wie nun aber wie der Samariter den Kranken sehen, Mitleid empfinden, ihm bedingungslos helfen ohne Vorwürfe und Vorurteil? Das ist die entscheidende Frage. Bei der Suche nach Widerstandskraft ist ein Blick hilfreich, der die Grenzen der eigenen Fachdisziplin übertritt, wie es beim 6. Aachener Symposium der Stiftung für ambulante Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter geschah. Bei einem solchen interdisziplinären Ansatz rückt im Feld der seelischen Erkrankungen auch die Religion als begleitende und bestärkende Kraft in den Fokus. Sehr intensiv hat sich damit Friedrich Schweitzer beschäftigt. Der Tübinger Religionspädagoge widerspricht Studien, die holzschnittartig einen Rückgang der Religiosität unter Kindern und Jugendlichen behaupten. Eine deutliche Abwärtsbewegung sieht er hingegen bei der Bindung an traditionelle Formen der Religiosität inklusive der Kirche.

 

Friedrich Schweitzer

Materialistische Sinnangebote tragen in Krisen selten.

 

Institutionen hätten ohnehin einen schweren Stand in jüngeren Generationen, und das Ansehen der Kirche sei über Missbrauchs- und Finanzskandale weit nach unten gerutscht. Was aber Schweitzer in seinen Untersuchungen deutlich sieht, dass mehr als zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen weiter das Gespräch mit Gott suchen. Wer oder was Gott ist, wird inzwischen vielfältig verstanden. Auf jeden Fall gibt Gott jedem zweiten Kind und Jugendlichen eine Sicherheit und Geborgenheit, die dringend erforderlich ist für eine gesunde Entwicklung.

Und ein Zweites benennt Schweitzer, was der Beitrag der Religion zum seelischen Wohlbefinden in unserer säkularisierten Welt sein kann. Der Religionspädagoge sieht, dass viele Kinder und Jugendliche in ihren Lebensentwürfen auf der Suche sind. Sie spüren, dass ein sinnvolles Leben aus mehr als einem Job und Einkommen besteht. Spätestens in Lebenskrisen trügen diese materialistischen Sinnangebote nicht, hat der Forscher beobachtet. Hier gelte es die Potenziale der Religion neu zu entdecken. Sie vermittele Sinn und Werte, ermögliche Erfahrungen, die eine gesunde Entwicklung fördern, etwa die der Gemeinschaft und der bedingungslosen Annahme als wertvolle Persönlichkeit. Religion gebe wichtige Anhaltspunkte für eine gute Lebensführung. Schweitzer kritisiert, dass im Zuge der Distanzierung zur Kirche diese lebensdienlichen Dimensionen von Religion und Religiosität ausgeblendet werden. Er meint: Jedes Kind und jeder Jugendliche hat ein Recht auf Religion und auf religiöse Begleitung.

Die Referenten

2 Bilder