Musiker und Sänger rekrutierte Josephs, der heute die GdG Mönchengladbach-Südwest leitet, aus seinen damaligen Mönchengladbacher Pfarren St. Konrad Ohler und St. Margareta Hockstein. Der KiZ erzählt der Geistliche, warum kölsche Lieder die Herzen öffnen.
Wie kam es zu der Idee der kölsch-katholischen Gottesdienste?
Vor 20 Jahren habe ich überlegt, was man Neues machen könnte. Es sollte mit Musik sein. Als Bläck-Fööss-Fan kannte ich deren Lieder, von denen viele einen ernsthaften und melancholischen Inhalt haben.
Was waren die Höhepunkte der vergangenen 20 Jahre?
Vor 20 Jahren haben wir angefangen, in den Eucharistiefeiern behutsam ruhige Lieder der Bläck Fööss und der Höhner in den Gottesdienst zu integrieren. Als zweites Standbein haben wir für die Nacht der offenen Kirchen in Mönchengladbach ein Programm ohne Gottesdienst entwickelt. Bei einem unserer Herbstprogramme sind mit Günter „Bömmel“ Lückerath, Hartmut Priess und Kafi Biermann einmal drei Musiker der Bläck Fööss zu uns nach St. Konrad Ohler gekommen und haben mit uns einen Abend gestaltet. Auch Reaktionen auf einzelne Lieder sind etwas Besonderes. Letztes Jahr kam jemand zu mir und sagte: „Sie haben gerade unsere Geschichte erzählt. Wir haben 20 Jahre in Berlin gelebt und sind jetzt gerade zurück ins Rheinland gezogen.“ Wir hatten das Lied „Ich han ‘nen Deckel“ gesungen, in dem jemand wegen der Arbeit nach Berlin geht, aber Heimweh hat und im Urlaub zurückkommt. „Das war genau unsere Gefühlsebene“, erzählte der Besucher. Das sind Höhepunkte.
Wie schaffen Sie es, dass die Gottesdienste nicht in die Unterhaltung abdriften?
Ich klassifiziere die Lieder zwischen ruhigen und Stimmungsliedern. Die ruhig-melancholischen Stücke gehören zu den entsprechenden Teilen des Gottesdienstes, zum Beispiel während der Austeilung der Kommunion. Wir ziehen immer mit dem Kevelaer-Prozessionslied ein und zum ersten Lied im Wortgottesdienst können die Leute schunkeln. Die nächsten zwei Lieder werden wieder ruhiger. Die klassischen Karnevalslieder kommen nach dem Schlusssegen in der Zugabe. Zwischendurch bringt unser Senior Hermann Deuster Texte zum Lachen ein. Obwohl in den kölsch-katholischen Gottesdiensten nicht so viele Karnevalslieder gesungen werden, gelten sie als Karneval-Gottesdienste.
Ist der Karneval wichtiger für Sie oder das Kölsche?
Die Mischung macht’s. Ein gutes Unterhaltungsprogramm holt die Leute ins Lachen und ins Nachdenken, manchmal fließen auch ein paar Tränen. Nur „Viva Colonia“ und „Ne kölsche Jung“ sind zu wenig. Wenn die Leute aber „In unserem Veedel“ singen, trifft das ihre Gefühlsebene. In einer Stadt wie Mönchengladbach gibt es etwa 40 Schützenbruderschaften und in 40 Bruderschaftszelten wird dieses Lied gesungen. Dabei denken die Leute an ihr Veedel, in dem sie gerade ihr Heimatfest feiern. Dieses Lied ist im Karneval groß geworden, aber es ist längst vom Karneval abgekoppelt. Auch „Unser Stammbaum – su simmer all he hinjekumme, mir sprechen hück all dieselve Sproch“ ist ein nachdenkliches Lied, das in die gegenwärtige politische Gemengelage mit der Flüchtlingssituation hineinpasst. Irgendwann sind Menschen, die heute längst hier beheimatet sind, aus fernen Regionen hierhin gekommen. Die Lieder haben eine Aussage. Sie spielen nicht nur das Repertoire von Karnevalsbands. Sie spielen zum Beispiel auch BAP. Ganz selten, eigentlich haben wir von BAP nur „Du kannst zaubere“, weil es gut in ein so großes Programm passt. Wir haben von Brings „Ne kölsche Jung“, weil es ein schönes Stimmungslied ist. Wir haben von Trude Herr „Niemals geht man so ganz“, das auch bei vielen Beerdigungen gewünscht wird. Da ist die Dualität wieder: sich mit der Sentimentalität des Karnevals nähern und mit der Realität des menschlichen Lebens verbinden. Zurzeit wird nach neuen Formen gesucht, Menschen mit Kirche in Kontakt zu bringen.
Ist ein kölsch-katholischer Gottesdienst auf diesem Weg ein Schritt?
Von unserer Herkunft und unserem Denken bewegen wir uns im Bereich Volkskirche. Ich sehe da Parallelen zu meinen Kollegen, die Predigt-Reihen mit Prominenten anbieten, in Kindergärten zaubern oder in ihren Gemeinden Theater spielen. Innerhalb der Gemeinden finde ich so etwas wichtig. Aber bei 100 Beerdigungen pro Jahr, die ich durchführe, erreiche ich mehr Menschen, denen ich zeige, dass sie uns herzlich willkommen sind, als ich in fünf kölsch-katholischen Gottesdiensten erreichen kann.
Aber ist ein kölsch-katholischer Gottesdienst, der ja über den kirchlichen Rahmen hinaus viele Menschen anspricht, nicht ein Türöffner für Kirchenferne?
Im Gesamtpaket Kirche bin ich nicht der kölsche Pfarrer, sondern ich bin Pfarrer und lade auch zu Kölsch-Katholisch ein. Wenn ich nicht beerdigen könnte, nicht taufen, nicht trauen, nicht Gottesdienste halten könnte, dann dürfte ich auch nicht Kölsch-Katholisch anbieten. Zuerst bin ich Pfarrer mit all dem, was aus den Gemeinden heraus an Ansprüchen auf mich zukommt. In diesem Rahmen biete ich mein Hobby an, die kölsche Musik.
Im vergangenen Jahr tanzte in St. Gangolfus Heinsberg eine Tanzgarde in der Kirche. Könnten Sie sich das auch vorstellen?
Ja, eine gepflegte Tanzgarde kann ich mir in der Kirche vorstellen. Wir bieten in unserer Kirche meditativen, liturgischen Tanz an. Lebensfreude auszudrücken mit einer Tanzgarde, die das gepflegt macht, ist völlig ok. Wir haben immer wieder mal Tanzgarden, auch von Kindern, bei den Konzerten gehabt. Im Zugabe-Teil fordern wir die Kinder auf, zu tanzen und ruhig auch eine kleine Polonäse zu machen. Das macht denen Spaß. Alles andere ist eine Sache der Absprache und der Frage: Wie kenne ich meine Gemeinde und wie kennt meine Gemeinde mich?
Welche Bedeutung hat Karneval heute in Bezug auf Kirche?
In den Schulgottesdiensten muss ich den Kindern ab und zu erklären, dass Karneval im Ursprung ein kirchliches Fest ist. Auch dass die Kirmes, mit der sie meist mehr zu tun haben, die Geburtstagsfeier einer Kirche ist, nämlich die Kirchweih-Messe, muss ich ihnen hin und wieder erklären. Kirche ist nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch des Lachens und der Freude. Unterm Strich ist die Botschaft von Kölsch-Katholisch an die Erwachsenen die gleiche: Das Gesamtpaket des Lebens gehört vor Gott.
Das Gespräch führte Garnet Manecke.