Für sich Frieden finden

Das Erbe des Zweiten Weltkriegs hat die Kriegskinder und ihre Kinder geprägt – bewusst und unbewusst

Fotos halten Erinnerungen fest und erzählen Lebensgeschichten. Doch was uns prägt, sind oft die unsichtbaren und unerzählten Geschichten. (c) www.pixabay.com
Fotos halten Erinnerungen fest und erzählen Lebensgeschichten. Doch was uns prägt, sind oft die unsichtbaren und unerzählten Geschichten.
27. Apr 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 18/2020 | Andrea Thomas

Am 8. Mai jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Für Jüngere ist das eine Zahl aus dem Geschichtsbuch, für die über 75-Jährigen ein Teil ihrer Biografie. Und nicht nur ihrer. Was sie erlebt haben, hat Spuren hinterlassen in ihrem Leben, aber auch in dem Leben ihrer Kinder.

Kindheit zwischen Trümmern, Bunkernächten und Lebensmittelrationierung. (c) Wikim. Com./Bundesarchiv, Erich O. Krueger
Kindheit zwischen Trümmern, Bunkernächten und Lebensmittelrationierung.

„Papa, Mama, sagt mal, wie war das, als ihr klein wart?“ – Für die Generation der zwischen 1955 und 1975 Geborenen keine Frage mit einfachen Antworten, denn ihre Eltern waren Kinder in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach. Die Antworten waren oft Schweigen und Ausweichen oder der Versuch, bemüht unbeschwert von einer Zeit zu erzählen, die alles andere als das gewesen sein dürfte.

Es heißt, Kinder seien zu allen Zeiten zuerst Kinder und bauten sich ihre eigene Welt. Doch eine Welt, die geprägt war von Fliegeralarm und Bombenangriffen, im Bunker verbrachten Nächten, von Lebensmittelrationierungen und Hunger, zerstörten Häusern, abwesenden Vätern oder solchen in Uniform, von Evakuierung und Flucht und der Angst vor dem falschen Wort gegenüber den falschen Menschen, hinterlässt Spuren.  Viele dieser Spuren waren für die Generation der Kriegskinder selbst gar nicht klar erkennbar. Sie waren davongekommen, hatten überlebt, schauten nach vorn und nicht zurück.

„Du musst das alles vergessen“, ein Satz, den viele in ihrer Jugend gehört haben dürften. Also packten sie das Gesehene und Erlebte weg, vergruben es in ihrem Inneren und redeten nicht darüber. Schweigen wurde zu ihrer Bewältigungsstrategie. „Ein Schweigen, das sich durchgetragen hat, weil sie selbst Schweigen erlebt haben. Kinder spüren auch Schweigen“, sagt Martin Stankewitz-Sybertz, an der Bischöflichen Akademie in Aachen als Dozent unter anderem zuständig für politische Bildung. Er beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema „Kriegserbe“ und dem, wie dies Erbe die Kriegskinder und ihre Kinder geprägt hat. Seit gut drei Jahren bietet er gemeinsam mit Luitgard Gasser in der Reihe „Das Kriegserbe in der Seele. Der Krieg in uns?“ Seminare und Einzelveranstaltungen an der Bischöflichen Akademie an. Die werden sehr gut nachgefragt, besonders von den „Kriegsenkeln“, die den Zweiten Weltkrieg zwar nicht selbst erlebt haben, der sie aber über ihre Familien dennoch geprägt hat. „Der Bedarf ist da“, stellt Luitgard Gasser fest, die seit 2016 den Gesprächskreis „Kriegskinder/Kriegsenkel“ in Aachen leitet. Das gilt für beide Generationen: für die, die sich im Alter endlich ihrer Jugend stellen, als auch für die, die nach Antworten suchen, die sie bald nicht mehr aus erster Hand bekommen können. 

 

Eine überfällige Auseinandersetzung

Die bisherigen Seminare haben sich in Zusammenarbeit mit der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) besonders an Frauen gerichtet. Aufgrund des steigenden Interesses ist im Herbst dieses Jahres erstmals ein Seminar für beide Geschlechter geplant. Ergänzt werden die Seminare durch bewusst niedrigschwellige Angebote wie Kinoveranstaltungen mit Filmen zum Thema mit anschließender Möglichkeit zum Austausch. Viele der direkt Betroffenen hätten die Angebote zur Aufarbeitung nicht gehabt.

Das habe sich seit einigen Jahren verändert. Bücher, Filme, Vorträge, Ausstellungen greifen das Thema auf, rücken es in die Mitte der Gesellschaft und helfen bei der längst überfälligen Auseinandersetzung. „Es ist die Möglichkeit, im Hier und Heute anzukommen und nicht das Leben eines anderen zu leben“, sagt Martin Stankewitz-Sybertz, wie Luitgard Gasser auch selbst ein Kriegsenkel. Es helfe, mit dem Thema Frieden zu schließen. Fast in jeder Familie gebe es einen, der sich intensiver damit beschäftige, der Antworten suche, der verstehen wolle, sich und die eigenen Eltern. 

Das Erbe, das die Kriegskinder ihren Kindern hinterlassen haben, ist vielfältig. Manche sind mit dem Unausgesprochenen in ihrer Familie aufgewachsen, mit den Ängsten der Eltern oder ihrer emotionalen Abwesenheit, andere damit, dass sie mit den Erlebnissen aus dieser Zeit in einem Maß überschüttet wurden, mit dem sie nur schwer umgehen konnten. Und manche erleben es nur eher unterschwellig durch Verhaltensmuster ihrer Eltern wie der Angewohnheit, nichts wegwerfen zu können, das man vielleicht irgendwann noch einmal brauchen kann, oder einer Vorratshaltung, wie sie die Jüngeren gerade, bedingt durch Corona, für sich entdecken. Kriegsenkel kennen oft den Satz „Du weißt gar nicht, wie gut du es hast“ und den damit verbundenen Druck, die Eltern nicht zu enttäuschen und aus ihren Möglichkeiten das Beste zu machen. Woran nicht wenige scheitern.

Eine Generation, die sich schwer damit tut zu trauern, hat zudem oft einen Mangel an Vertrauen in sich selbst weitervererbt. Für viele ihrer Kinder hatte in ihrer Kindheit „brav zu sein“ einen hohen Stellenwert, weil sie vermeiden wollten, die belasteten Eltern noch mehr zu belasten. Leiden einige bis heute unter der emotionalen Abwesenheit der Eltern, so haben andere überfürsorgliche Eltern, die sie behüten und beschützen wollten, weil ihre Eltern dies in Kriegszeiten nicht konnten.  

Bei vielen der Kriegskinder selbst kommt das Erlebte jetzt im Alter wieder hoch, der Wunsch, mit etwas endlich abzuschließen und seinen Frieden zu machen. So hat das Thema „Kriegserbe“ Einzug gehalten in die Pflegeeinrichtungen und die Arbeit der Hospizdienste, was die hier Tätigen auf eine neue Weise fordert. Nach Jahrzehnten des Schweigens in der Familie fällt es oft leichter, sich jemand Außenstehendem anzuvertrauen, auch aus der irrigen Annahme heraus, so seine Angehörigen zu schonen. Beiden Generationen kann es helfen, Zuhörer mit einem offenen Ohr zu finden, die unvoreingenommen sind. Oder, wie in den Gesprächskreisen und Seminaren, jemanden, der Ähnliches erlebt hat. „Kennt ihr das?“, sei hier die häufigste Frage, berichten Luitgard Gasser und Martin Stankewitz-Sybertz. Nach 75 Jahren ist die Zeit mehr als reif, aufzuarbeiten, damit auch hier der (innere) Krieg endet.