Im Sommer lässt sich im Schatten der Bäume gut ein kühles Getränk genießen, im Winter schätzen die Gäste drinnen warme und deftige Speisen wie Reibekuchen, Himmel und Ääd mit gebratener Blutwurst, Gulasch und Sauerbraten. Das Gasthaus St. Vith am Alten Markt ist das älteste Wirtshaus der Stadt und eines der beliebtesten. Dabei verdanken es die Gladbacher einem Streit zwischen zwei Männern, der vor 440 Jahren seinen Höhepunkt fand.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts prägte die Abtei, die etwas unterhalb des Gasthauses liegt, das städtische Leben in Mönchengladbach. Heute ist in den historischen Räumen das Rathaus mit Sitz des Oberbürgermeisters untergebracht. Damals aber stand hier schon seit über 600 Jahren die Benediktiner-Abtei, die um 974 auf dem Hügel gebaut wurde. Das Münster war damals die Klosterkirche, die Mönche lebten und arbeiteten hier.
Bei ihnen fanden die Stadtbewohner in Krisen Hilfe und Zuspruch. Wenn sie sich aber etwas hatten zu Schulden kommen lassen, dann mussten sie damit rechnen, dass sie an den Pranger gestellt wurden. Ein hölzernes Modell stand auf dem Markt gegenüber der Abtei. Die Häuser, die heute die Straße säumen, gab es zu großen Teilen noch nicht. Wo heute das St. Vith steht, war ein freier Platz.
Aber Ende des 16. Jahrhundert war die Macht des Abts Jakob Hecken nicht unumstritten. Es gab ein Kompetenzgerangel mit dem herzoglichen Vogt. Der fand, dass ihm das Recht zustünde, kleine Sünder und größere Gauner auf diese Weise zu präsentieren und sie dem Spott der Passanten auszusetzen. Über diese Streitfrage konnten sich Abt und Vogt offenbar nicht einigen. Beide beharrten auf ihrem Standpunkt, keiner gab nach.
Hin und wieder aber musste der Abt verreisen. Zu der Zeit war schon der Weg zum Kloster in Neuwerk fast eine Tagesreise. Ein Weg, der heute mit einem Fahrrad in 25 bis 30 Minuten zurückgelegt wird. Der Abt war also weg und der Vogt nutzte die Gunst der Stunde, um neue Fakten zu schaffen. Er ließ den hölzernen Pranger abreißen und statt dessen einen aus Stein mit den Wappen des Herzogs von Jülich aufbauen.
Wie genau der Abt darauf reagiert hat, ist nicht überliefert. Aber er dürfte vor Wut geschäumt haben. Von da an blickte er von der Abtei auf den neuen Pranger, das Zeichen seiner Unterlegenheit im Streit mit dem Vogt. Weil er das nicht ertragen konnte, ließ er zwischen Abtei und Markt 1586 ein Gasthaus bauen. Da löste er gleich zwei Probleme: Er musste nicht mehr auf das Zeichen seiner Schmach sehen und hatte Raum, wo er seine Gäste unterbringen konnte.
Den Namen St. Vith bekommt das Haus erst nach dem Zweiten Weltkrieg, wie Fotos zeigen. Auf einem Bild von 1890 steht der Name „Schankwirtschaft von Friedrich Querl“ über der Eingangstür. Darüber ist in eine kleine Nische die Figur des St. Vitus eingelassen. Als einer der 14 Nothelfer steht er den Brauern, Winzern, aber auch Apothekern, Bergleuten, Blinden und Tauben zur Seite. An der Fassade erinnert eine Figur an den Heiligen.