Etwas mehr nach links, mehr nach vorne, huch, zu viel, lieber wieder einen Schritt zurück: Ein bisschen sah es so aus, als würden Regionalkantorin Holle Goertz und ihr Aachener Kollege Andreas Hoffmann Tetris spielen.
Trotz Engelsgeduld aller Beteiligten war es gar nicht so einfach, 90 Sängerinnen und Sänger im Altarraum von St. Nikolaus Kall perfekt zu platzieren und so lange hin und her zu bewegen, bis Erscheinungs- und vor allem Klangbild passten. „Sollen wir unsere Position mit einem X markieren?“, fragte eine Sängerin scherzhaft. Denn auch, wenn das Programm des Popchor-Wochenendes stramm und die klimatischen Verhältnisse herausfordernd waren – Spaß und Gemeinschaftsgefühl kamen nicht zu kurz.
Anderthalb Tage hatte Andreas Hoffmann Zeit, um aus 90 Sängerinnen und Sängern im Alter von 11 bis 85 Jahren einen Chor zu formen, der einen Tag später zum Gemeindefest die „Latin Jazz Mass“ von Martin Völlinger zum Besten gab. Völlingers Werk ist für Liturgie und Konzert gleichermaßen geeignet und geprägt von Empfindungen wie Freude, Zuversicht, Hoffnung und Glück. Für die Teilnehmenden des Workshops war es besonders spannend, das Völlinger unterschiedlichste Rhythmen und Stile kombiniert – von Salsa, Samba, Bossa Nova, Rumba, Tango, Gospel bis zu Pop-Ballade und Funk.
„Ich finde es super schön, dass wir etwas ganz anderes ausprobieren“, war Theresa Dahmen (12) aus Kall von der Probe der „Latin Jazz Mass“ begeistert. Sie hat schon im Kinder- und Jugendchor gesungen, allerdings „fressen“ Schule, Hausaufgaben und Vokabeln-Büffeln zunehmend Zeit. Eine immer knapper werdende Ressource, auch für die jüngsten Sängerinnen und Sänger. „Damit man die Schule noch schafft, muss man einige Hobbys streichen“, bedauert die Schülerin. Für das Chorwochenende aber hatte sie sich extra Zeit eingeplant. „Da lernt man andere Menschen kennen, singt in einer ganz großen Gemeinschaft“, betonte sie.
Lina Scheuren ist in Mechernich-Weyer aufgewachsen und studiert mittlerweile in Mainz. „Holle Goertz hat die Einladung verschickt, da war ich sofort dabei“, berichtete die 18-Jährige, die in ihrer Kindheit und Jugend viel Erfahrung mit Holle Goertz als Chorleiterin gesammelt hat.
„In einer so großen Gruppe fühlt man sich direkt verbunden“, sagte sie mit Blick auf das Chorwochenende. Und die Chance, Hallelujah zu Bossa Nova Rhythmen zu singen, ergebe sich auch nicht jeden Tag. „Das ist eine völlig neue Art, die Musik wieder an die Menschen heranzubringen“, bilanzierte die Studentin. „Natürlich treffen wir uns, um zu singen. Aber Chor ist mehr – die Gemeinschaft drumherum, Sommerfeste, Spiele-Abende und Karaoke“, fasste sie zusammen, warum sie immer gerne Chormitglied war.
„Ich singe, seitdem ich ein Kind bin“, stellte sich Lothar Gerhards aus Sistig vor. Mittlerweile sei der Generationenwechsel vollzogen, er selbst zum singenden Großvater geworden, scherzte er mit einem Augenzwinkern: „Ich bin hier hauptsächlich für den Humor zuständig.“ In seiner Familie wurde und wird eigentlich immer gesungen, auf der Rückbank im Auto während der Fahrt in den Urlaub, in der Kirche. Beinahe hätte der heutige Landschaftsarchitekt vielleicht sogar Kirchenmusik studiert. Er baute als Student einen eigenen Chor auf, leitet seit Jahren einen Kirchenchor und spielt auch Orgel. „Weil es einfach Spaß macht“, sagte er. Ihn würde freuen, wenn mehr (junge!) Menschen es einfach einmal ausprobieren, im Chor zu singen, sich begeistern lassen.
„Wenn ich sage, dass ich in einem Kirchenchor singe, ruft das teilweise Erstaunen hervor“, berichtete Heiner Droste. Das Studium hat den 27-Jährigen aus Süddeutschland nach Aachen geführt. Dort ist er Mitglied des junges Chores „canto@campum“ der Pfarrgemeinde St. Laurentius, der teilweise aus Studenten, teilweise aus Schülern besteht. Seit einem Chorwochenende vor drei Jahren in Altenberg ist es guter Brauch, regelmäßig Veranstaltungen wie das Popchor-Wochenende in Kall mit einer kleinen Abordnung zu besuchen. „Es ist schön, Leute wiederzutreffen, die man an anderer Stelle kennengelernt hat“, findet der Sänger. Zum einen gehe es um das Singen in Gemeinschaft, aber auch darum, neue Lieder oder neue Arrangements älterer Lieder kennenzulernen.
Für Holle Goertz war das Popchor-Wochenende nicht nur ein weiterer Workshop mit überregionalem Zuspruch, sondern sie feierte zugleich ihr 25-jähriges Ortsjubiläum in Kall und ihr Dienstjubiläum als Regionalkantorin. „Damals konntest du wahrscheinlich selbst noch nicht ahnen, welche Spuren du hier hinterlassen würdest und wie viele Menschen du in diesen Jahren begleiten, fördern und begeistern würdest. Du hast nicht einfach eine Stelle übernommen; du hast Heimat gefunden“, wandte sich Regionalvikar Pater Wieslaw Kaczor an die Jubilarin.
„Wenn wir auf 25 Jahre zurückblicken, dann sehen wir nicht nur eine Kirchenmusikerin. Wir sehen eine Frau, die Menschen zusammenführt. Generationen von Kindern haben durch dich ihre ersten musikalischen Erfahrungen gemacht. Jugendliche haben bei dir erlebt, dass Kirche Freude machen kann, dass Gemeinschaft trägt und dass Glaube und Musik zusammengehören. Erwachsene haben in den Chören eine musikalische Heimat gefunden. Dieses Popchor-Wochenende ist ein schönes Zeichen dafür, was dir immer am Herzen lag: Menschen durch Musik miteinander zu verbinden.“
25 Jahre am gleichen Ort – wird das nicht langweilig?
Holle Goertz: Nein, ganz im Gegenteil. Es ist auf der einen Seite eine Herausforderung, aber menschlich total schön. Herausfordernd, weil man immer schauen muss, wie sich Dinge entwickeln, man immer auf der Suche nach etwas Neuem ist, immer kreativ sein sollte. Schön ist es, weil ich einfach verwurzelt bin, die Menschen kenne, die Familien kenne. Ich habe schon Enkel von ehemaligen Sängerinnen und Sängern da.
Warum haben Sie beruflich diesen Weg eingeschlagen?
Goertz: Ich hatte in meiner Heimatgemeinde Willich-Schiefbahn einen ganz tollen Kinderchorleiter. Er wusste, dass ich Klavier spiele und hat mich gefragt, ob ich mal die Orgel ausprobieren möchte. So bin ich da nach und nach reingewachsen. Die Jugendzeit hat geprägt, aber auch die Prägung in der Gemeinde, das war einfach eine tolle Gruppe.
Was würden Sie gerne noch machen – und was fehlt Ihnen mittlerweile?
Goertz: Die Arbeit in Projekten wird in Zukunft immer wichtiger. Das hat das Chorwochenende gezeigt. Es muss uns gelingen, die Menschen in Projekten über Generationen hinweg und trotz verschiedener Interessen zusammenzubringen. Es wird in unserer Zeit leider immer schwieriger, Kinder- und Jugendarbeit auf die Beine zu stellen. Die Gruppen werden kleiner, die Zuverlässigkeit ist geringer. Das liegt vor allem daran, dass es immer weniger Zeit für Hobbys gibt. Heute sind die Kinder viel länger in der Schule, es gibt immer weniger Freizeit. Diese Veränderungen übertragen sich auch auf den Erwachsenenchor. Das Leben der Menschen vor Ort hat sich generell verändert, wir müssen Angebote so gestalten, dass sie für die Menschen passen.
Beruf oder Berufung?
Goertz: Für mich ist mein Beruf wirklich Berufung. Ich glaube, dass ich über Musik von meinem Glauben erzählen kann. Es ist total schön, diese Begeisterung für den Glauben und die Musik auch mit Menschen teilen zu können. Musik in ihrer ganzen Bandbreite ist ganz wichtig in der Liturgie.