Finanzielle Not, spirituelle Suche und Einsamkeit

Wenn Altersarmut mehr als nur ein Gesicht trägt. Ein Bericht aus Krefeld, Meerbusch und Tönisvorst

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Datum:
19. Nov. 2019
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 47/2019 | Ann-Katrin Roscheck

Langsam bremst er das Fahrrad und schaut sich um, dann steigt er vorsichtig vom Sattel. Schon leicht gebrechlich wirkt seine Statur, die Schultern aber sind aufgerichtet, sein Hemd scheint frisch gebügelt. Noch einmal blickt er in alle Richtungen und greift dann mit schnellem Griff in den Mülleimer der Bushaltestelle. Nur der genaue Beobachter sieht seinen Fang: Zwei Pfandflaschen fischt der alte Mann heraus, steckt sie flink in die Ledertasche auf seinem Gepäckträger und steigt auf das Rad, um seine Tour fortzusetzen. 

Altersarmut in Deutschland ist nicht sichtbar. Oft erkennen wir sie nicht, denn sie ist mit Scham und Rückzug verbunden. Kein Wunder, sagt Bärbel Mosch als Leiterin des Fahrbaren Mittagstischs der Caritas Krefeld, Meerbusch und Tönisvorst. „Denn wer möchte schon dazu stehen, dass er sich den Alltag nicht mehr leisten kann, wenn er sein ganzes Leben dafür geschuftet hat?“, fragt sie forsch. Finanziell arm gilt in Deutschland derjenige, der weniger als 917 Euro Einkommen oder Rente im Monat zur Verfügung hat. Laut Statistischem Bundesamt lebte im letzten Jahr fast jeder Sechste über 65 Jahren unterhalb dieser Grenze. „Aber Altersarmut hat nicht nur einen finanziellen Charakter“, beobachtet Maria Pesch als Altenseelsorgerin der Region Krefeld und Meerbusch. „Die Suche nach der eigenen Spiritualität und die Vereinsamung gehören dazu. Auch dieser Teil der Armut wird im Alter größer.“ 

Bärbel Mosch und Maria Pesch sind zwei starke, reflektierte Frauen mit außergewöhnlichem Fingerspitzengefühl, die diese versteckte Armut fast jeden Tag in ihrer Arbeit erleben. Seit 13 Jahren gehört die Caritas-Mitarbeiterin fest zum Fahrbaren Mittagstisch dazu. Inzwischen versorgt sie gemeinsam mit ihrem Team rund 320 Haushalte pro Tag, durchschnittlich 7,50 Euro kostet eine Mahlzeit. „Mit Bedacht betreten unserer Mitarbeiter dabei einen privaten Raum“, erklärt Mosch. „Wenn dann auf einmal ein Kunde nur noch vier statt fünf Mal in der Woche bestellt, können wir uns oft an drei Fingern abzählen, was dafür der Grund ist.“ 

Die finanzielle Not hat in den letzten Jahren zugenommen, beschreibt das Team. Dabei sind Kontraste größer geworden. „Während vor einigen Jahren in der Nachbarschaft eine Currywurstbude aufmachte, die Wurst mit Blattgold verkauft, bekamen wir immer mehr Anrufe von besorgten Bürgern, die das Gefühl hatten, da wäre ein Rentner in ernster Not“, schildert Mosch. „Dadurch steigt natürlich auch die Hemmschwelle der Betroffenen: Fast keiner meldet sich bei uns, wenn er wirklich Hilfe braucht.“  Vor acht Jahren ruft die Leiterin deswegen ein besonderes Patenschaftsprogramm ins Leben: Über Spendengelder kann die Caritas diskret da einspringen, wo Hilfe gebraucht wird. Ob durch kleine Zuschüsse zum Mittagstisch, durch die vollkommene Übernahme der Kosten oder durch das temporäre Aushelfen bei finanziellen Engpässen – das Patenprogramm hilft Senioren in Not.

 

Wenn im Alter immer mehr Steine auf den eigenen spirituellen Kern rieseln

Auch Maria Pesch trifft sich regelmäßig mit ihrer Kollegin, um mögliche bedürftige Senioren ins Gespräch zu bringen. Als Altenseelsorgerin in Krefeld und Meerbusch ist sie größtenteils mit der Beratung und Unterstützung der konzeptionellen Arbeit in Gemeinden und Einrich- tungen anderer Träger rund um die Seniorenpastoral betreut, aber durch die ausgeprägte Kooperationsarbeit kommt auch sie immer wieder mit Senioren in Kontakt. „Ich merke dabei, dass viele ältere Menschen mit ihrer eigenen Position zur Kirche und auch zum Glauben an Gott zu kämpfen haben“, fällt Pesch auf.  Gerade die Nachkriegsgeneration erlebte eine streng katholische Erziehung: Der sonntägliche Gottesdienst gehörte genauso zum Wochenritual wie das tägliche Gebet. Aber im Alter rieseln immer mehr Steine auf den eigenen, spirituellen Kern. „Er ist dann auf einmal nicht mehr sichtbar“, beschreibt die Krefelderin. „Und der Verlust dieses Gefühls macht einsam.“

Kirche, so ist sich die Seelsorgerin sicher, muss in der Seniorenarbeit neben den klassischen Angeboten auch ein neues Gewand finden. Eine Form, die alten Menschen, die sich in Kirche verloren haben, in ihrer Spiritualität wieder Wort und Gesten ermöglicht. Dazu möchte Pesch anderen Gemeinden Ideen an die Hand geben.  Bei einem Quartiersspaziergang erlebte sie vor einiger Zeit zum Beispiel selbst eine neue Form der Seniorenbegegnung. In Kooperation mit dem Nachbarschaftstreff „Ein-Laden“ lädt sie zu einem kurzen spirituellen Rundgang durch das Viertel ein und gibt alltäglichen Straßenzügen eine neue, spirituelle Bedeutung. Dem Rundgang schließen sich Hochbetagte an: Teilweise gehbehindert mit Rollator, teilweise im Kopf nicht mehr ganz klar und auch teilweise noch nie mit der Kirche in Berührung gewesen. An einem Stadtgarten macht sie halt, um über den Paradiesgarten zu sprechen. „Und dann kam Kalle auf mich zu und erklärte mir, dass er zwar nie an Kirche und Gott geglaubt hätte, aber dass er auch in diesen Paradiesgarten wolle, wenn einmal seine Zeit gekommen sei“, sagt die 59-Jährige fast andächtig. „Kalle hat Worte für das gefunden, was ihn bewegt. Er konnte seinen spirituellen Kern sehen und fühlte sich dadurch mit anderen verbunden. Das ist ein erster Schritt gegen die Einsamkeit.“

Als Altenseelsorgerin ist Maria Pesch vor allem  in der konzeptionellen Beratung für Gemeinden ansprechbar unter Tel. 015 7/74 16 53 40.  Weiteres unter www.altenseelsorge-krefeld.de.

Altersarmut ist mehr als finanzielle Not

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