Faszinierende Vielfalt

Der Krippenweg Birgel ist längst zu einer kleinen Attraktion geworden. Immer mehr machen mit.

Der Krippenweg Birgel wird von Jahr zu Jahr mehr zu einer Entdeckungsrunde. (c) Stephan Johnen
Der Krippenweg Birgel wird von Jahr zu Jahr mehr zu einer Entdeckungsrunde.
Datum:
5. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 01/2026| Stephan Johnen

In diesen Tagen sind deutlich mehr Fußgänger unterwegs als sonst im beschaulichen Birgel, einem Stadtteil am südwestlichen Rand von Düren. Grund ist der Krippenweg, den es mittlerweile zum vierten Mal gibt. Im Rheinland ist damit längst eine Tradition besiegelt.

Aber wie fühlt es sich an, in einer Touristenattraktion zu leben? Elfriede Renzel muss schmunzeln. „Ich kann ganz gut damit leben, dass Leute vor meinem Fenster stehen und sich die Krippe anschauen“, sagt sie. Seit dem zweiten Adventswochenende ist ihr Küchenfenster am Münsterweg als Stern Nummer 20 offiziell Teil des Krippenwegs. „Das ist eine tolle Aktion, die den Winter etwas spannender macht“, findet die Pensionärin. Und das mit dem Massentourismus war vielleicht etwas übertrieben. Obwohl: Es kommen von Jahr zu Jahr mehr Menschen auch von außerhalb nach Birgel, um auf Erkundungsreise zu gehen. Mittlerweile sind es über 70 Krippen, die im kleinen Ort bis zum 11. Januar entdeckt werden können. Und keine ist wie die andere.

Besondere Atmosphäre

Die „Kripp op Platt“ ist nur eine von vielen Krippen, die Initiatorin Rabea Reimer entworfen hat. (c) Stephan Johnen
Die „Kripp op Platt“ ist nur eine von vielen Krippen, die Initiatorin Rabea Reimer entworfen hat.

Die Krippe von Elfriede Renzel beispielsweise ist eigentlich ein Buch. Klappt man es auf, kommt eine Krippe im orientalischen Stil samt Engel zum Vorschein. Dieses neudeutsch „Pop-up-Buch“ genannte Exemplar hat schon einige Jahre auf dem Buckel und wurde wohl in den 1950er-Jahren in der DDR gedruckt beziehungsweise gestanzt. Über die Großeltern kam es in den Familienbesitz. Jetzt steht es im Schaufenster, Pardon, Küchenfenster. Direkt nebenan im Garten wartet die nächste Krippe auf die Besucher. Wer einen der Flyer aufschlägt, die es an der Bachstraße 50 gegen eine freiwillige Spende gibt, wird feststellen: Der Krippenweg ist mittlerweile ein echter Rundgang geworden. Weiße Flecken gibt es kaum noch, viele der Krippen sind sogar abends beleuchtet, was eine ganz andere Wahrnehmung ermöglicht und für eine besondere Atmosphäre sorgt.

Im Krippen-Café wird Gastfreundschaft großgeschrieben. (c) Stephan Johnen
Im Krippen-Café wird Gastfreundschaft großgeschrieben.

„Mich fasziniert nach wie vor die unglaubliche Vielfalt, wie viele unterschiedliche Krippen und Ansätze es gibt“, sagt Initiatorin Rabea Reimer, die während der Kontaktbeschränkungen der Corona-Pandemie die Idee hatte, mit dem ersten Krippenweg vor allem den Kindern und Familien in Birgel wieder ein Angebot zu unterbreiten, gemeinsam etwas (unter freiem Himmel) zu unternehmen. Dass die Idee so gut ankam, hat auch Rabea Reimer positiv überrascht.

Entlang der Krippen-Allee sind zehn Krippen „versteckt“. (c) Stephan Johnen
Entlang der Krippen-Allee sind zehn Krippen „versteckt“.

Sie selbst steuert in diesem Jahr fast 20 Krippen bei, zehn davon sind entlang der „Krippenallee“ (Stern 30 auf der Karte) so positioniert, dass sie mitunter erst gesucht und gefunden werden müssen, einige ihrer Krippen schmücken „öffentliche Flächen“, die sie gestaltet hat. Zu diesen Krippen zählen beispielsweise der drei Meter hohe „Krippen-Baum“ an der Wiese Ecke Daubenvaldersweg/Zum Kirchenpättchen und die maximal minimalistisch gehaltene „Kripp op Platt“ mit „Marie“, „Jupp“ und dem „Kengsche“ am Ehrenmal oder eine Krippe im Wok am Spielplatz (Die Suche lohnt sich!). „Ich mache zwar die Organisation, aber ohne die tollen Helferinnen und Helfer wäre das alles nicht möglich“, bedankt sich die Ideengeberin dafür, dass viele Menschen ihre Idee mittragen und mit auf dem Krippenweg unterwegs sind – sei es mit einer eigenen Krippe, mit tatkräftiger Unterstützung bei Auf- und Abbau oder als Gastgeber bei einem der „Krippenweg-Cafés“.

Am zweiten Adventssonntag beispielsweise waren Elfriede Renzel und Agnes-Maria Kirschbaum in der Kapelle Birgel im Einsatz, die Besucherinnen und Besucher mit Kaffee und Kuchen begrüßten. „Wir führen Gespräche, lachen miteinander, unterhalten uns“, berichtet Agnes-Maria Kirschbaum, die selbstverständlich auch mit einer eigenen Krippe am Start ist.

„Es ist einfach eine schöne Vorbereitung auf Weihnachten und wir alle helfen mit, das Dorf ein bisschen schöner zu machen“, sagt sie. Es kommen nicht nur viele Familien mit Kindern, die in Birgel auf dem Krippenweg spazieren gehen, auch die Dorfgemeinschaft habe von der Aktion profitiert, sei näher zusammengerückt“, ist Elfriede Renzel überzeugt. „Viele Menschen verbinden Krippen mit der eigenen Kindheit, es gibt eine hohe Emotionalität. Wer sich auf den Weg macht, erlebt zudem ein bisschen Ruhe in einer hektischen Zeit. Das hat auch etwas mit Entschleunigung zu tun“, erklärt sie sich den Erfolg der Aktion.
Es mag der Zufall gewesen sein, der Ulla Graeber auf ihrem Rad damals durch Birgel geführt hat, doch mittlerweile kommt sie eigens für den Krippenweg dorthin. „Ich habe mich gewundert, was hier los ist“, erinnert sie sich an das erste Jahr.

Mittlerweile hat sie den Ehrgeiz entwickelt, auch bei stetig wachsender Zahl der ausgestellten Krippen alle an einem Tag „abzulaufen“ und in Augenschein zu nehmen. „Ich komme nicht aus Birgel, sonst würde ich direkt mitmachen“, bedankt sie sich bei allen, die im Vorfeld Zeit und Gehirnschmalz investieren, um ganz individuelle Krippen zu gestalten – und mitunter sogar jedes Jahr eine Variation oder gar Neuauflage präsentieren. Auch wenn die Weihnachtsgeschichte hinlänglich bekannt ist – sich die ganz unterschiedlichen Interpretationen anzuschauen, bleibt spannend.

Der Krippenweg Birgel lädt noch bis zum 11. Januar zu Entdeckungen ein.