Abends, wenn die Geschäfte schließen, verändert sich in Mönchengladbach das Stadtbild auf der Hindenburgstraße. In den Nischen der Geschäftseingänge rollen Menschen ihre Schlafsäcke aus und bereiten ihr Nachtlager. Im Volksgarten, einem Naherholungsgebiet am Rande der Stadt, und auf dem Rasen am Platz der Republik hinter dem Bahnhof werden zahlreiche Zelte aufgestellt. Aber es sind keine Freizeit-Camper, die hier übernachten. Es sind Menschen, die keine Wohnung haben.
Armut ist aber nicht nur für Obdachlose ein Thema. Auch viele Menschen, die in Wohnungen leben, sind davon betroffen. Im Stadtteil Rheydt lebt jedes zweite Kind in Armut. Die Familien leben von Grundsicherung oder beziehen aufstockende Leistungen, weil das Erwerbseinkommen zum Leben nicht reicht. Mit der Inflation verschärft sich das Problem. Ein sichtbares Zeichen sind der Zulauf zu den Tafeln oder öffentlichen Essensausgaben. Dort gibt es für die Gäste oft kostenfreies Essen oder gegen einen kleinen Obolus eine Mahlzeit inklusive Nachschlag.
Während in Mönchengladbach die Armut an vielen Ecken der Stadt zu sehen ist, ist sie in ländlichen Gebieten wie in der Region Heinsberg versteckter. Aber auch hier ist die Welt nicht so in Ordnung, wie sie scheint. Die Existenz der Tafeln in Hückelhoven, Baal, Erkelenz, Gangelt, Geilenkirchen, Übach-Palenberg und Heinsberg sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen soziale Einrichtungen wie Amos in Oberbruch, die neben einer Lebensmittelausgabe auch Frühstück anbieten.
In Deutschland leben 16,1 Prozent der Bevölkerung nach Angaben des Statistischen Bundesamtes unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Die lag 2025 für eine alleinlebende Person bei 1446 Euro netto pro Monat (nach Abzug von Sozialleistungen und Steuern). Bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag der Wert bei 3.036 Euro pro Monat. Von diesem Einkommen müssen sämtliche Kosten des täglichen Lebens bestritten werden. Das zeigt, dass Armut nicht nur eine Frage des Sattwerdens ist. Denn auch die Möglichkeit der sozialen Teilhabe ist für arme Menschen stark eingeschränkt.
Zahlreiche Institutionen versuchen, mit ihrem Angebot diese Lücke wenigstens zum Teil zu schließen. Frühstücks- und Mittagsangebote bringen Menschen in Tagestreffs des SKM, des Vereins Wohlfahrt und der Caritas oder am Franziskustisch der Gemeinschaft Sant‘ Egidio zusammen. Institutionen wie der Volksverein oder der Treff am Kapellchen organisieren Kulturveranstaltungen wie Lesungen oder kleine Konzerte und laden zu Ausflügen ein oder bieten Beschäftigungen wie die gemeinsame Pflege eines Schrebergartens oder gemeinschaftliches Kochen an.
Hier engagieren sich in vielen Orten auch die Tafeln. Denn die beschränken sich längst nicht mehr darauf, gerettete und gespendete Lebensmittel aus Supermärkten und Bäckereien in ihren Ausgabestellen an Kunden zu verteilen. Die Mönchengladbacher Tafel unterstützt seit über zehn Jahren unter anderen das Projekt „Kochen mit Kindern“. Dafür liefert die Tafel die Lebensmittel an die Bürgerinitiativen, die sich in Freizeitheimen und auf Abenteuerspielplätzen engagieren. Vor Ort bereiten die Ehrenamtlichen mit Kindern und Jugendlichen Speisen zu. Fünf Einrichtungen werden derzeit von der Tafel beliefert und damit 250 bis 300 Kinder und Jugendliche regelmäßig versorgt. Die Tafel in Hückelhoven bietet neben Lebensmitteln seit Frühjahr 2016 in ihrem Depot in Baal auch Kleidung und Haushaltswaren an.
Die Arbeit der Tafeln wird durch Spenden finanziert. Einen Großteil machen Sachspenden aus, aber auch Geldspenden sind wichtig, um die Hilfe leisten zu können. Die werden dort verwendet, wo die Sachspenden nicht reichen. Das kann vom Zukauf von Lebensmitteln über das Tanken der Transportwagen bis hin zur Miete für die Räume reichen.
Die vielen Hilfsangebote zeigen neben der Armut auch den Überfluss, in dem viele Menschen leben. Der Grad zwischen Armut und Wohlstand ist dabei schmal. Eine Krankheit oder Arbeitslosigkeit kann jeden von der einen auf die andere Seite katapultieren.