Erinnerung lebendig halten

Studierende des Maria-Lenssen-Berufskollegs MG haben einen speziellen Stadtrundgang entwickelt

Im Gemeindezentrum wird ein Raum als Synagoge genutzt. Das Gebäude wurde der Jüdischen Gemeinde nach dem Krieg zerstört zurückgegeben. (c) Garnet Manecke
Im Gemeindezentrum wird ein Raum als Synagoge genutzt. Das Gebäude wurde der Jüdischen Gemeinde nach dem Krieg zerstört zurückgegeben.
28. Jan 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 05/2020 | Garnet Manecke

Wie hält man die Erinnerung an die Verbrechen des Nazi-Regimes lebendig? Wie kann man sie kommenden Generationen auf eine Weise nahebringen, die sie berührt? Studierende des Maria-Lenssen-Berufskollegs haben in Mönchengladbach einen speziellen Stadtrundgang entwickelt.

Im Stadtarchiv haben haben Fabienne Gries (M.) und ihre Kommilitoninnen zur Geschichte der Orte geforscht, die sie für die Erinnerungstour ausgesucht haben. (c) Garnet Manecke
Im Stadtarchiv haben haben Fabienne Gries (M.) und ihre Kommilitoninnen zur Geschichte der Orte geforscht, die sie für die Erinnerungstour ausgesucht haben.

Wie wichtig es ist, sich an den Mord an sechs Millionen Frauen, Männern und Kinder jüdischen Glaubens zu erinnern und sich Antisemitismus entgegenzustellen, zeigt der Polizeiwagen in diesem Monat. Eine Stunde, nachdem die Schüler des Maria-Lenssen-Berufskollegs vom Jüdischen Friedhof zur nächsten Station aufbrechen, fährt ein Polizeiwagen vor. Er dreht eine Runde um den Block und parkt dann so, dass die Beamten den Eingang zum Friedhof im Blick haben. Nur wenige Minuten später fährt ein Leichenwagen vor. Die Polizisten sichern eine Beerdigung ab: im Jahr 2020 in Deutschland.

Der Antisemitismus erstarkt wieder. „Jude“ ist auf Schulhöfen zu einem Schimpfwort geworden, Parteien mit rechtsextremen Abgeordneten werden wieder in die Parlamente gewählt, Juden erhalten Drohungen und müssen sich vor Attentaten schützen. Die letzten Zeitzeugen sind mindestens 80 Jahre alt, man kann absehen, dass es bald niemanden mehr gibt, der davon berichten kann, wie in Deutschland die Synagogen brannten und die Nachbarn oder die eigene Familie abgeholt und in Viehwaggons zu den Konzentrationslagern deportiert wurden.

„Als angehende Erzieher beeinflussen wir die Haltung von Kindern und Jugendlichen. Wir müssen Vorbild sein“, sagt Fabienne Gries. Die 23-Jährige ist Studentin in der Unterstufe der Erzieherinnenausbildung. Die 22 Studierenden ihrer Klasse haben sich darüber Gedanken gemacht, wie sie die Geschichte zukünftigen Generationen nahebringen können, damit Kinder und Jugendliche das Unvorstellbare begreifen können. Sie haben sich in der Stadt umgesehen und direkt vor der Tür des Berufskollegs einen Ort gefunden, an dem sich eben diese Geschichte ereignet hat: Wo früher die Rheydter Synagoge war, steht heute eine Turnhalle, in der die Studierenden Sportunterricht haben.

Dieser Ort ist nun einer von sieben einer ganz speziellen Tour des Erinnerns durch die Stadt. Im Rahmen des Politikunterrichts haben die Schüler den Stadtrundgang entwickelt, in dem neben den Schicksalen der Juden auch die Verantwortung der Täter thematisiert wird. Neben der Turnhalle und dem Gedenkstein für die Opfer der Shoa am früheren Standort der Synagoge sind das die sogenannten Stolpersteine für Max Heymann und seine Frau Anna sowie deren Kinder Walter und Edith vor dem Haus Werner-Gilles-Straße 2. Die Familie wurde 1942 deportiert und im Lager Izbica ermordet. Weitere Stationen auf dem Rundgang sind das Geburtshaus von Josef Goebbels, die Gedenktafel der früheren Synagoge an der Blücherstraße und das jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge an der Albertusstraße.

Zu jedem Ort haben die Studierenden  bei einem Besuch im Stadtarchiv die Geschichte recherchiert – und dabei auch in ihrer Haltung und Vorstellung eine Veränderung festgestellt, berichtet Klassensprecherin Fabienne Gries. „Uns ist bei der Recherche ganz klar bewusst geworden, dass das Thema der Verfolgung eben nicht aus der Welt geschafft ist, sondern ganz präsent“, sagt sie mit Blick auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Sie selbst hat festgestellt, dass sie das Thema Nationalsozialismus zwar in der Schule durchgenommen hat, aber „es war eher allgemein“. Bei der Recherche sind die Geschehnisse mit Gesichtern, persönlichen Schicksalen und konkreten Orten in der eigenen Stadt verbunden worden.

Die Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) und die Katholische Jugendarbeit im Bistum Aachen (Kathja) haben das Projekt unterstützt. Entstanden ist die Idee mit der Politiklehrkraft Anne Meurer. Die studiert noch selbst und hat im Rahmen ihres Studiums die Aufgabe gehabt, eine didaktische Reihe rund um das Thema Nationalsozialismus zu entwickeln. „Vor einigen Jahren haben wir mit einer anderen Klasse schon mal so einen Rundgang gemacht“, berichtet Martina Kupka, Kulturbeauftragte des Maria-Lenssen-Berufskollegs. Im Gespräch mit Ingrid Beschorner, Referentin für kirchliche Jugendarbeit im Bistum Aachen, entstand die Idee, das Konzept als Grundlage zu nehmen und zu erweitern.

„Die Studierenden haben die Orte gesichtet und überlegt, welche Aspekte ihnen in dem Zusammenhang wichtig sind“, sagt Martina Kupka. Auch sie stellt fest, dass die Schüler mit der biografischen Arbeit einen besseren Zugang zu den Ereignissen bekommen, die weit vor dem Leben der 18- bis 30-Jährigen passiert sind. „Sie erkennen die Wichtigkeit des Themas und bekommen eine erhöhte Wachsamkeit für die Geschehnisse um uns herum. Sie sehen die Signale und stellen fest: Viel hat sich nicht geändert.“ Als Erziehende künftiger Generationen seien sie diejenigen, die Werte wie Menschlichkeit und Achtsamkeit im Miteinander in die Gesellschaft weitergeben.

Für die Studierenden ist das Projekt mit einem ersten Proberundgang und der damit verbundenen Präsentation beendet. Nun übernehmen die GCJZ und Kathja, denn der Rundgang soll noch weiter ausgebaut und in Zukunft aktiv als alternative Stadtführung angeboten werden.

Studierende des Maria-Lenssen-Berufskollegs haben in Mönchengladbach einen speziellen Stadtrundgang entwickelt

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