Endlich trocken wohnen

Was bedeutet Obdachlosigkeit für die Betroffenen? In Rheydt zeigte das eine Aktion.

Michelle und Steve haben es sich auf dem Sofa im Freiluft-Wohnzimmer bequem gemacht. (c) Garnet Manecke
Michelle und Steve haben es sich auf dem Sofa im Freiluft-Wohnzimmer bequem gemacht.
Datum:
24. Sept. 2025
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 27/2025 |Garnet Manecke

 Steve fühlt sich sichtlich wohl. Er sitzt auf dem Sofa, neben ihm hat Michelle Platz genommen. Die beiden sind in eine warme Decke gehüllt, seine Schuhe hat Steve ordentlich neben das Sofa gestellt. Die Füße ruhen auf dem Teppich. Aber das Sofa steht nicht in einem gewöhnlichen Wohnzimmer. Rund um Steve und Michelle gibt es keine Wände, ihr Sofa steht auf dem Markt in Rheydt.

Unter freiem Himmel haben die katholischen Träger der Wohnungslosenhilfe (SKM, SKF, Verein Wohlfahrt/ Caritas und der Volksverein) ein Wohnzimmer aufgebaut. Sofa, Fernseher, Teppich, Bücherregal, Lampe und Zimmerpflanze: Alles ist da. Was fehlt, sind schützende Wände drumherum.

Ein paar Meter weiter steht eine Bank, die mit rot-weißem Band abgesperrt ist, gleich daneben ist ein Zelt mit Schlafsack aufgebaut. Damit wollen die Organisatoren auf die Lebensrealität der Wohnungs- und Obdachlosen in der Stadt aufmerksam machen. Ein gemütliches Wohnzimmer ist für viele ein Traum.

Max Knop hat seit fünf Jahren keine Wohnung mehr. Er geht jeden Tag in den Tagestreff. (c) Garnet Manecke
Max Knop hat seit fünf Jahren keine Wohnung mehr. Er geht jeden Tag in den Tagestreff.

Den träumt auch Max Knop. Seit fünf Jahren lebt der 45-Jährige auf der Straße. Seine Wohnung wurde ihm gekündigt, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Irgendwann stand er auf der Straße. Jetzt hofft er, über das Housing-First-Programm des SKM eine Wohnung zu bekommen und einen Neuanfang zu machen.

Knop lebt vom Bürgergeld. Zu seiner erwachsenen Tochter hat er keinen Kontakt mehr. Trotz Wohnungslosigkeit versucht er, seinem Tag eine Struktur zu geben. Er übernachtet in der Notschlafstelle. „Da kann ich ab 16 Uhr hin“, sagt er. Morgens geht er nach dem Frühstück in den Tagestreff des SKM in Rheydt, manchmal auch ins Café Pflaster oder ins Bruno-Lelieveld-Haus an der Erzberger Straße. Dort trifft er andere Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind.

„Sehr viele, die obdachlos sind, haben kein Netzwerk“, sagt Astrid Thiess, Sozialarbeiterin beim SKM. „Es gibt keine Familienstrukturen mehr und keinen Freundeskreis, weil sich das mit der Zeit immer mehr auflöst.“ Anfangs können viele noch für eine Weile bei Freunden unterkommen, bis die ihre Wohnung wieder für sich haben möchten.

Wer seine Wohnung verliert, erlebt, wie ihm sein Leben zerrinnt. „Man muss aus der Situation schnell rauskommen, sonst leiden auch die anderen Lebensbereiche“, weiß Thiess. „Dann kommen die psychischen Belastungen dazu.“ Die Frage, warum das passiert ist, lässt die Betroffenen an sich zweifeln.

Obdachlosigkeit habe viele Gesichter, sagt Thiess. Es trifft nicht nur die Menschen, die wegen Drogen- oder Alkoholsucht die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Ganz normale Menschen in „geordneten Verhältnissen“ können plötzlich damit konfrontiert sein. Sie kenne eine Hebamme, die seit eineinhalb Jahren keine Wohnung findet, sagt Thiess. Die Eigenbedarfskündigung, ein Schicksalsschlag oder die Trennung vom Partner können auf einem angespannten Wohnungsmarkt dazu führen, dass die Betroffenen auf der Straße stehen.

Holger Knübben, Leiter des Bruno-Lelieveld-Haus, kennt die Probleme Wohnungsloser. (c) Garnet Manecke
Holger Knübben, Leiter des Bruno-Lelieveld-Haus, kennt die Probleme Wohnungsloser.

„Viele fragen sich, was sie falsch machen und ob sie selbst schuld sind“, sagt Holger Knübben. Er leitet den Tagestreff Bruno-Lelieveld-Haus des Vereins Wohlfahrt. Täglich trifft er dort Menschen, die ihre Wohnung verloren haben oder in Wohnungen leben, die eigentlich nicht mehr bewohnbar sind. Ein Umzug aber ist nicht möglich, weil das Angebot an bezahlbaren Wohnungen zu gering ist. Die Konkurrenz dagegen ist groß. Jeder Gast im Bruno-Lelieveld-Haus hat seine eigene Geschichte.

Die Tagestreffs geben den Menschen Halt. Hier finden sie soziale Kontakte, können duschen und ihre Wäsche waschen, bekommen Frühstück und Mittagessen und bei Bedarf auch etwas anzuziehen. Aber das Wichtigste ist: Sie treffen hier Menschen, die sie dabei unterstützen, wieder eine Wohnung zu finden.

 

Der SKM sowie der Caritasverband in Mönchengladbach vermieten über das Projekt Housing First Wohnungen an Langzeitobdachlose. Die Mieterinnen und Mieter haben zuvor mindestens ein Jahr keine eigene Bleibe gehabt. Die Wohnungen sind in der Regel Eigentum der Organisationen. Die neuen Bewohnerinnen und Bewohner werden auch nach dem Einzug weiter betreut. Denn dann gilt es, die Verhältnisse wieder zu stabilisieren.

Von den elf Wohnungen, die der SKM besitzt, sind neun über das „Housing First“-Programm vermietet. „In zweien sind noch die Altmieter drin“, sagt Thiess. „Die können auch bleiben, sonst hätten wir ja wieder Obdachlose.“ Weitere zehn Wohnungen, die nicht dem SKM gehören, konnten über das Programm an Obdachlose vermittelt werden.
Wie beim Verlust der Wohnung eine Negativspirale einsetzt, beginnt bei Bezug einer neuen Wohnung meist eine Positivspirale. Deshalb geht es den Trägern nicht nur darum, zu helfen, wenn die Katastrophe schon eingetreten ist. Auch präventiv wird beraten, damit der Verlust der Wohnung gar nicht erst eintritt.

Mit dem Projekt „Eigene 4 Wände“ begleitet das SKM-Team Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Dabei tritt es neben seiner beratenden Funktion für die Betroffenen auch oft als Vermittler zwischen Mietern und Vermietern auf. „Die Vermieter sind oft froh, dass es eine begleitende Hilfe gibt“, stellt Thiess immer wieder fest.
Steve gehört zu denen, die durch „Housing First“ wieder eine Wohnung gefunden haben. Wenn er das Sofa auf dem Markt verlässt, kann er den Tag auf dem eigenen in seiner Wohnung ausklingen lassen. „Zwei Mal im Leben hatte ich keine eigene Wohnung“, sagt der 35-Jährige. „Beim ersten Mal habe ich über Facebook eine gefunden. Aber dann habe ich vergessen, die Miete zu überweisen.“

Dass er Drogen und zu viel Alkohol konsumierte, war für sein Gedächtnis nicht förderlich. Steve kam mit dem Gesetzt in Konflikt und brachte sich immer tiefer in Schwierigkeiten. Das soll jetzt endgültig vorbei sein. „Ich habe, Gott sei Dank, den SKM kennengelernt“, sagt er. Nun blickt er positiv in die Zukunft und hat viel vor. Er hat eine Suchttherapie gemacht. „Das ist viel Aufräumarbeit im Kopf“, sagt Steve.

Dass der 35-Jährige wieder eine Arbeit hat, gibt ihm Stabilität und Struktur. Damit kann er auch den nächsten Punkt auf seiner Liste angehen: von seinen Schulden runterzukommen. Und dann möchte er auch seinen Sohn wieder regelmäßig sehen. „Seine Mutter hat auch alles gegen die Wand gefahren“, sagt Steve.

Was ist für ihn das Beste an seiner aktuellen Wohnsituation? „In der Obdachlosigkeit war es immer kalt und ich war immer durchnässt“, sagt Steve. Jeden zweiten Tag sei er beim SKM duschen gegangen. Aber die Negativspirale nach ganz unten hätte das nicht aufhalten können.

Um aus seiner Situation rauszukommen, hat Steve den wichtigsten Schritt gemacht: Er hat sich Hilfe geholt. Das sei für die Menschen gar nicht so einfach. „Es fällt ihnen schwer, um Hilfe zu fragen“, sagt Thiess. Manche wüssten nicht, wo sie Hilfe bekommen können, andere schämen sich zu sehr. 

Hier finden Wohnungslose Hilfe

(c) Garnet Manecke

Beratung  bietet der SKM Rheydt, Waisenhausstraße 22, es ist eine Beratung für Wohnungslose. Kontakt: Diane Schwung, Telefon 0151/ 64747182. Für Frauen bietet der SKM eine spezielle Beratung an. Kontakt: Astrid Thiess, Telefon 02166/ 1309731


Notschlafstellen  Für Männer gibt es an der Breite Straße 160 eine Notschlafstelle mit 50 Betten. Frauen und Familien bietet die städtische Notschlafstelle im Luisental 69 Plätze an. 

Tagestreffs  Der SKM bietet an der Waisenhausstraße 22 mit dem Café Emmaus einen Tagestreff an. Hier bekommen Obdachlose kostenlos Frühstück. Für das Mittagessen und Getränke muss ein kleiner Betrag bezahlt werden. Auch Körper- und Wäschepflege sind vor Ort möglich.
In Bahnhofsnähe befindet sich das Bruno-Lelieveld-Haus (Erzbergerstraße 8). Hier gibt es ein Frühstück und heißen Tee und Kaffee. Drei Mal in der Woche wird ein warmes Mittagessen angeboten. Wie im Café Emmaus können die Gäste hier duschen und ihre Wäsche waschen. Bei Bedarf bekommen die Gäste auch Kleidung aus der Kleiderkammer.
Mit den beiden Café Pflaster an der Brucknerallee 37 (Rheydt) und an der Kapuzinerstraße 44 (Mönchengladbach) bietet die Diakonie ebenfalls ein solches Angebot an. Bei Bedarf gibt es auch ein medizinische Erstversorgung von Wunden. 


Öffentliche Essensausgaben  Private Vereine bieten in der Woche an vielen Stellen kostenlos Essen an. Dazu organisieren die Ehrenamtlichen auch Dinge, die Obdachlose auf der Straße brauchen: Schlafsäcke, warme Jacken und Socken oder Hygieneartikel. „Die Suppentanten“ verteilen samstags am Platz der Republik. Ebenfalls samstags stehen die „Straßenkämpfer“ am Theater in Rheydt. Zwei Mal pro Woche fährt das Wärmetaxi des Vereins „Mönchengladbacher helfen“ durch Rheydt, um warme Mahlzeiten zu verteilen. Dienstags und donnerstags macht es zuerst am Marktplatz und danach am Tellmannplatz Station. Der Kältebus des Vereins „Wir für MG“ steht mittwochs um 16.30 Uhr am Platz der Republik.