Als Mädchen in einer Jungendomäne und als Protestantin am katholischen Dom: Luise Dahlhoff war und ist in einer besonderen Rolle. Mädchen waren lange in Aachens Dommusik ein Tabu, doch sie gehörte zu den Pionierinnen, als am weltberühmten Münster Karls des Großen ein Mädchenchor gegründet wurde.
Die 26-Jährige ist bis heute geblieben und gehört als Mitglied des Vorstands nach wie vor zu den Säulen des Chors, der sich längst erfolgreich etabliert hat. Beruflich arbeitet sie als Apothekerin. Ihr Glaube spielt bei allem immer eine große Rolle.
Luise Dahlhoff wurde 1999 in Aachen geboren. Sie stammt aus einer evangelischen Familie. Ihre Eltern waren und sind nicht ehrenamtlich in der Kirche aktiv, wohl aber musikalisch: Ihr Vater spielt Orgel, ihre Mutter Flöte. Ihr Bruder Clemens Paul, der die Domsingschule durch einen Nachbarsjungen kennengelernt hatte, kam auf die Idee, dieselbe Schule besuchen zu wollen. Als das Gespräch mit dem früheren Direktor der Domsingschule auf das Thema Konfession kam, meinte der: „Wenn jemand schon so einen katholischen Namen wie Clemens Paul hat, ist das kein Problem.“
Bei Luise sollte die Hürde allerdings noch höher sein: Für sie musste am Dom erst noch ein Mädchenchor gegründet werden, bevor sie dort mitsingen konnte. Das geschah dann aber tatsächlich im Jahr 2011, und Luise war zwar nicht im Gründungsgottesdienst am 28. Mai dabei, wohl aber, als die ersten Mädchen im Dezember 2011 aufgenommen wurden. 20 Mädchen, eine Schulklasse und vier Externe, bildeten die Pionierinnen. „Alles lief damals sehr harmonisch ab, und es gab keinerlei ironische Bemerkungen“, erinnert sich Luise Dahlhoff heute. Das Singen machte ihr als Kind bereits großen Spaß.
So hatte sie zuvor bereits dem projektbasierten Chor der Annaschule angehört, wollte allerdings nie Gesang studieren und professionelle Sängerin werden. Mit dem Mädchenchor sang sie zunächst eine Messe von Bernhard Blitsch für einstimmigen Chor, danach auch zweistimmig. „Wir hatten nicht viel Erfahrung im Chorgesang und mussten uns erst einmal heranarbeiten“, urteilt sie im Rückblick. „Heute singen wir mittlerweile sechsstimmige Werke wie zum Beispiel Ave Maria von Franz Biebl für besondere Anlässe und haben die A-Dur-Messe von Rheinberger im Repertoire.“ Taizé-Lieder, die in der jüngeren Kirchenmusik eine große Rolle gespielt und viele Anhänger haben, haben ihrer Meinung nach ihren festen Platz an bestimmten Abenden, sind aber sängerisch ihrer Meinung nach nicht sonderlich herausfordernd.
Privat kann Luise Dahlhoff sich für die unterschiedlichen Musikstile begeistern: Pop, Rock, Hip-Hop, Musicals, Filmmusik und Klassik, wobei sie die Symphonien von Ludwig van Beethoven bevorzugt – alles findet – je nach Stimmung – ihr Interesse. Die Arbeit mit dem Mädchenchor ist durchaus anstrengend: „Wir arbeiten konstant unter Druck und werden manchmal nicht fertig“, erläutert sie. „Allerdings lassen wir nie ein Stück fallen, sondern verschieben es höchstens.“ Etwa 20-mal im Jahr tritt der Mädchenchor im Dom auf – an den Hochfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten sowie zu Konzerten. Einmal im Jahr, in der ersten Woche der Herbstferien, steht eine große Konzertreise an. In den vorigen Jahren standen unter anderem schon Australien und die Ukraine auf dem Programm.
Luise Dahlhoff ist die Älteste im Mädchenchor, Mitglied des Vorstandes und Betreuerin. „Ich bin immer ansprechbar für die Mädels“, versichert die einfühlsame Ehrenamtliche. „Wenn es einmal Streitigkeiten gibt, fängt die Gemeinschaft das immer schon gut auf. Die Älteren helfen den Jüngeren und umgekehrt.“ Insofern müssten sie und die anderen Betreuerinnen gar nicht so oft intervenieren, versichert die junge Frau. Und sie selbst? Mit welchen Gefühlen singt sie als Protestantin lateinische Messen gemäß der traditionellen katholischen Liturgie mit? Lateinisch zu singen sei schöner als Deutsch zu singen, fügt die ehemalige Schülerin des Kaiser-Karls-Gymnasiums hinzu, die dort mit Freude Latein gelernt und 2017 das Abitur gemacht hat.
Nach dem Schulabschluss verbrachte die junge Frau zunächst ein Vierteljahr in Vietnam, Thailand und Kambodscha, bevor sie ein Semester Chemie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH Aachen) studierte. Im Sommersemester 2018 aber wechselte sie das Studienfach und die Universität und studierte in Münster Pharmazie. Im Jahr 2023 legte sie das Examen ab und machte hintereinander Praktika in einer Soester Apotheke sowie im Aachener Uniklinikum.
„Anfangs, als ich immer mit dem Zug nach Münster fahren musste, war es schwer, das Studium und die Proben des Mädchenchors sowie die Auftritte in den Sonntagsgottesdiensten zu vereinbaren.“ Dann kam die Corona-Zeit, als das Studium ausschließlich online stattfand und nur noch eine Handvoll Chormitglieder auf Abstand miteinander singen konnte. „Videokonferenzen haben sich als nicht gangbarer Weg für uns herausgestellt“, bilanziert sie. „Stattdessen musste jeder und jede sich singend aufnehmen, und alle diese Videos wurden am Ende zusammengeschnitten.“ Das Format der Videokonferenzen wurde stattdessen für gemeinsame Quizabende genutzt.
Und heute? Der Beruf der Apothekerin, den Luise Dahlhoff beim Uniklinikum Aachen ausübt, ist anspruchsvoll, aber zeitlich klar begrenzt, so dass er sich gut mit den Aktivitäten beim Mädchenchor vereinbaren lässt. Die Abteilung der Station Gefäßchirurgie, für die die 26-jährige tätig ist, versorgt die anderen Stationen des Klinikums mit Medikamenten. Oberstes Ziel ist dabei immer die Optimierung der Patientenmedikation.
Luise Dahlhoff sieht sich selbst als Beschafferin und Vermittlerin, um die beste Therapie für Patienten zu ermöglichen. „Viele nehmen ihre Tabletten leider ohne Bedacht ein“, merkt sie nachdenklich an. „Insofern lässt sich da viel optimieren.“ Nur einmal pro Woche hat sie Kontakt zu den Patienten, wenn sie sie auf ihrer Station besucht, „aber wir arbeiten in einem guten Team und haben dort viel Austausch“, betont sie. „Und natürlich gibt es Situationen, in denen man den kranken Menschen Beistand wünscht und ein Stoßgebet zum Himmel schickt, dass alles gut wird.“
Insofern habe ihr Beruf selbstverständlich ebenso etwas mit ihrem Glauben zu tun wie ihre Gesangstätigkeit am Dom, der, was die Gemeinschaft im Mädchenchor und den herzlichen Umgang miteinander betreffe, ihre geistliche Heimat sei. „Es ist etwas sehr Schönes, dass der Glaube Gemeinschaft stiftet“, fügt sie mit voller Überzeugung hinzu. „Das ist eine Wohltat für die Seele.“
Und wie lange will Luise Dahlhoff noch im Mädchenchor weitermachen? Bis zur Rente, so ist ihr versichert worden, hat sie einen Platz im Ensemble sicher. „Bei mir hängt sehr viel Herzblut daran“, unterstreicht sie nachdenklich. „Ich lasse das mal ganz offen und frei auf mich zukommen, wie lange ich noch dabei bin.“