Eine Stadt, die ein Lager war

Jedes Jahr lädt die GCJZ zu einer Studienfahrt ins ehemalige Ghetto Theresienstadt ein

Viele Räume im Ghetto von Theresienstadt sind noch erhalten. (c) Ingird Beschorner/GCJZ
Viele Räume im Ghetto von Theresienstadt sind noch erhalten.
Datum:
1. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 14/2026 | Garnet Manecke

Den Kindern ist ihr Leid anzusehen. Die Gesichter der 42 Mädchen- und 40 Jungenfiguren haben einen ängstlichen Ausdruck, als ob sie wissen, dass sie nun in den Tod geschickt werden. Von ihren Eltern wurden sie bereits getrennt. Die Väter und Brüder über 16 Jahre wurden erschossen, die Mütter waren in einer Halle gefangen. Von den Kindern wurden einige, die unter einem Jahr alt waren, für die „Umerziehung“ in deutschen Familien aussortiert. Die anderen wurden in mobilen Gaskammern ermordet. Heute erinnert an der Gedenkstätte Lidice ein Denkmal an die Kinder und ihr Schicksal.

„Lidice wurde von den Nazis ausgelöscht als Vergeltungsmaßnahme“, sagt Ingrid Beschorner von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). Am 27. Mai 1942 wurde bei einem Attentat durch tschechoslowakische Fallschirmjäger Reinhard Heydrich getötet. Er war seit einem halben Jahr Chef der Sicherheitspolizei und SS-Obergruppenführer. In dieser Funktion verbreitete er durch Verhaftungen und Hinrichtungen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung.

Das Denkmal für die Kinder zeigt das ganze Leid in ihren Gesichtern. (c) Ingrid Beschorner/GCJZ
Das Denkmal für die Kinder zeigt das ganze Leid in ihren Gesichtern.

Um Vergeltung für Heydrichs Tod zu üben, löschten die Nazis das Dorf Lidice aus. 503 Einwohnerinnen und Einwohner verloren am 10. Juni 1942 ihre Heimat und die meisten davon in den folgenden Tagen auch ihr Leben. 173 Männer wurden erschossen, die Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht und von Landkarten gelöscht. Erst nach dem Krieg wurde das Dorf wieder aufgebaut und an dem Ort eine Gedenkstätte errichtet.

Der Ausflug nach Lidice ist ein Programmpunkt einer Studienreise, zu der die GCJZ jedes Jahr einlädt. „Viele Erwachsene im Alter ab 50 Jahren haben kaum Wissen über den Nationalsozialismus“, sagt Ingrid Beschorner. „Sie erfahren zum ersten Mal, dass es in Theresienstadt ein Familienlager gab oder dass dort für Wohlfahrtsverbände ein Film gedreht wurde, der sie täuschen sollte.“ In den 1960er bis Ende der 1970er Jahre habe es im Schulunterricht keine Informationen über die Nazi-Diktatur gegeben. „Die Lehrer waren ja noch die, die schon unter den Nazis unterrichtet haben“, sagt Beschorner. Erst Ende der 1970er Jahre habe sich das geändert.

Um aufzuklären, organisiert die GCJZ in Kooperation mit dem Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung und dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund (IBB) die Studienfahrten nach Theresienstadt. Das ehemalige Lager ist kein Lager gewesen wie Auschwitz oder Dachau. Theresienstadt war eine ehemalige Garnisonsstadt und bewohnt. Hier richteten die Nazis ein Ghetto ein, das als Sammel- und Durchgangslager für Juden diente. Zuerst wurden jüdische Menschen aus dem damals bestehenden Protektorat Böhmen und Mähren einquartiert. Sie wurden dann in die Vernichtungslager deportiert, um Platz für jüdische Menschen aus Deutschland und Österreich zu machen.

Mit 20 Personen reiste die Gruppe der GCJZ nach Theresienstadt. (c) Ingrid Beschorner/GCJZ
Mit 20 Personen reiste die Gruppe der GCJZ nach Theresienstadt.

Auch heute ist Theresienstadt bewohnt, an vielen Gebäuden sind noch die Spuren von damals zu sehen. An einigen Häuserfassaden können die Bezeichnungen der Blocks deutlich abgelesen werden. Wie kann es sein, dass Menschen an so einem Ort leben? „Das ist günstiger Wohnraum“, hat Beschorner von einer Begleiterin erfahren. „Den Menschen ist die Geschichte schon bewusst und sie würden gerne woanders leben. Aber weil es billiger Wohnraum ist, leben sie dort.“

Das Ghetto haben die Nationalsozialisten am 24. November 1941 in der Stadt eingerichtet. Zuvor hatten sie die Festung als Gefängnis für politische Gefangene, Angehörige der Widerstandbewegung oder Menschen, die sich kritisch geäußert hatten oder anderen Verfolgten geholfen hatten, genutzt. Insgesamt wurden in den dreieinhalb Jahren seines Bestehens 140.000 Kinder, Frauen und Männer nach Theresienstadt deportiert und zum größten Teil nach einiger Zeit weiter in die Vernichtungslager gebracht.

Zum Kriegsende kamen noch etwa 15.000 Gefangene aus Lagern hinzu, die wegen der sich nähernden roten Armee auf die Todesmärsche geschickt wurden. Über 118.000 Menschen, die Theresienstadt durchliefen, fanden den Tod. Auch nach dem Ende der Diktatur war das Leid für die Menschen in Theresienstadt noch nicht vorbei. Viele Überlebende starben bei der Typhus-Epidemie, die sich nach der Befreiung ausbreitete und deretwegen Theresienstadt wieder abgeriegelt wurde, um die Kranken in Quarantäne zu halten.

Auf einer Wand sind die Namen der Opfer und ihre Lebensdaten verzeichnet (c) Ingrid Beschorner/GCJZ
Auf einer Wand sind die Namen der Opfer und ihre Lebensdaten verzeichnet

Wie wirkt sich eine Reise an so einen Ort auf die Teilnehmenden aus? „Wir bereiten die Teilnehmenden vor“, sagt Beschorner. Es gibt vor der Reise ein Treffen und danach. Während der Reise gibt es viele Möglichkeiten des Gesprächs. Was die Menschen erfahren und sehen, ist schwere Bildungskost. „Wenn wir auf dem Gelände sind, ist die Stimmung ernst“, beobachtet Beschorner. Gerade in Theresienstadt sei das Wissen um die Geschichte dieses Ortes wie ein Nebel, der sich darüberlegt. Aber sie sieht gerade bei diesen Besuchen auch viel Grund zur Hoffnung.

„An vielen Orten sind junge Deutsche im Freiwilligen Sozialen Jahr, die die deutschen Gruppen mit viel Wissen führen“, sagt sie. „Die Älteren bekommen so mit, dass es positiv weitergeht.“ Viele aus der jungen Generation setzen sich mit der Geschichte auseinander. Angesichts des gegenwärtigen Erstarkens rechtsextremer Kräfte sei das ein gutes Zeichen.
„Wenn über diese Zeit gesprochen wird, reden die Menschen in Theresienstadt von den Nazis und nicht von den Deutschen“, ist Beschorner aufgefallen. Dazu trägt bei, dass viele deutsche Gruppen unterschiedlicher Couleur die Gedenkstätten besuchen. „Wir haben eine Gruppe vom Fanprojekt des 1. FC Köln getroffen“, berichtet Beschorner. „Das ist doch toll, dass die Fanprojekte das machen.“ Auch eine Gruppe aus Aachen ist den Mönchengladbachern dort begegnet.

Die Besucher erfahren von der Kraft der Ghetto-Bewohner, die ums Überleben kämpften. Ein wichtiger Aspekt war Bildung, die sie selbst unter diesen Umständen ihren Kindern boten. So haben sie die Kinder heimlich unterrichtet und mit ihnen Theaterstücke einstudiert. Der Künstler Hans Krása komponierte die Kinderoper Brundibár. Mindestens zwei Kinder lernten dafür immer die Hauptrollen. Anders als bei heutigen Theaterproduktionen war der Grund wesentlich existenzieller: Man wusste nie, ob nicht ein Kind mit einem Transport in die Vernichtungslager geschickt wurde. Der Komponist starb am 17. Oktober 1944 in Auschwitz.

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