Eine Frage der Perspektive

Das Kunstprojekt „Drachenzähne in Farbe“ stellt Fragen nach Vergangenheit und Zukunft im Grenzland

„Frozen in history“ ist der Titel des Projektes der Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs für Gestaltung und Technik. Besonderer Clou ist der Anamorphismus. Betrachtet man die Blöcke von einer betimmten Stelle aus, lässt sich das Wort „Perspektive“ erkennen. Denn es ist wichtig, welche Perspektive man als Betrachter einnimmt. (c) Kathrin Albrecht
„Frozen in history“ ist der Titel des Projektes der Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs für Gestaltung und Technik. Besonderer Clou ist der Anamorphismus. Betrachtet man die Blöcke von einer betimmten Stelle aus, lässt sich das Wort „Perspektive“ erkennen. Denn es ist wichtig, welche Perspektive man als Betrachter einnimmt.
Datum:
15. Sep 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 38/2020 | Kathrin Albrecht

„Drachenzähne“, so nennen die Menschen in der Region die Panzersperren, die zu einer gigantischen Verteidigungsanlage, dem Westwall, gehören, den die Nationalsozialisten in den Jahren 1938 bis 1940 errichteten. 

Die „Siegfriedlinie“, wie die Westalliierten sie nannten, war gefürchtet – bei der Allerseelenschlacht im Hürtgenwald starben 70 000 Menschen. Doch schließlich war auch der Westwall bezwungen, das Dritte Reich geschlagen, und der Krieg am 8. Mai 1945 auf europäischem Boden vorbei. Seit dieser Zeit entwickelte sich mit der Europäischen Union ein Staatenverbund, der seit 75 Jahren weitgehend Frieden, Freiheit und Stabilität auf dem Kontinent sicherte. Die „Drachenzähne“ prägen dennoch das Bild der Landschaft bis heute – und oft ist die Bedeutung gar nicht mehr so klar.

Grund für den Rheinischen Verein, im Rahmen eines Kunstprojektes zu fragen, was diese Drachenzähne heute bedeuten. Was bedeuten Grenzen, wo gibt es sie noch und wie lassen sie sich überwinden? Was geben uns diese Klötze, Mahnmal einer schrecklichen Vergangenheit, mit für die Zukunft? Mit verschiedenen Einrichtungen aus der Städteregion Aachen und der Euregio erarbeiteten Künstlerinnen und Künstler Werke, die die Panzersperren in den Blick nahmen und bewusst in ein anderes Licht setzten. 
So wie der Käfer, den die Künstlerinnen Vera und Ana Sous gemeinsam mit dem Kollektiv „Ahoi“ schufen. Der Käfer liegt auf dem Rücken – „er steht symbolisch für die Zeit des Nationalsozialismus und seine Gesellschaft, die unmündig und blockiert gewesen ist,“ erläutert Ana Sous. Die Installation stelle aber auch aktuelle Bezüge zum Klimawandel und Arten- und Insektensterben her.

Im Aachener Wald, nahe der belgischen Grenze, arbeiteten Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs für Gestaltung und Technik mit dem Künstler Señor Schnu am Projekt „Frozen in history“. Den Panzersperren wurden Holzverkleidungen verpasst, farblich gestaltet in Blau, Rot und Gelb, den Farben der Alliierten. Kein Block gleicht dem anderen. Kai hat in seinem Block mit den Flaggen der Alliierten gespielt: Zunehmend fließen die Farben der Flaggen ineinander, ohne sich komplett zu vermischen: „Das steht stellvertretend dafür, dass es immer noch Grenzen im Kopf gibt“, erklärt der 18-Jährige. Für ihn haben Staatsgrenzen an Bedeutung verloren. „Eigentlich sind sie überflüssig“, meint er. Kai findet es wichtig, dass auch die Grenzen im Kopf verschwinden.

Wo Grenzen immer noch sehr konkret werden, hat in den vergangenen Tagen die Nachrichten beherrscht. Die Freiheit, die Menschen innerhalb der EU genießen, verkehrt sich an deren Außengrenzen ins Gegenteil. Das Projekt „Grenzlage“ stellte mit einem symbolischen Zeltlager die Frage danach, wer heute an Grenzen scheitert. In den Zelten hängen Bilder der Fotografen Jesko Denzel und Christoph Zenses, die in einem Flüchtlingslager in Bihac entstanden sind. Die am Projekt Beteiligten hatten zum Teil selbst Fluchthintergrund, haben ihre Erfahrungen mit einfließen lassen. Tragische Fußnote: Die Produktionsschule Tuchwerk, die an diesem Projekt beteiligt war, gibt es seit Anfang September in Aachen nicht mehr. Den Jugendlichen wurde so ihre Perspektive genommen. „Wenn Menschen sich in einer Gesellschaft nicht aufgehoben fühlen, werden sie anfällig für extreme Positionen“, warnt Monika von Bernuth, die beim Rheinischen Verein für das Projekt verantwortlich ist.

Die großen Herausforderungen meistern wir nur gemeinsam – so sehen das auch die Kinder aus Grundschulen in Roetgen und Raeren. Mit der Künstlerin Jana Rusch haben sie ihre Zukunftsträume auf große Leinwände gemalt und damit die Panzersperren verkleidet. Für Rusch, die in Belgien geboren ist, lange in Aachen gelebt hat und derzeit in Eupen lebt, sind die Panzersperren ein Mahnmal, dem sie mit Respekt begegnet, aber auch „ein wunderbarer Ort, um Wünsche und Träume zu präsentieren, die eine bessere Zukunft darstellen“. Es sei Kunst, die anecke, das zeigten auch Reaktionen in den Sozialen Medien: Bunte Bilder gehörten nicht in dieses Umfeld. Doch das schreckt Jana Rusch nicht. Nur aus Diskussionen entstehen Räume für Neues. 

Das Projekt "Drachenzähne in Farbe"

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