In der Mitte steht der große Familientisch mit den beiden Kinderstühlen. An den Wänden hängen viele Fotos mit Erinnerungen an Urlaube, im Wohnzimmer steht eine Kiste mit Spielzeug und in der Küche brummt der Kaffeeautomat. Das große Bild mit dem Spruch „Du bist das Herz der Familie. Mama, wir lieben Dich!“ strahlt Liebe und Fröhlichkeit aus. Alles Friede, Freude, Eierkuchen? Nicht ganz, denn dieser jungen Familie wurde das Herz fast herausgerissen.
Dass es noch schlägt, ist ein Wunder. Melanie Groenewold hat Magenkrebs. Gegen alle medizinische Wahrscheinlichkeit ist sie derzeit tumorfrei. Gesund aber ist sie nicht mehr. Jeden Tag nimmt die 39-Jährige den Kampf gegen ihre Krankheit wieder auf. Sie nimmt ihre Medikamente, blendet die Schmerzen aus, geht zu Arztterminen und Therapien. Wer davon nichts weiß, sieht vor sich eine moderne junge Frau. „Aber mein Mann macht praktisch alles“, sagt sie. Ohne ihre Medikamente kann sie keinen Tag durchstehen.
An den Moment, an dem ihr Leben zerbrach, kann sich Melanie Groenewold sehr gut erinnern. „Es war ein Albtraum, niederschmetternd“, sagt die 39-Jährige über den Tag im August 2024. „Ich habe zuerst meinem Mann gesagt: ,Es tut mir leid, dass ich Dich und die Kinder allein lasse.‘“ Dabei hatte sie eine Vorahnung, weil es in ihrer Familie schon Krebsfälle gegeben hat. „Mein Onkel hatte Magenkrebs und ist daran elendiglich zugrunde gegangen“, sagt Groenewold.
Nach der Geburt ihres zweiten Kindes habe sie wieder mit Sport angefangen und stark abgenommen. Aber es war nicht nur der schnelle Gewichtsverlust, der sie stutzig machte. Auch andere Symptome hatte sie und als sie ganz spezifisch nach Informationen zu Magenkrebs suchte, wurde ihr Verdacht konkreter. Eineinhalb Jahre ist das nun her. Damals waren ihre Kinder dreieinhalb Jahre und neun Monate alt.
Der Tod wurde der ständige Begleiter der Familie. Natürlich weiß niemand, wann seine letzte Stunde schlägt. Egal, ob gesund oder krank: Jeden kann es jederzeit treffen. Wie zerbrechlich das Leben ist, wird täglich in den Nachrichten gezeigt. Aber wenn man es selbst am eigenen Leib jeden Tag spürt, verändert das alles. Wie lebt man hoffnungsvoll auf die Zukunft, wenn einem jeden Tag bewusst ist, dass es diese Zukunft womöglich gar nicht gibt? Wenn das Leben von Therapieplänen getaktet ist?
Die Zeit, die Melanie Groenewold hat, ist geschenkt – und auch wieder nicht. Geschenkt deshalb, weil ihr die Ärzte bei der Diagnose sagten, dass Weihnachten 2025 vermutlich ihr letztes Weihnachtsfest sein wird, weil ihr metastasierender Magenkrebs unheilbar ist und eine Operation von den Ärzten zunächst ausgeschlossen wurde. Ihr wurde klar gemacht, dass es für sie nur noch darum geht, die verbleibenden Wochen oder vielleicht Monate mit ihrer Familie zu gestalten. Aber wenn man noch nicht einmal 40 Jahre alt ist, dann ist Sterben eigentlich keine Option. Dann steht man mitten im Leben, hat eine Familie gegründet, einen Beruf und Hobbys. Man regt sich darüber auf, dass in der Kita Läusealarm ist, backt Kuchen für den Geburtstag oder kauft sich ein Wohnmobil, um die Welt zu entdecken – so wie Melanie Groenewold und ihr Mann Dominik es getan haben.
„Ich will diese Krankheit nicht komplett mein Leben bestimmen lassen“, sagt sie heute. „Aber wenn ich versuche, etwas Normalität walten zu lassen, zahle ich einen hohen Preis.“ Wenn sie ihre Tochter selbst wickeln oder mit Hilfe ihres Mannes ihre Kinder wieder waschen kann, ist das ein kleiner Sieg über die Krankheit. Wenn es möglich ist, mal in ein Restaurant zu gehen oder an guten Tagen die Kraft da ist, mit den Hunden spazieren zu gehen oder sogar zu trainieren, spürt Groenewold wieder das Leben. Aber sie spürt auch ihre Grenzen.
Erlaubt sie sich von einer Zukunft zu träumen? Der bisherige Verlauf ihrer Krankheit gibt ihr Anlass. Ihr Arzt schaffte es, dass sie in ein Programm für eine zielgerichtete Antikörpertherapie aufgenommen wurde. Bis zur Zusage über die Aufnahme war es nicht möglich, mit einer Chemotherapie zu beginnen. Kann man in dieser Situation von Glück sprechen, dass die Therapie anschlug und dann die Operation doch möglich war? Die war riskant, aber das Team der Uni-Klinik Aachen hat es trotzdem gewagt und die 14-stündige Operation durchgeführt.
Heute ist sie tumorfrei. „Manchmal hat man so ein bisschen die Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt“, sagt die 39-Jährige. „Wenn man zum Beispiel ein altes Ehepaar sieht, das vertraut miteinander ist.“ Sie sagt „man“ und nicht „ich“: Mit ihren Erfahrungen ist sie vorsichtig geworden. Trotzdem ist im Gespräch mit ihr die leise Zuversicht zu spüren. Aber das geht nur, wenn sie sich auf das Wesentliche konzentriert.
Das Wesentliche sind ihr Mann und ihre Kinder. „Ich war vorher anders“, sagt sie. „Die Diagnose hat mich verändert, ich bin härter geworden. Man trennt sich von Leuten und Sachen, die einem nicht gut tun.“ Sie hat erlebt, dass Menschen, mit denen sie in ihrem füheren Leben befreundet war, die Straßenseite wechseln, wenn sie ihr begegnen. Sie hat erlebt, dass Menschen hinter ihrem Rücken darüber reden, ob sie wirklich krank sei. Sie sieht ja nicht krank aus. Die lange Narbe auf ihrem Bauch sieht ja keiner. Sie hat erlebt, dass ein Arzt sie nur deshalb zur Sprechstunde eingeladen hat, weil er mal sehen wollte, wie die Frau, die als medizinisches Wunder gilt, aussieht.
Melanie Groenewold musste sich auch mit Vorwürfen auseinandersetzen, die Krankheit nur erfunden zu haben, um Geld zu bekommen. Eine Freundin hatte eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um der Familie kleine Auszeiten zu ermöglichen. Damals war die positive Entwicklung noch nicht absehbar. Die Ärzte prognostizierten einen frühen Tod. Aber mit dem Wunder kamen auch die Unterstellungen. Melanie Groenewold hat ihren Arzt von der Schweigepflicht entbunden, um das öffentlich richtig zu stellen.
Aber sie hat in all dem auch positive Erfahrungen gemacht. Sie ist engagierten Ärzten und Pflegepersonal begegnet, die alles für sie gemacht haben, was die moderne Medizin hergibt. Sie hat erlebt, dass sich ihre beste Freundin um sie und ihre Familie kümmert und auch mal ihren Mann fragt, wie es dem so geht. Denn die Kranheit betrifft ja nicht nur Melanie Groenewold, sondern auch ihre Familie.
Ihr Sohn ist eine Zeit lang in eine Kindertrauergruppe gegangen, um alles zu verarbeiten. Man kann Kinder vor so einer existenziellen Krise nicht bewahren. „Wir versuchen, ihm alles kindgerecht zu erklären“, sagt Melanie Groenewold. Aber wie soll man einem Kind immer wieder erklären, dass Mama beim Kuscheln Schmerzen hat, wenn versehentlich ihr Bauch angefasst wird? Die Krankheit hat bei allen Spuren hinterlassen. „Unsere Psyche ist kaputt“, sagt sie. Die ganze Familie bräuchte psychologische Unterstützung. „Es ist eine Tragödie, jemanden zu finden“, sagt sie. Sie musste sich anhören, dass akute Hilfe für das Kind erst möglich ist, wenn sie gestorben ist.
Kraft tankt die Familie in ihren Urlauben, weit weg von der Chemo, die alle drei Wochen stattfindet und Melanie Groenewold schwächt. Auch da müssen sie auf die medizinische Versorgung achten, aber rauszukommen aus dem Alltag, neue Landschaften zu sehen und Neues zu erleben, gibt allen etwas Unbeschwertheit. Dann genießen sie das Wunder, das Mama lebt – gegen alle medizinische Wahrscheinlichkeit.