Wenn es uns schlecht geht, können wir eine Apotheke aufsuchen und Medikamente besorgen, damit es uns wieder besser geht. In Ländern, in denen Krieg herrscht oder eine Naturkatastrophe alle Infrastruktur zerstört hat, ist das nicht möglich. Dafür sendet das Tönisvorster Medikamentenhilfswerk Action Medeor seit über 60 Jahren Medikamente und andere Hilfsmittel in von Krisen betroffene Länder auf der ganzen Welt.
Und weil Kinder diejenigen sind, die Krisen mit am schlimmsten treffen, hat sich das Hilfswerk gemeinsam mit der städtischen Gemeinschaftsgrundschule in Vorst eine Aktion ausgedacht, die ein bisschen Trost und Freude schenken soll. Sie bemalen Kartons mit bunten Grüßen und Botschaften.
An diesem Morgen sind Schülerinnen und Schüler aus der 4b an der Reihe. Die Aktion passt gut in den Plan, eigentlich hätten sie ohnehin Kunstunterricht gehabt. Von Action Medeor ist Stephanie Wickerath gekommen, im Gepäck hat sie noch unbemalte Kartons des Hilfswerks. Bevor es losgeht, gibt es eine kleine Einführung. Das Hilfswerk kennen die meisten Kinder. In der Adventszeit besuchen die Klassen oft die Ausstellung mit Krippen aus aller Welt. Auch, was Action Medeor eigentlich macht, wissen die Kinder: „Von dort aus werden Medikamente in andere Länder verschickt, weil es denen nicht so gut geht“, weiß Maximilian.
2022, als Russland die Ukraine am 24. Februar überfiel, veranstaltete die Schule einen Friedenslauf, sammelte fast 20.000 Euro an Spenden, die Action Medeor für die Ukraine-Hilfe zugute kam. Einige aus der Klasse kennen auch Kinder, die in der Folge des Krieges aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. Ein Mädchen, Irina, ging wieder in die Ukraine zurück, weil dort noch Verwandte leben, die die Heimat nicht verlassen möchten. „Vielleicht kommt so ein Paket auch bei ihr an“, hoffen die Kinder. Dann verteilt Stephanie Wickerath die Kartons, bunte Filzstifte werden ausgepackt, und die ersten gehen schon eifrig ans Werk.
Bei denen, die noch nicht so recht wissen, was sie malen sollen, gibt Klassenlehrerin Kerstin Sievers Anregungen. Grüße in englischer Sprache, zum Beispiel „Greetings from Vorst“ (Grüße aus Vorst) oder „Get well soon“ (werdet schnell wieder gesund), schreibt sie an das Whiteboard. Joscha und Abdi malen eine grüne Wiese auf ihren Karton, dazu Menschen und Luftballons in Herzform in den Farben der Nationalflagge der Ukraine, Hellblau und Gelb.
Andere malen Comicfiguren, die sie gut finden und die vielleicht auch die Kinder in der Ukraine kennen, Herzen, Regenbogen und Friedenstauben. Schnell sind die ersten Kartons verziert. Gut, dass noch Nachschub da ist. „Meine Kollegin Ulrike Schwan, die den Social-Media-Bereich betreut, hatte die Idee, mit den Kartons nicht nur Medikamente, sondern auch Botschaften zu transportieren“; erzählt Stephanie Wickerath, die beim Tönisvorster Hilfswerk Bildungsreferentin ist. „Mir ist wichtig zu vermitteln, dass es in anderen Ländern anders ist als bei uns zu Hause. Wenn Krieg ist, werden Leitungen zerstört oder Gewässer verschmutzt. Dann gibt es kein sauberes Wasser mehr. Schmutziges Wasser ist die Ursache für viele Krankheiten, wie Cholera. Die Krankheit spielt hier keine Rolle, aber in Krisengebieten kann sie tödlich verlaufen, wenn es keine Medikamente gibt.“
Spielerische Aktionen, wie die Malaktion, seien für jüngere Kinder ideal, für Jugendliche bietet sie Vorträge oder Projekttage an.
Seit Kriegsausbruch ist Action Medeor in der Ukraine aktiv, arbeitet mit dem dortigen Gesundheitsministerium und der Partnerorganisation „Your City“ in Odessa zusammen. 14 gebrauchte Krankenwagen hat das Hilfswerk angeschafft und in die Ukraine versandt. In Odessa betreibt Action Medeor mit der Partnerorganisation eine Sozialapotheke und organisiert Spielenachmittage für traumatisierte Kinder, um ihnen im Kriegsalltag wenigstens ein bisschen den Raum dafür zu geben, Kinder sein zu dürfen. In Charkiv stellte das Hilfswerk Wassertanks auf, die regelmäßig von einer Partnerorganisation mit Trinkwasser befüllt werden, damit die Bevölkerung sauberes Wasser zur Verfügung hat.
Und auch die bunten Botschaften aus Vorst kommen an: Die Partnerorganisation hat Fotos nach Vorst geschickt, die die Ankunft von Kartons zeigen, die im März nach Odessa versendet wurden.
„Die Kinder haben die bemalten Kartons mit großer Neugierde betrachtet – sie waren wirklich erfreut und aufgeregt. Es war sehr berührend zu sehen, wie diese Zeichnungen die Kleinen positiv emotional bewegten“, schreibt „Your City“ an die Vorster Kollegen. Und weiter: „Die Kinder brachten ihre Freude in ihrer ganz eigenen Weise zum Ausdruck, indem sie das Auto und die Kartons intensiv unter die Lupe nahmen.“
Die neuen Kartons, inzwischen alle fertig bemalt, nimmt Stephanie Wickerath mit wieder zurück ins Medikamentenlager, wo sie mit Medikamenten und Hygieneartikeln bestückt werden.
Wie lange dieser Krieg noch dauern wird, kann niemand vorhersagen. Die Kämpfe haben sich weiter intensiviert, die Ukraine wehrt sich seit vier Jahren gegen den russischen Vormarsch. Die Antwort Russlands sind Vergeltungsschläge mit Raketen auf Großstädte, auch auf die Hauptstadt Kiew. Bemühungen um Frieden scheiterten bislang. Für die Kinder in der Ukraine wird die Situation auch weiterhin schwierig bleiben. Die bunten Grüße vom Niederrhein sind vielleicht ein kleiner Lichtblick in diesen dunklen Zeiten.