Ein Wunder und ein Segen

An Weihnachten feiern wir Christen die Geburt eines Kindes. Was bedeutet das?

(c) Klara Kulikova/unsplash
Datum:
19. Dez. 2025
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 33/2025 | Chrismie Fehrmann

„Zu Betlehem geboren, ist uns ein Kindelein“, ist eines der schönsten und innigsten Lieder. Selten wird über Geburt und neues Leben so oft gesungen und gesprochen wie zur Weihnachtszeit. Das Christkind erblickte in einem Stall das Licht der Welt und brachte der Welt das Licht. Eine Geburt ist mit der Sehnsucht nach dem Kind verbunden, mit großer Freude und großen Schmerzen. Sie ist ein emotionales Erlebnis, ein medizinisches Ereignis und ein körperlicher Vorgang. Die Kirchenzeitung sprach über das Thema mit Fachleuten und  mit der Familie eines neugeborenen Babys.

Der Arzt

„Die Geburt ist sicherlich das fantastischste Ereignis in der Medizin und ein einmaliges und immer wieder zutiefst berührendes Erlebnis - ein Wunder der Natur“, sagt Professor Michael Friedrich, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Helios-Klinikum Krefeld.

„Mit der ersten eigenen Atmung beginnt ein Kind, unabhängig vom mütterlichen Kreislauf, zu funktionieren. Es ist ein scheinbar unscheinbarer Moment, der jedoch eine der größten physiologischen Umstellungen des Lebens darstellt. Die Geburt ist der Augenblick, in dem etwas Wunderbares beginnt.“

Manch eine Geburt könne Stunden – auch über 24 Stunden – hinaus dauern, erklärt der Mediziner weiter. „Eine Patientin ist nicht nur ,unter Geburt‘, wenn sich regemäßige Wehen einstellen, sondern auch, wenn ein Blasensprung stattfand.“

Hilft neuem Leben auf die Welt: Professor Michael Friedrich. (c) Helios Klinikum Krefeld
Hilft neuem Leben auf die Welt: Professor Michael Friedrich.

Friedrich: „Glücklicherweise verlaufen die meisten Entbindungen gut. Aber natürlich gibt es Komplikationen, die sich dann häufig sowohl auf Mutter und Kind auswirken können und häufig ein sehr schnelles und zeitnahes Handeln erfordern.“ 
Es gebe sicherlich viele mögliche wirklich gefährliche medizinische Situationen, sagt er. „Nur zu allen anderen Situationen sind in der Schwangerschaft und rund um die Geburt immer zwei Leben betroffen und so betrachtet, gehören Komplikationen in dieser Situation sicherlich zu den gefährlichsten.“

Wenn alles gut gegangen ist und der erste Schrei ertönt, sei das Gefühl einfach überwältigend und auch befreiend. „Es bleibt so auch nach vielen hundert Geburten, weil es immer wieder aufs Neue zutiefst ergreifend ist, ein neues Leben auf der Welt zu haben in seiner Unberührtheit und Einzigartigkeit.“

Die Familie

Wohlig schmatzend liegt der kleine Stammhalter in den Armen seiner Mutter. Er ist erst einige Tage alt, wurde gerade frisch gemacht und hat gut „gegessen“. Die junge Familie hat Übung mit der Babypflege, denn es ist das zweite Kind.

„Im Helios-Klinikum und jetzt zu Hause läuft es gut“, sagt Annika Klein. „Trotzdem ist es ganz anders als bei unserer erstgeborenen Tochter, die zweieinhalb Jahre alt ist. Man vergisst schnell. Nun muss ich die Aufmerksamkeit auf zwei Kinder lenken, die sich in meine Arme kuscheln.“

Freut sich über den Zuwachs: Familie Klein aus Krefeld. (c) Andreas Bischof
Freut sich über den Zuwachs: Familie Klein aus Krefeld.

Ganz toll sei es, dass „die Große“ ihren kleinen Bruder heiß und innig liebt. „Sie fragt stets, wo er ist, ob er schläft und hält ihn gerne auf dem Schoß. Die Kleine gibt ihm auch schon Tee. Es ist ein süßes Bild.“ Das findet auch Vater Patrick Klein.

Beide seien Wunschkinder gewesen. „Wir sind komplett gesegnet. Sie kamen wie gewünscht, als hätte alles so sein sollen. Wir haben uns ganz bewusst für den Kinderwunsch entschieden, auch wenn die heutige Weltlage nicht einfach ist. Wir werden die Kinder beschützen, ihnen keine Angst machen. Sie werden eine unbeschwerte Kindheit haben“, sagt die Mutter, die Erzieherin ist. „Nun sind wir komplett.“
Den Heiligen Abend und die Weihnachtstage werden die Vier bei Verwandten und den Urgroßeltern der Kinder verbringen. „Wir gehen durch die Familien“, sagen die glücklichen Eltern und lächeln.

Der Priester

„Wenn wir Menschen auf die Erde kommen, dann sind wir zunächst nackt und hilflos. Wir sind auf die Hilfe von anderen – in der Regel unseren Eltern – angewiesen. Das ist auf der einen Seite etwas Wunderbares, dass es Menschen gibt, die für uns da sind, die sich sorgen und uns lieben. Auf der anderen Seite ist es auch eine Herausforderung für die Eltern, sich Nacht für Nacht aus dem Bett aufzumachen und die täglichen Bedürfnisse des noch kleinen Wesens zu stillen“, sagt Regionalvikar Dr. Thorsten Obst. 

Wir sind aufgerufen, uns umeinander zu kümmern, sagt Thorsten Obst. (c) Bistum Aachen/Martin Braun
Wir sind aufgerufen, uns umeinander zu kümmern, sagt Thorsten Obst.

„Weihnachten ist für uns Christen das Fest der Liebe. Es gibt uns Hoffnung und Zuversicht. Gott lässt den Menschen nicht allein; nein, er wird selbst Mensch und teilt dieses Leben mit uns. Aber er lässt es auch zu, sich in die Hände seiner Eltern zu begeben. Er ist darauf angewiesen, dass sie sich um ihn kümmern. Damit ist christlicher Glaube keine Einbahnstraße. Wir sind dazu aufgerufen, uns zu kümmern, damit die Liebe zwischen uns und Gott und untereinander wachsen kann.“

Der Psychologe

„Heute wissen wir viel mehr über die vorgeburtliche Entwicklung des ungeborenen Kindes im Mutterleib als noch vor zwanzig Jahren“, sagt Diplom-Psychologe Dr. Georg Rupp. „So zum Beispiel, dass nicht nur Erbinformationen an das Kind weitergegeben werden, sondern auch die Lebenseinstellung der Mutter. Ob sie sich auf ihr Kind freut oder viele Sorgen hat, ist nicht einerlei. Die Zellen des Kindes sind schon ab dem fünften Lebensmonat empfänglich für die mütterliche Gefühlswelt.“

Das Kind im Mutterleib bekommt mit, wie die Mutter fühlt, sagt Georg Rupp. (c) Andreas Bischof
Das Kind im Mutterleib bekommt mit, wie die Mutter fühlt, sagt Georg Rupp.

„Im Normalfall ist für das Wunschkind der Mutterleib ein ‚Paradies‘, in dem es alles bekommt, was es braucht, selbst wenn es zur Geburt hin enger wird.“ Hier sei die menschliche Symbiose tatsächlich vorhanden: „Wir zwei sind eins.“ Nach der Geburt sind Mutter und Kind zwar zwei eigenständige Wesen, aber: „Das Kind wird diese Wirklichkeit erst am Beginn der ersten Trotzphase mit etwa zwei bis drei Jahren erkennen, wenn die sogenannte ‚Ich-Findung‘ beginnt. Jetzt haben beide Eltern die Aufgabe, die Entwicklung des Kindes in das eigene Selbst hinein zu unterstützen. Es findet die erste Abgrenzung von den Eltern statt“, erklärt Rupp.

 

Vor der Geburt werden im Mutterleib die Organe ausgebildet. Die Ohren beispielsweise sind sehr früh, ab dem fünften oder sechsten Monat funktionsfähig. Vertraut ist die Stimme der Mutter, die gedämpft zu ihm dringt. Das Kind hört durch die Bauchdecke der Mutter aber auch die verschiedensten Umweltgeräusche. Es spürt, in welchen Momenten die Mutter entspannt ist oder es Streit gibt. So entwickelt es unter Umständen mit der Geburt auch eine angeborene Angst vor Lärm und lauten Geräuschen. Rupp: „Jedes Kind ist ein Wunder. Es besitzt schon vor der Geburt mehr Gehirnzellen, als es je gebrauchen kann. Daraus ergibt sich ein großes Potenzial an Möglichkeiten.“