Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich Franzosen und Deutsche auf einen Weg der Versöhnung und des Friedens begeben, der bis heute tragend ist. Die Idee des Freiwilligen Friedensdienstes sprang schnell auf andere Länder über. „Der tiefe Glaube, dass jeder Mensch unabhängig seiner Herkunft mehr ist, weil er ein Geschöpf Gottes ist, ist stärker als alles Trennende, als alle Verletzungen, Wut und Gewalt“, gab Pfarrer Hans Otto von Danwitz, Vorstandsvorsitzender von pax christi Aachen, den jungen Erwachsenen mit auf ihren Weg hinaus in die Welt. In der Jülicher Kirche St. Maria Himmelfahrt wurde der Aussendungsgottesdienst für den Jahrgang 2026/27 gefeiert.
Mit Ende des Schuljahres reisen die jungen Erwachsenen zu den Projekten in Bosnien, Polen und Costa Rica, wo sie sich ein Jahr lang für Frieden und Völkerverständigung einsetzen werden. Vorbereitet wurden sie ein Wochenende lang von pax christi in Aachen. „Wir verstehen die Friedensdienste als einen Lerndienst. Es geht um viel mehr, als nur im Ausland zu arbeiten. Die Freiwilligen entfalten ihre Persönlichkeit. Sie begegnen neuen Kulturen, erlernen eine neue Sprache, werden intensiv vor der Ausreise und nach der Rückkehr vorbereitet, reflektieren ihre Privilegien und setzen sich mit komplexen Zusammenhängen auseinander. So ein Jahr verändert junge Menschen für immer – und sie bleiben mit dem Gastland und den Projekten vor Ort noch lange nach der Rückkehr in Verbindung“, berichtet Maria Reyes-Henkel von pax christi.
Justin Howahl beispielsweise wird in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte im polnischen Kreisau arbeiten und dort unter anderem Workshops für Kinder- und Jugendgruppen aus verschiedenen Ländern anbieten. Der „Kreisauer Kreis“ war während des Zweiten Weltkriegs eine bedeutende Gruppe des bürgerlich-zivilen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland. „Ich habe mich für den Friedensdienst gemeldet, weil ich etwas Neues kennenlernen möchte. Aber auch, weil ich die Geschichte der Widerstandsgruppe spannend finde und anderen Menschen erklären möchte, was damals passiert ist“, sagt der angehende Fachabiturient. Nach dem Friedensdienst, den er sich als Praktikumszeit anerkennen lassen kann, würde er gerne Soziale Arbeit studieren.
Noomi Plato wird nach ihrem Abitur nach Costa Rica fliegen und eine kirchliche Organisation unterstützen. Die Iglesia Luterana Costarricense organisiert neben diakonischen Projekten auch Angebote für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und unterstützt die indigene Bevölkerung. „Costa Rica ist eines der sichersten Länder in Mittelamerika, ich gehe mit einem guten Gefühl dorthin und freue mich auf die vielfältige Arbeit“, sagt sie. Auch sie möchte eine andere Kultur kennenlernen, aber auch ein besseres Gefühl „für Ungleichheiten“ bekommen. „Auf der Welt sind genug Ressourcen für alle Menschen; sie sind nur ungleich verteilt“, ist sie sich der eigenen Privilegien bewusst. „Mit dem, was ich tue, möchte ich dazu beitragen, dass ein kleines bisschen mehr Gleichgewicht entsteht“, sagt sie.
Aus diesem Grund hat sie sich für den freiwilligen Dienst entschieden – und geht nicht dem „Work-and-Travel“-Konzept folgend auf Reisen. „Ich möchte meine Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen, mich für andere Menschen einsetzen, mir ein Jahr Zeit dafür nehmen. Zeit ist das Wertvollste, was man einander schenken kann“, sagt Noomi Plato. Bereits während der Schulzeit hat sie eine Ausbildung zur Sozialassistenz abgeschlossen. Sie hofft, vor Ort ihr fachliches Wissen anwenden und ausbauen zu können – auch mit Blick auf ein späteres Studium. Wichtig ist ihr zu betonen, dass alle Teilnehmenden über Spenden und Sponsoren einen Beitrag zur Finanzierung des Auslandsjahres leisten. Weitere Unterstützer sind gern gesehen.
Das Flüchtlingscamp im bosnischen Bihać wird ein Jahr lang die Wirkungsstätte von Luise Wollenberg sein. „Ich wollte ein Jahr an einem Ort sein, um helfen und unterstützen zu können, fest eingebunden, um wirklich Teil von etwas zu werden“, berichtet sie. In diesem Camp entlang der Balkan-Route wird sie bei der Verwaltung helfen, aber sicherlich auch viele Gespräche mit Menschen führen, Ansprechpartnerin sein. Die Freiwilligen leben in einer WG in der Stadt und werden täglich zur Arbeit gefahren. „Ich bin gut auf die Aufgaben und ganz unterschiedliche Szenarien vorbereitet worden, damit wir an dieser Aufgabe wachsen und nicht überfordert sind“, sagt Luise Wollenberg. „Ich freue mich, dass es bald losgeht.“
„Das Wochenende mit den jungen Leuten hat mich ermutigt, daran zu glauben, dass jungen Menschen die Lage der Welt nicht egal ist“, freut sich Hans Otto von Danwitz. Für den Friedensdienst 2027/28 können sich junge Menschen zwischen 18 und 35 ab September per E-Mail an friedensdienste@pax-christi-aachen.de bewerben. Mehr Infos: www.pax-friedensdienste.de.