Die Vorbereitung ist das A und O. „Wenn man einen Plan hat, kann man alles erreichen“, sagt Larsen Lüngen. Er hatte einen Plan. Drei Jahre hat er sich vorbereitet, bevor er zu Fuß von Erkelenz nach Rom wandert.
1842 Kilometer durch das flache Erkelenzer Umland, entlang den Hängen an der Weinstraße, durch idyllische Dörfer und an viel befahrenen Straßen vorbei, über die Alpen, vorbei an Seen und durch karge Landschaften in Italien, bis er schließlich vor dem Petersdom in der heiligen Stadt steht.
Wie war das Gefühl, als er in Rom angekommen ist? „Ich habe es erst gar nicht gemerkt“, sagt Lüngen. Denn natürlich hat er nicht als erstes den Petersdom gesehen. Rom ist an seiner Stadtgrenze nicht die Stadt, die man von Postkarten und Social-Media-Bildern kennt. Die Stadt empfängt Lüngen mit einer stark befahrenen Landstraße. An einer Tankstelle will er eine Pause einlegen, ein Espresso und eine Tüte Chips sind auf dem Tisch. Lüngen macht ein Selfie und staunt nicht schlecht, als er die Ortsangabe auf dem Bildschirm seines Smartphones sieht: „Rom“. In Tomba di Nerone macht er Station, um die letzte Etappe zum
Vatikan in Begleitung der angereisten Familie und Freunde zu gehen.
In seinem Blog ll2rom.de hat Lüngen die Eckdaten jeder der 88 Etappen seines Weges festgehalten: Welche Wege er genommen hat, welche Musik er gehört hat, wie lang die Strecke war und welche Höhenmeter er überwinden musste. Auch besondere Begegnungen und Begebenheiten können hier nachgelesen werden. Und das er Spenden sammelt für Dogscan, bei dem Hunde bei Feuerwehrleuten nach einem Einsatz erkennen können, ob sie Lungenkrebs entwickeln. Mit den erwanderten Spenden finanziert er 370 solcher Untersuchungen.
Dafür muss Lüngen den einen oder anderen Umweg gehen. In Reschen will er am gleichnamigen See eine Pause machen. „Nach 40 Tagen Wandern in Italien freust Du dich auf einen Cappuccino, doch alle Cafés in Reschen sind geschlossen“, schreibt er in seinem Blog. Also macht er sich auf, um wenigstens den Turm der ehemaligen Kirche von Alt-Graun zu fotografieren. Als 1950 der See künstlich angelegt wurde, ist auch die Kirche geflutet worden. Seitdem ragt der Kirchturm aus dem Wasser.
Lüngen kommt nicht richtig an den See und muss deshalb einen Umweg gehen. Nach einem anstrengenden Aufstieg durch unwegsames Gelände eröffnet sich ihm das Panorama mit einer „spektakulären Aussicht auf die Kirche im See“, wie er in seinem Blog schreibt. Seinen Cappuccino bekommt er auch – mit Ausblick auf den Kirchturm.
In Erinnerung an die Seen, die grünen Wiesen und die Berge, die langen Wege durch karges Gelände, aber auch die reiche Vegetation am Wegesrand, hat Lüngen nur wenige Worte. „Das sind die wahren Schätze“, sagt er angelehnt an den Satz des Heiligen Laurentius. Zu den wahren Schätzen seiner Reise gehörten auch die Begegnungen mit besonderen Menschen. Zum Beispiel Rudi, einem Mann von Mitte 70, der früher in der Wirtschaft tätig war. „Der ist ein leidenschaftlicher Bergsteiger gewesen, der noch mit Luis Trenker und Reinhold Messner unterwegs war und davon erzählte.“
Eine der berührendsten Begegnungen war die mit einer jungen Servicekraft in einer Pizzeria in Casumaro. „Das ist eine strukturarme Gegend in der Po-Ebene“, sagt Lüngen. Viele Häuser seien schon lange unbewohnt und zerfielen. „Nach einem Erdbeben 2012 haben viele jüngere Menschen die Region verlassen. Die Entschädigungen der Versicherungen haben sie als Startkapital für ein Leben in den Vororten der Städte wie Bologna und Verona genommen“, sagt Lüngen. „Da sieht man die krassen Folgen der Landflucht.“ Die Servicekraft gehörte zu denen, die geblieben sind. Sie sei zum Zeitpunkt des Erdbebens sechs Jahre alt gewesen und konnte sich noch daran erinnern. „Beim Erzählen zitterte ihr Kinn“, sagt Lüngen.
Er sei gelassener von seiner Pilgertour zurückgekommen, sagt Lüngens Frau, Nathalie Lüngen. Dazu hat wohl auch das Erlebnis beim Zugunglück beigetragen. Während dreier Ruhetage in Südtirol fuhr Lüngen von Trient nach Triest und wieder zurück. „Da hörte man ein leises ,Klock‘ und der Zug blieb fünf bis sechs Kilometer vor dem Ziel stehen“, berichtet er. „Man sah Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte anfahren und konnte sich schon denken, dass etwas Schlimmeres passiert war. Trotzdem waren da noch Zugreisende, denen ihre banalen Themen, ob sie ihren Anschluss bekommen oder pünktlich sind, wichtiger waren. Der Zug war klimatisiert.“ Beim Frühstück im Hotel erfuhr Lüngen später, dass eine 16-Jährige bei dem Unglück gestorben war.
Ans Aufgeben hat er nie gedacht, nicht als er in einen Fluss gefallen ist und auch nicht, als er einen Schwächeanfall am Rand einer viel befahrenen Straße erlitt oder wieder vor einer verschlossenen Kirchentür stand. „In Bingen stand ich um 8.15 Uhr vor der geschlossenen Kirche, weil die erst um 10 Uhr aufmacht“, sagt er. In Trento kam er nicht in den Dom. „Ich kam während der Mittagspause“, sagt Lüngen. Auch bei einigen Pfarrkirchen waren die Türen zu. „Das ist das falsche Signal“, sagt der Pilger. „Kirchen müssen offen sein.“
„Was bleibt, ist die Symbolik: eine Kirche, die ihre Mitte für sich behält und ihre Ränder vergisst“, kritisiert Lüngen in einem Gebet auf seinem Blog. „Herr, in einer Welt voller Lärm suchen Menschen Orte des Zuhörens. Nicht pompöse Predigten … .“