Ein Pakt für Selbstständigkeit

Ein Modellprojekt im Bistum Aachen unterstützt Senioren dabei, in den eigenen vier Wänden alt zu werden

Möglichst lange in den eigenen vier Wänden selbstbestimmt leben, das wünschen sich viele Menschen. Das Projekt „Pakt“ soll helfen,  diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. (c) Caritas Aachen/Frank Kind
Möglichst lange in den eigenen vier Wänden selbstbestimmt leben, das wünschen sich viele Menschen. Das Projekt „Pakt“ soll helfen, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen.
15. Okt 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 42/2019 | Kathrin Albrecht

In den eigenen vier Wänden alt werden, das wünschen sich viele Menschen. Wie das gehen könnte, probierten der Caritasverband des Bistums Aachen und das Deutsche In-stitut für angewandte Pflegeforschung in einem gemeinsamen Modellprojekt in Aachen, Heinsberg und Mönchengladbach aus.

„Pakt“ heißt das Projekt. Die Abkürzung steht für „Präventives Alltags-Kompetenz-Training“. Ziel ist es, die selbstständige Lebensführung so lange wie möglich zu erhalten und den Seniorinnen und Senioren zu ermöglichen, ihren Alltag wieder mit mehr Sicherheit und Wohlbefinden zu meistern, erläutert Andreas Wittrahm, Projektleiter und Bereichsleiter im Diözesanen Caritasverband Aachen. Die Idee dazu hatte der Caritasverband bereits im Jahr 2012 entwickelt. Dann galt es, geeignete Partner für die Umsetzung zu finden. Diese waren im Deutschen Institut für Pflegeforschung (dip) in Köln sowie, als lokale Partner vor Ort, in den regionalen Caritasverbänden Heinsberg und Mönchengladbach sowie der Freien Alten- und Nachbarschaftshilfe Aachen, fauna e.V., gefunden. Insgesamt drei Jahre, von Oktober 2016 bis zum September 2019, lief das Projekt, an dem insgesamt 221 Seniorinnen und Senioren teilnahmen. 

 

654 Hausbesuche bei 121 Teilnehmern

Das Besondere an „Pakt“: Speziell geschulte Fachkräfte suchten die Teilnehmenden zu Hause auf, um diese ausgerichtet auf ihre individuellen Bedürfnisse zu beraten: Wie sieht es in der Wohnung aus? Was klappt nicht mehr so gut, wo wird noch keine Hilfe benötigt? Dabei gehe es nicht nur um Barrierefreiheit oder behindertengerechten Umbau, oft reichten schon kleine Dinge, wie das Umräumen von Schrän­ken, berichtet Christina Weber vom dip, die die Pakt-Pflegekräfte schulte. „Wenn ich die Gläser sonst immer ganz oben eingeräumt habe und sie jetzt nicht mehr so gut erreiche, dann hilft es, wenn ich sie jetzt vielleicht ein Regal tiefer einräume.“ 

Angebote in der Gruppe, zum Beispiel Infoveranstaltungen zu Themen wie „Mein Zuhause“ oder „Meine Gesundheit“ oder Gruppentrainings, rundeten das Angebot ab. Insgesamt besuchten die „Pakt-Fachkräfte“ die Teilnehmenden 654 Mal zu Hause, dabei reichte die Spanne von 2 bis 4 Besuchen bis zu 10 bis 11 Besuchen pro Teilnehmendem. Die Altersspanne reichte von 64 bis 95 Jahre, auch unterschiedliche Pflegegrade von „kein Pflegegrad“ bis Pflegegrad 4, waren vertreten.

Für Marion Peters, Leiterin des „Pakt“-Projektes beim Cartiasverband Heinsberg, war das Angebot besonders in Kombination mit der Familien- und Krankenpflege interessant: „Die meisten Menschen kamen in die Beratung, wenn es quasi zu spät war und die ambulanten Hilfen nicht mehr ausreichten. Mit „Pakt“ hatten wir die Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die noch nicht pflegebedürftig waren.“ 

 

Durch „Pakt“ wieder aufgeblüht

„Es ist gelungen, individuelle Bedarfe und Ressourcen zu ermitteln und passgenaue Angebote zu machen“, zieht auch Christina Weber eine positive Bilanz des Projektes. Das habe auch die abschließende Umfrage unter den Teilnehmenden ergeben. Durch die Hausbesuche wurde eine Vertrauensbasis aufgebaut, durch die sich Senioren auch wieder „getraut“ haben, die Gruppenangebote außer Haus anzunehmen.

So hat es auch Marlies Wingender empfunden. Die Aachenerin ist eine der 121 Teilnehmenden. Per Zufall war sie auf das Projekt gestoßen. „Ich war durch den Tod meines Mannes sehr depressiv, ich hab’ nichts mehr gemacht“, erzählt sie. Dann erhielt sie im Rahmen von „Pakt“ Besuch von Yvonne Reetz und blühte regelrecht wieder auf. Sie überlegt sogar, eine Studentin bei sich aufzunehmen, die ihr vielleicht auch ein bisschen zur Hand gehen kann. Durch „Pakt“ habe sie neue Bekannte gefunden, mit denen sie jetzt auch wieder etwas unternehme. 

Frank Weidner, Direktor des dip, sieht sich durch solche Schilderungen bestätigt. „Die größte Herausforderung für uns ist die Einsamkeit im Alter.“ Denn Einsamkeit setze einen Teufelskreis aus zunehmender sozialer Isolation und negativen gesundheitlichen Folgen in Gang.

 

Weiterführen – aber wie?

Nach dieser erfolgreichen Modellphase wünschen sich die Verantwortlichen eine Weiterführung des Projektes. Das Wie ist dabei jedoch noch nicht klar. Man hofft auf eine gesetzliche Regelung mit Förderung durch die Krankenkassen. „Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag eine Förderung der präventiven Hausbesuche beschlossen“, betont Frank Weidner. Problematisch sei dabei jedoch die gesetzliche Regelung der Pflegegrade. Dort würde ein Schnitt gemacht, den es in der Realität so nicht gebe. 

Der Regionale Caritasverband Heinsberg überlegt indes, einzelne Elemente, wie die Gruppenschulungen, auf eigene Kosten weiterzuführen, erläutert Marion Peters. Entsprechende Gespräche würden derzeit mit der Kreisverwaltung geführt.  Auch „fauna“ möchte die Erfahrungen aus dem Projekt in die Arbeit mit einfließen lassen. „Es ist ein Arbeitsfeld, mit dem wir vorher nicht so viel zu tun hatten. Pakt war insofern für uns Neuland und die Möglichkeit, unseren Horizont zu erweitern“, sagt Jörg Limbrock, Leiter von „fauna“.  

Im Frühjahr 2020 soll das Projekt „Pakt“ in einem Buch vorgestellt werden. Es richtet sich an Fachkräfte und Dienste in der Alten-Eingliederungshilfe und -Pflege sowie an thematisch Interessierte.