Ein Kunstwerk aus zarter Vergänglichkeit

Pflanzenkunst als ökumenisches Projekt

Umgeben von schwebenden Blüten arbeitet Sandra Ganser. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Umgeben von schwebenden Blüten arbeitet Sandra Ganser.
Datum:
22. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 09/2026 | Sabine Rother

Von Sandra Ganser geht Heiterkeit aus. Die Treppe im Haus der Großmutter am äußersten Rand von Aachen-Walheim führt hinauf in ihr künstlerisches Reich. Der Balkon bietet einen Blick auf Wiesen mit alten Obstbäumen.

Das Atelier der 48-jährigen Aachener Künstlerin trägt einen Hauch von Ewigkeit. Es ist ein Leben nach all dem Ranken, Blühen und Grünen – das feine Haar von Samenständen einer üppigen Waldpflanze, zierliche Zweige mit winzigen Knötchen, die wie Schmuck über sie verteilt sind – bei Sandra Ganser hat alles seine einmalige Struktur, die sie luftig und duftend zu fantasievollen Installationen zusammenführt.

Besondere Düfte verströmen die getrockneten Blumen. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Besondere Düfte verströmen die getrockneten Blumen.

Rosenblüten rascheln auf Moos, es gibt winzige Sonnenblumen mit kleinen Gesichtern, aus alten Koffern und geflochtenen Körben wachsen Rispen. Mit dem Rheinischen Verein für katholische Arbeiterkolonien/Spektrum des Caritas-Verbandes im Bistum Aachen entsteht – unterstützt von der Städteregion Aachen und in Kooperation mit der Gemeinde der Friedenskirche in Baesweiler – ein Kunstwerk aus zarter Vergänglichkeit. Hier werden nur Naturmaterialien die Menschen umgeben, über ihnen im Kirchenraum. „Ein ökumenisches Projekt, auf das wir gespannt sind“, sagt Pfarrer Jochen Gürtler (55), der sich mit Hausmeister Carsten Schwager der Herausforderung stellt.

Wenn Sandra Ganser Kisten und Körbe mit Materialien packt, ist ihr bewusst, dass sie Tausende getrockneter Blüten, Äste, Samen und Blätter braucht. Von der Orgelempore aus sollen unter dem Motto „Natürlich.Verbunden.“ in Strahlen die fast unsichtbaren Drähte zum Altar hin „wachsen“ und das hölzerne Tonnengewölbe erfüllen.

Viele Hände sind nötig, um das Werk entstehen zu lassen. „Ein besonderes Phänomen“, sagt Sandra Ganser lächelnd. „Wenn ich irgendwo arbeite, kommen sofort Menschen, die helfen, die mitmachen wollen.“ Jahrelang hat sie als Marketing- und Unternehmensberaterin Unternehmen bei Veränderungsprozessen begleitet. Ihr Wissen und ihre Empathie nimmt sie nun mit in die von ihr geprägten künstlerischen Formate. Für Gürtler ist die Entscheidung, die Künstlerin in seiner Kirche arbeiten zu lassen, ein wichtiger Schritt als Seelsorger: „Ich möchte damit die Menschen hier stärker zusammenführen“, sagt er und hat Kreativzeiten zum Mitmachen vorbereitet.

Eine Vielfalt  an Farben zeichnet Gansers Werke aus. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Eine Vielfalt an Farben zeichnet Gansers Werke aus.

So können am Donnerstag, 7. Mai (17 bis 20 Uhr), und am Freitag, 8. Mai (12 bis 16 Uhr), alle, die Lust dazu haben, zur Friedenskirche kommen und Naturkunstwerke entstehen lassen. Zugesagt als Helfer haben bereits die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Gemeinde, Mitglieder des Kirchenchors, der Tanzgruppe und sogar die Aktiven des Töpferkreises und der Frauenhilfe. Auch weitere Termine sind nach Absprache mit Sandra Ganser möglich. Langsam rückt die feierliche Einweihung des Werkes näher – an Christi Himmelfahrt, 14. Mai, beginnt um 10 Uhr der Gottesdienst, danach wird bis 17 Uhr das Gemeindefest gefeiert.

Zuvor entwickelt Sandra Ganser ein Konzept. „So ein Projekt führt mich und alle anderen in einen Dialog mit dem Ort, der Architektur und den Menschen dort“, sagt Sandra Ganser mitten in Bergen von trockenen Pflanzen und Blumen, die nach ihrem Wandlungsprozess zerbrechlich sind und besondere Düfte verströmen – so unterschiedlich wie ihre einstige vitale Gestalt. „In jeder Jahreszeit steckt eine besondere Qualität.“

Ein wichtiges Erlebnis war die Gestaltung der Eingangshalle der Finnischen Botschaft in Berlin mit Elementen aus der Natur Finnlands. „Der Großhandel ist nichts für mich. Die Blumenindustrie setzt gnadenlos Chemie ein, da sind Blumen sowas wie Sondermüll, der Duft der Pflanzen ist vergangen“, erläutert sie. So hat sie für die Finnen Hölzer, Samenstände und Ranken aufgespürt, die das Land noch in sich tragen. Das größte Kompliment des Botschaftsteams: „Riecht ja wie zu Hause.“ Das spornt an.

 „Manchmal schicken mir Bekannte etwas in Kartons und Tüten, sammeln Nachbarn, was sie im Wald finden, Federn etwa, ernten Kräuter, oder ich gehe zu Leuten, die bei Gartenarbeiten oder in Anlagen Hecken und andere Gewächse zurückschneiden“, erzählt Ganser. Erstmals für die Friedenskirche hat die Künstlerin erfolgreich experimentiert – mit Osterglocken, die sie vorsichtig unter dem Blumenkelch abschneidet, sie einzeln auslegt, damit sie auf einer flachen Unterlage und sogar auf den Heizungen trocknen. „Die Blüten sind so empfindlich wie hauchdünnes Seidenpapier. Ich muss sehr aufpassen, dass sie nicht kaputtgehen und sie trocken lagern, damit sie nicht schimmeln.“ Naturmaterialien wie diese findet sie im Frühling besonders in Grünanlagen und an Straßenrändern. „Was sich zur Seite neigt, kann ich ernten.“

An ihren dünnen Drähten werden die Blüten und alle anderen Elemente unter der Decke der Friedenskirche in Baesweiler befestigt, wobei Sandra Ganser sachlich planen muss, denn da ist eine große Menge nötig. „Auf drei Meter brauche ich etwa 200 Pflanzenelemente.“ Das weiß sie, sie hat den Raum sorgfältig ausgemessen. Und vorsichtig muss sie sein, denn die Holzdecke verträgt weder Nägel noch Haken. „Es gibt eine fast unsichtbare Befestigung, an der früher der Erntekranz oder der Adventkranz hingen“, sagt Pfarrer Gürtler. Er baut auf Hausmeister Schwager, der lange Leitern in seinem Geräteraum hat. „Schaffen wir schon“, sagt er. Das Naturkunstwerk schwebt bis zu den Sommerfeien über den Köpfen.

Kontakt

(c) Bistum Aachen/Andreas Steindl

Evangelische Kirchengemeinde Baesweiler-Setterich-Siersdorf, Friedenskirche und Gemeindebüro, Otto-Hahn-Straße, 52499 Baesweiler, Tel. 02401 2202; Fax: 02401 603246, E-Mail: baesweiler@ekir.de, Öffnungszeiten: Dienstag 13 bis 16 Uhr und Mittwoch bis Freitag von 10 bis 12 Uhr.

Kreativzeiten zum Mitmachen für jeden beim ökumenischen Kunstprojekt mit Sandra Ganser: 7. Mai (17 bis 20 Uhr), 8. Mai (12 bis 16 Uhr), aber auch zu weiteren Zeiten. Anmeldung erbeten, kontakt@sandraganser.de, Telefon 00491717717174, www.senseand sensuality.de.
Einweihung an Christi Himmelfahrt, 14. Mai, 10 Uhr Gottesdienst, danach wird bis 17 Uhr das Gemeindefest gefeiert.