Die Toten begraben

Ein Dienst, den in den Gemeinden immer öfter auch ausgebildete Ehrenamtliche übernehmen

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Datum:
5. Aug 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 32/2020 | Andrea Thomas

Es gibt Momente im Leben, in denen Menschen besonders nach Halt suchen, nach Sinn oder nach Beistand. Momente, in denen auch Menschen, die sich sonst nicht unbedingt als gläubig oder der Kirche nahe stehend beschreiben, deren Nähe suchen. Einer davon ist der Verlust eines nahestehenden Menschen.

Verstorbene zu bestatten und Hinterbliebene gut zu begleiten ist daher nicht nur eine elementare Aufgabe von Kirche sondern auch eine Chance, Menschen, die ihr fern stehen, wieder oder neu für sich zu gewinnen. „Bei Beerdigungen erreichen wir Menschen, die sonst wenig mit den Ausdrucksformen von Kirche zu tun haben. Da müssen wir wach und präsent sein als Kirche“, erklärt Karl Dyckmans.

Er ist einer von 14 Ehrenamtlichen, die zum Jahresanfang in Aachen-Stadt und Aachen-Land den Befähigungskurs für Gemeindemitglieder im Begräbnisdienst abgeschlossen und die bischöfliche Beauftragung dafür erhalten haben. Wie er kommt auch seine Kurskollegin Ursula Becker aus der Pfarrei St. Katharina in Aachen-Forst. „Pfarrer Leuchter hat mich schon vor Jahren gefragt, ob ich das nicht machen würde. Da habe ich noch bewusst Nein gesagt, weil mir klar war, welche Aufgabe das ist, und ich unsicher war, ob ich mir das zutraue“, erzählt sie. Als im Frühjahr vergangenen Jahres „die Decke immer dünner wurde“, da habe sie es sich zumindest vorstellen können. So sei sie auch zunächst in den Kurs hineingegangen, um zu schauen: „Ist das was für mich?“, ehe sie sich entschieden habe, den Dienst tatsächlich aufzunehmen.

„Ich habe das vorher schon außerhalb des kirchlichen Rahmens gemacht“, erzählt Regina Poth aus der Aachener Innenstadtpfarrei „Franziska von Aachen“. Doch Bestatten sei eine so wichtige Aufgabe von Kirche, dass es ihr ein Anliegen sei, sich da auch in der Pfarrei aktiv einzubringen. Wie Karl Dyckmans sieht sie darin eine große Chance, Menschen einen positiven Eindruck der oft kritisierten Institution Kirche zu vermitteln. In kritischen Momenten bräuchten Kirchenferne ebenso Stütze wie kirchlich Gebundene.
Für alle drei ist es aber auch eine Möglichkeit, in Zeiten, in denen es immer 
weniger Hauptamtliche gibt, diese zu entlasten und sich als getaufte Christen in die Seelsorge einzubringen. „Beerdigen ist ein Dienst, den wir aufgrund unserer Taufe und Firmung tun dürfen und der in die Gemeinde gehört. Die Toten zu bestatten ist biblisch belegt und gehörte bereits zu den Aufgaben der Urgemeinde“, erklärt Marielies Schwering. Sie koordiniert als pastorale Mitarbeiterin die Kurse für die Ehrenamtlichen im Beerdigungsdienst im Büro der Regionen Aachen-Stadt und Aachen-Land. Mit dem nächsten Kurs wird sie selbst in die Kursleitung mit ihren Kolleginnen Rita Nagel und Maria Pütgens einsteigen. Pfarrer Hans-Georg Schornstein scheidet auf eigenen Wunsch aus dem Ausbilderteam aus. 


Auseinandersetzung mit Bibeltexten

Marielies Schwering empfindet den Dienst durch die Ehrenamtlichen vor allem auch als eine Bereicherung. „Oft tut sich die Gemeinde am Anfang etwas schwer. Aber das gibt sich mit der positiven Erfahrung. Viele trauernde Angehörige spiegeln, dass sich die Ehrenamtlichen viel Zeit nehmen und den Verstorbenen mehr in den Mittelpunkt stellen.“ Das zeige, wie gut dieser Dienst auch von Ehrenamtlichen aus der Gemeinde versehen werden könne. Nicht als Konkurrenz zu den hauptamtlichen Seelsorgern, sondern als Ergänzung und zu deren Entlastung.

Der Ausbildungskurs vermittelt dazu die fachlichen Grundlagen, hilft bei der Selbstreflexion im Umgang mit eigener Trauer und gibt den Ehrenamtlichen die Sicherheit, die sie brauchen im Umgang mit den Hinterbliebenen und bei der Leitung der Trauerfeier. Auch die frisch ausgebildeten Begräbnisdienste haben aus dem Kurs viel für sich persönlich und für ihre neue Aufgabe mitgenommen. „Für mich war die Auseinandersetzung mit eigenen Trauererfahrungen wichtig, mit den unterschiedlichen Arten von Trauer und Wahrnehmungen vom Tod, um mich besser in mein Gegenüber hineinversetzen zu können“, sagt Regina Poth. Auch Ursula Becker hat der Austausch innerhalb des Kurses geholfen: „Zu hören, wann und wie die anderen Teilnehmer Trauer erfahren haben. Schön war, dass es da eine große Offenheit gab, darüber zu sprechen und das auch reflektierend zu tun.“ Hilfreich sei außerdem die Auseinandersetzung mit verschiedenen Bibelstellen gewesen und wie unterschiedlich jeder darauf geschaut habe. „Das war sehr spannend und bereichernd.“

Für Karl Dyckmans waren der Austausch und der Kurs schon ein Wert an sich, woraus er aber auch viel für die Praxis habe mitnehmen können. „Wir hatten Hausaufgaben, Fallstudien, zu denen wir eine Beerdigung gestalten sollten, haben Texte und Evangelien ausgesucht und zu der Situation in Beziehung gebracht. Das war schon frappierend, was für verschiedene Gedanken man dazu aussuchen kann. Es gibt eine ganze Spannweite, um auf die eine Situation zu reagieren.“ Gerade der Praxisteil und die praktischen Erfahrungen der Kursleiter hätten ihn in seiner Entscheidung für diesen Dienst sicherer gemacht. 
„Wichtig ist, in dem Ritual sattelfest zu werden. Das ist wie ein Korsett, an dem wir uns festhalten können“, erklärt Regina Poth. Um sich dann auch davon lösen zu können, wo jemand damit nichts mehr anfangen kann, und „Krücken“ auch für diese Menschen zu finden, um sie gut zu begleiten. „Viele Dinge können wir nicht mehr bei allen als gegeben voraussetzen“, ergänzt Marielies Schwering, „daher ist es wichtig, die einzelnen Schritte, die wir tun, zu kommentieren und zu begleiten.“

Der Kurs gibt dabei Sicherheit, doch in die Abläufe, unterschiedliche Gegebenheiten und wie man Menschen mitnehmen kann, müssen sie alle erst hineinwachsen. Erfahrung kommt auch hier mit dem Tun. Besonders herausfordernd, fast zeitgleich mit ihrer Beauftragung, kam auch Corona und plötzlich mussten Beerdigungen unter Bedingungen stattfinden, die sie so vorher nicht üben konnten: Trauergespräche am Telefon oder mit Abstand und Maske; nur wenige Teilnehmer bei den Trauerfeiern, die dafür überwiegend draußen stattfanden und noch stattfinden, anstatt in Trauerhallen oder im Columbarium. Gerade das habe aber auch noch einmal die Wichtigkeit dieses Dienstes unterstrichen. 
„Das ist eine Aufgabe, die nicht leicht erscheint, aber eine Chance bietet, Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen“, wirbt Regina Poth. Sie empfiehlt Interessierten, schon vorher mal zu hospitieren und nicht erst während des Kurses. „Wer sich dafür interessiert, sollte den Kurs machen und schauen, ob es etwas für ihn ist. Der Kurs fördert und reflektiert das Glaubensleben, hilft, sprachfähiger im Glauben zu werden“, sagt Ursula Becker. Karl Dyckmans kann beiden nur zustimmen: „Man bekommt immer auch etwas für sich selbst zurück.“

 

Info

Nächster Kurs ist für Anfang 2021 geplant

Start soll am 7. Januar 2021 sein, der Abschluss ist für den 17. Juni 2021 geplant. Kursleiterinnen werden Rita Nagel, Maria Pütgens und Marielies Schwering sein, Kursort ist das Katechetische Institut, Eupener Straße 132 in Aachen.

Der Kurs besteht aus sieben Abendveranstaltungen und vier ganzen Samstagen. Zu den Inhalten gehören unter anderem: die Realität von Sterben, Tod und Trauer heute; die persönliche Auseinandersetzung damit; der christliche Glaube an die Auferstehung; Trauerphasen und -aufgaben; der Kontakt zu Hinterbliebenen, Trauerbesuch und Trauergespräch; Aufbau und Gestaltung der Begräbnisliturgie; die Aufgaben von Bestattungsunternehmen und die Zusammenarbeit mit ihnen; praktische Übungen von Begräbnisgottesdiensten und Trauergesprächen sowie Fragen zum Dienst und zur Akzeptanz in der Gemeinde.

Die Kurskosten übernehmen die entsendenden GdGs, die auch eine Teilnahme unterstützen sowie später die bischöfliche Beauftragung beantragen müssen.
Interessierte wenden sich bitte an Marielies Schwering, Tel. 02 41/4 79 01 05, E-Mail: marielies.schwering@bistum-aachen.de.

Ehrenamtliche Begräbnisbegleiteinnen und -begleiter

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