Die Nonne auf dem weißen Pferd

Schwester Clematia (Sybille Schmitz) aus Strempt erwarb sich im 20. Jahrhundert unter den Leprakranken der Südsee große Verdienste. Straßenbenennung im Neubaugebiet erinnert an ihr Wirken.

Schwester Clematia (r.), geborene Sybille Schmitz aus Strempt, avancierte in der Südsee zur berühmten Ordensfrau, Krankenschwester und Fürsprecherin der Eingeborenen. (c) Manfred Lang
Schwester Clematia (r.), geborene Sybille Schmitz aus Strempt, avancierte in der Südsee zur berühmten Ordensfrau, Krankenschwester und Fürsprecherin der Eingeborenen.
Datum:
12. Feb. 2025
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 07/2025 | Manfred Lang

„Das Missionsschiff ‚Julius‘ liegt zur Abfahrt bereit an der Landungsbrücke von Vunapope in der Südsee. An Bord gehen vier Hiltruper Missionsschwestern, die für die Aussätzigen-Insel Anelaua bestimmt sind. Sie sind jung, gesund und voller Freude, echte missionarische Pionierarbeit leisten zu können“: Mit diesen Worten beginnt ein Bericht zur Missionsarbeit der aus Strempt stammenden Ordensschwester Clematia.

Unter den Leprösen auf Anelaua mussten die Schwestern nicht nur verbinden und injizieren, sondern zuweilen auch kleinere chirurgische Eingriffe selbst vornehmen. (c) Manfred Lang
Unter den Leprösen auf Anelaua mussten die Schwestern nicht nur verbinden und injizieren, sondern zuweilen auch kleinere chirurgische Eingriffe selbst vornehmen.

Sie wurde 1907 in einem noch heute fast unverändert stehenden Fachwerkhaus in der Gärtnerstraße als Sybille Schmitz geboren und war eines von zehn Geschwisterkindern, berichtet ihr früherer Nachbarsjunge Franz-Josef Schmitz: „Damals gab es 13 Familien Schmitz in Strempt, die alle untereinander nicht verwandt waren.“ Als Franz-Josef sich für die Nonne auf dem weißen Pferd zu interessieren begann, die bei Schmitzens nebenan in der Gärtnerstraße als Fotografie auf dem Küchentisch stand, war „Schmitze Billa“, wie sie im Dorf hieß, längst weit weg in Papua-Neuguinea, auf dem früheren Bismarck-Archipel und Kaiser-Wilhelm-Land, ehedem deutschen Kolonien, die nach dem Ersten Weltkrieg an Großbritannien abgetreten worden waren.

Doch sollte Franz-Josef Schmitz die Nonne selbst kennenlernen, und zwar, als sie 1961 auf Heimaturlaub war. 1925 war Sybille Schmitz in den Orden eingetreten, 1933 in die Mission gegangen und 1951 für ihre Arbeit mit Leprakranken „Member oft the British Empire“ geworden.

1976 kam Clematia aus Gesundheitsgründen wieder ganz in die deutsche Heimat zurück, unter anderem nach Köln und in die Dollendorfer Niederlassung ihres Ordens, den Missionsschwestern vom Heiligen Herzen Jesu. Seither war sie häufiger bei Franz-Josef und Anni Schmitz in Strempt beim Kaffee, und die Eheleute besuchten sie an ihren verschiedenen Wirkungsorten. Zunächst arbeitete Clematia zehn Jahre in einer Dependance ihres Ordens in Blankenheim-Dollendorf, danach in Oeventrop und seit September 1988 im Mutterhaus in Hiltrup, wo sie 1996 Eisernes Ordensjubiläum feierte und am 18. März 1997 starb.

Im vergangenen Jahr machte Franz-Josef Schmitz den Mechernicher Bürgermeister auf Sybille Schmitz und deren abenteuerliches und segensreiches Leben und Wirken aufmerksam. Schmitz, der seinerseits vor einigen Jahren Bekanntheit und Beliebtheit als Miterbauer einer Kirche in Kampala/Uganda erlangte, möchte seine Namensvetterin, die aber nicht mit ihm verwandt ist, vor dem Vergessen bewahren. Mit Erfolg: Im Neubaugebiet Strempt wird eine Straße nach der Ordensschwester benannt.

Der Erzähler Hermann Klingler hat 1957 in seinem bei Herder verlegten Buch „Dienerin ohne Lohn – Von tapferen Frauen in den Missionen“ auch Sybille Schmitz ein Denkmal gesetzt: „Das Mädchen ist 18 Jahre alt, als es sich 1925 in Essen-Hiltrup der Oberin vom Mutterhaus der Missionsschwestern vom Heiligen Herzen Jesu vorstellt. ‚Und woher kommst Du?‘, fragt die Oberin. ‚Aus Strempt in der Eifel‘, antwortet das Mädchen.“

 

Unter Strempter Kindern: „Tante Billa“, alias Schwester Clematia, 1961 auf Heimaturlaub in der Eifel. (c) Manfred Lang
Unter Strempter Kindern: „Tante Billa“, alias Schwester Clematia, 1961 auf Heimaturlaub in der Eifel.

Die Ordens- und Krankenschwester aus der Strempter Gärtnerstraße leistet mit ihren Gefährtinnen auf einsamen Inseln in der Südsee nicht nur Missionsarbeit unter den Einheimischen, sondern auch medizinische und pflegerische Wundertaten unter den Leprakranken. Als der englische König Georg VI. 1951 die Ehrenliste mit den neuen Trägern des Ordens M.B.E. („Member of the British Empire“) herausgibt, befindet sich darauf zum Erstaunen der internationalen Öffentlichkeit auch der Name einer Deutschen: „Sister Mary Clematia Schmitz“.

Die einst scheue Novizin aus der Eifel hatte sich zu einer resoluten Ordensfrau entwickelt und ein Stück Entwicklungsgeschichte auf den zur britischen Kronkolonie Papua-Neuguinea gehörenden, ehemals deutschen Südseeinseln geschrieben. Sie hatte zusammen mit den Eingeborenen Sümpfe trockengelegt und Äcker bestellt, Operationen selbst durchgeführt und vor allem die Leprastation auf der von der Regierung unter Quarantäne gestellten Insel Anelaua aufgebaut. Im Orden hatte sie zunächst Krankenschwester gelernt und ihr Oxford-Examen in Englisch gemacht, 1931 ihre erste Profess abgelegt und 1933 ihre Missionsbestimmung für die Südsee erhalten. An Bord des Lloyd-Frachters „Oder“ stach Sybille Schmitz am 21. Oktober 1933 im Bremer Hafen in See.

Kurz darauf musste Missionarin die entscheidende Frage ihres Lebens beantworten: Der britische Gouverneur von New Guinea hatte gerade alle Leprakranken von ihren Familien und der Gesellschaft getrennt und auf die Insel Anelaua verfrachtet. Er bat die Mission, die Sorge für die Aussätzigen zu übernehmen. Zu den Beratungen mit Generaloberin und Bischof, wer diese heikle Mission übernehmen könnte, wurde auch Clematia hinzugezogen: „Ich erklärte mich bereit und sagte, dass ich darin Gottes Wille sehen würde.“

Zu betreuen waren zunächst 517 Lepra-Patienten: „287 im ansteckenden Dorf der Knotenaussätzigen und die übrigen im ersten Dorf der Nervenaussätzigen. Aber es kamen immer mehr dazu…“, erinnerte sich die Strempterin in einem Bericht. Nebenbei mussten die Schwestern Wege- und Brückenbau, Gartenarbeit, Ananas- und Tapiok-Pflanzungen sowie den Bau von Buschhäusern betreuen. Für die Kinder wurde eine Schule eingerichtet. Besonders harte Jahre brachen für Schwester Clematia und ihre Schützlinge an, nachdem die Japaner ab 1942 die Südseeinseln besetzten. Die Patienten wurden zum Teil in den Wäldern versteckt und dort versorgt, die Missionsstation wurde wiederholt angegriffen, Schwestern und Missionare verwundet und getötet.