Der Tau glitzert in der Sonne. Mitte März ist morgens um zehn auf der Obstwiese noch nicht viel los. Die Knospen an den Apfelbäumen stehen in den Startlöchern und sind bereit, sich zu öffnen, wenn die Temperaturen steigen. Das Bild der großen Beete, in denen in den kommenden Monaten Gemüse wächst, ist noch fad. Der braune Boden gibt den farblichen Ton an, nur hier und da sprießt ein grünes Unkraut keck hervor. Aber es ist spürbar: Die Natur steht kurz vor ihrer Wiederauferstehung nach dem Winter. Auch die Bienen bereiten in ihrer Beute alles vor.
Wenn Florian Vitz sanft an die Styroporbox klopft, ertönt von innen ein leises Summen. „Das zeigt uns, dass das Volk noch lebt“, sagt der 36-Jährige. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Felix Vitz betreut er ein Bienenvolk der Kolpingsfamilie Mönchengladbach. Im Winter ist nicht viel zu tun, da gilt es vor allem, dass es die Königin und ihr kleines Wintergefolge warm und sicher haben. Deshalb nehmen die Imker bei ihren Besuchen in den Wintermonaten den Styropordeckel nicht ab, um einen Blick in den Stock zu werfen. „Weil die Bienen sonst abkühlen“, sagt Florian Vitz und das wäre nicht gut für das Volk. Das Klopfen muss reichen. Tote Bienen summen nicht.
In der Beute herrscht auch bei Minuswerten auf dem Außenthermometer eine konstante Temperatur von 20 Grad. Die Winterbienen halten ihre Königin warm. Im Prinzip ist der Stock geschlossen, bis auf ein kleines Einflugloch unten an der Beute. Hier fliegt ab und zu eine Biene heraus. „Sie koten draußen“, sagt Felix Vitz. So halten sie ihren Stock sauber. Erst ab zweistelligen Temperaturen beginnen sie, vermehrt auszuschwärmen.
Nach einem sehr kalten Wintertag klettert heute die Temperaturanzeige auf dem Thermometer wieder hoch. Die Zehn-Grad-Marke ist schon geknackt. Die Vitz-Brüder können es riskieren, die Styropor-Abdeckung kurz abzunehmen und einen Blick in die oberste Zarge des Stocks zu werfen. Noch ist das Volk klein, das Gewusel unter dem transparenten Deckel überschaubar. Sie krabbeln geschäftig über die Rahmen.
Ein kundiges Auge würde die Bienenkönigin erkennen. „Sie ist mit einem kleinen Plättchen markiert“, sagt Florian Vitz. Die Markierung hat sie deshalb, weil die beiden Imker die Bienenkönigin gekauft haben. In einem kleinen Päckchen sei sie per Eilboten geliefert worden, zusammen mit fünf Arbeiterinnen. Diese Gruppe ist die Basis ihres Bienenvolkes. Während die Winterbienen eine Lebenserwartung von etwa sechs Monaten haben, leben Sommerbienen nur etwa vier Wochen. Für die Königin gilt das nicht. Die Mutter aller Bienen kann bis zu fünf Jahre alt werden.
Mit jeder Minute, die die Sonne die Beute erwärmt, kommt mehr Leben in das Einflugloch. Die ersten Bienen wagen sich heraus und scheinen die Außenbedingungen zu prüfen. Meist krabbeln sie rund um den Eingang herum, als würden sie die Lage beurteilen. Hin und wieder wagt eine einen Flug. Vorsicht ist geboten, wenn sie hinausfliegen. Denn hier auf der Wiese wartet in der Blüte nicht nur köstlicher Nektar und wunderbarer Pollen auf sie. Auch Fressfeinde freuen sich auf die Bienen als wertvolle Proteinlieferanten.
An der Stelle, an der ein Specht versucht hat, in die Beute einzudringen, glänzt das Styropor weiß aus der gelben Zarge. Auch die asiatische Hornisse liebt es, die Honigbiene zu verspeisen. Wenn sie einen Bienenstock findet, platziert sie sich wie ein Helikopter in die Einflugschneise und fängt ihre Beute in der Luft.
Florian und Felix Vitz haben ihr Volk noch nicht lange auf dieser Obstwiese platziert. „Wir stehen etwas mehr als eine Woche hier“, sagt Felix Vitz. Vorher stand das Volk in der Mönchengladbacher Innenstadt in einem Garten. Auf den ersten Blick macht die Stadt nicht den Eindruck, dass Bienen hier glücklich werden könnten. Die Straßen sind von Häuserzeilen gesäumt, viele Vorgärten sind privaten Parkplätzen gewichen. Hier und da steht mal ein Baum. Dann gibt es noch die eine oder andere Parkanlage.
Aber Mönchengladbachs grünes Herz schlägt hinter den Häusern. Aus der Vogelperspektive offenbaren sich bunte Gärten, in denen Bienen alles finden, was das Arbeiterinnenherz höher schlagen lässt. Dass die Vitz-Brüder die Stadt verlassen haben und nun hier im grünen Idyll ihr Bienenvolk pflegen, liegt also nicht an mangelnden Möglichkeiten. „Die Gartenbesitzerin hat eine Bienenallergie bekommen“, sagt Felix Vitz. Deshalb mussten die Bienen weichen.
Für den Umzug haben die Brüder die Winterphase abgewartet. Im Dezember sind die Bienen noch gegen die Faulbrut geimpft worden. Anders als beim Menschen wird dabei nicht jedes Tier einzeln mit einer Spritze geimpft. Der Imfpstoff wird unter das Futter der Bienenkönigin, das Gelée Royale, gemischt und so die Königin geimpft. Sie gibt dann die Immunität an ihre Nachkommen weiter.
Auch ein Umzug, wie sie das Volk auf der Obstwiese nun hinter sich hat, kann im schlimmsten Fall tödlich verlaufen. „Jede Bewegung ist ein Schock für die Tiere und entsprechend mit Stress verbunden“, sagt Felix Vitz. Ausgerichtet ist die Beute nach Süd-
ost-Ost, so dass die erste Morgensonne den Stock gleich aufwärmt. Auch an diesem Wintermorgen nur wenige Tage vor Frühlingsanfang zeigt sich, wie es mit zunehmender Sonneneinstrahlung am Einflugloch belebter wird.
2019 haben die Zwillingsbrüder mit der Imkerei angefangen. Ihr Interesse an den Bienen hat sie auch zur Kolpingsfamilie in Mönchengladbach geführt. Damals hat die Kolpingsfamilie einen Schnupperkurs in Imkerei angeboten. Etwa 14 Frauen und Männer haben daran teilgenommen. „Ein Jahr lang wurden wir durch das Bienenjahr geführt und haben dabei gelernt, wie man ein Bienenvolk pflegt“, berichtet Florian Vitz. „Dann wurden wir gefragt, ob wir nicht Interesse daran haben, die Bienenvölker für Kolping zu pflegen.“ Die beiden übernahmen das Bienenvolk von ihrem Kolping-Bruder David Engelen.
Für die Kolpingsfamilie Mönchengladbach ist das Imkern Teil des Engagements für mehr Bio-Diversität. Dazu gehört auch das Engagement im Projekt „Obstwiese Neuwerk“. Seit Herbst 2021 bewirtschaften die Aktiven das Nachhaltigkeitsprojekt. Begonnen hat alles mit der Pflanzung von 20 Obstbäumen. Im Frühjahr 2022 folgten Beerensträucher und Hochbeete.
Schließlich wurde 2024 auch ein Gemeinschaftsacker, auf dem Gemüse angebaut wird, angelegt. Die Kooperation mit der bundesweiten Organisation Acker e.V. und der Stadttochter Mags, die für die Pflege der Grünanlagen zuständig ist, hat zum Ziel, Menschen beim Gemüseanbau zusammenzubringen. Dabei entstehen neben sozialen Kontakten auch Lerneinheiten über Ernährung, Ackerbau und Nachhaltigkeit. Heute wird mit Nachbarn, Kindergartengruppen und Schulklassen gepflanzt, gepflegt und geerntet.
Auch die Vitz-Brüder halten regelmäßig Vorträge über das Imkern, das Leben und die Bedeutung der Bienen für die Natur. Da erfährt man dann zum Beispiel, dass Bienen einen Flugradius von etwa drei Kilometern haben, in dem sie Nektar und Pollen suchen. Deshalb ist es manchmal für die Brüder eine Überraschung, was für einen Honig sie gewinnen. „Einmal haben wir schon an der Farbe gesehen, dass sie in einem Rapsfeld gewesen sein müssen“, sagt Felix Vitz. „Der Honig war hellgelb und cremig.“ Wie viel Honig die Bienen im Jahr produzieren, hängt von vielen Faktoren ab: Standort, Wetter und Temperatur.
An ihrem neuen Standort haben die Bienen ein großes Buffet an Möglichkeiten. Neben der Obstwiese, in dem ihre Beute steht, gibt es jenseits des Zauns weitläufige Felder, Wald und zahlreiche Gärten. Den Honig, den die Kolping-Imker ernten, geben sie an die Kolpingsfamilie ab. Im Gegenzug bekommen sie ihre Imkerutensilien gestellt.
Wer bei Projekten mitmachen möchte, kann sich direkt an die Verantwortlichen wenden. Per E-Mail ist Florian Vitz unter imker.kolping@gmx.de zu erreichen. Was sollten Interessierte mitbringen? „Man sollte keine Angst haben“, sagt Florian Vitz. „Bienen haben sehr gute Antennen dafür, wenn man nervös ist.“ Für das Projekt Gemeinschaftsacker ist Brigitte Vieten die Ansprechpartnerin: obstwiese.kolping@gmx.de