Die Liebe hat die Kraft, den Hass zu besiegen

Interview mit Karlspreisträgerin Maria Kalesnikava

Maria Kalesnikava erhält den Karlspreis aus den Händen ihrer Schwester Tatsina Khomich. Michael Ziemons, Oberbürgermeister der Stadt Aachen, und Armin Laschet, Vorsitzender des Karlspreis-Direktoriums, sind die ersten Gratulanten. (c) Christian van t'Hoen
Maria Kalesnikava erhält den Karlspreis aus den Händen ihrer Schwester Tatsina Khomich. Michael Ziemons, Oberbürgermeister der Stadt Aachen, und Armin Laschet, Vorsitzender des Karlspreis-Direktoriums, sind die ersten Gratulanten.
Datum:
24. März 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 07/2026

Außergewöhnlich mutig und unbeirrbar in ihrer Haltung im Kampf für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit: Das ist Maria Kalesnikava, belarussische Oppositionelle und Musikerin. Mehr als 600 Tage war sie in Haft ohne Kontakt zu Familie oder Rechtsbeistand, Isolationshaft, verweigerte medizinische Versorgung und wiederholte Verlegungen in Strafzellen. Ihren Geist hat das nie gebrochen. Nun konnte sie in Aachen persönlich den Karlspreis entgegennehmen. Marliese Kalthoff hat mit Maria Kalesnikava für die Kirchenzeitung gesprochen.

Als Maria Kalesnikava 2022 mit dem Karlspreis ausgezeichnet wird, sitzt sie im Gefängnis. Erst vor wenigen Monaten wird sie entlassen. Mit ihrer starken Botschaft erobert sie die Herzen der Menschen — nicht nur in Aachen.

Kirchenzeitung: Frau Kalesnikava, herzlichen Glückwunsch zum Karlspreis. Als er Ihnen 2022 verliehen wurde, befanden Sie sich in einer völlig anderen Situation: Sie standen vor einer Haftstrafe von elf Jahren, saßen bereits im Gefängnis. Heute strahlen Sie – seit Dezember sind Sie frei und leben in Berlin. Was hat Sie in dieser Zeit getragen? Was hat Ihnen Kraft und Zuversicht gegeben?

Maria Kalesnikava: Liebe – die Liebe, die ich seit meiner Kindheit von meiner Familie bekommen habe. Und natürlich die Unterstützung meiner Familie, meiner Freunde sowie meiner Kolleginnen und Kollegen. Das war großartig. Später habe ich auch die große Solidarität gespürt. Der Karlspreis ist für mich eine riesige Ehre und gleichzeitig eine große Verantwortung.


Sie kamen damals durch einen Deal zwischen den USA und Herrn Lukaschenko frei – Sanktionen im Austausch gegen die Freilassung politischer Gefangener. Wie blicken Sie heute auf die Rolle Amerikas, gerade mit Blick auf den Ukrainekrieg und die Lage im Nahen Osten?

Kalesnikava: Solange Menschen miteinander sprechen, gibt es immer die Möglichkeit, gute Entscheidungen zu treffen. Vielleicht sind es nicht die besten Entscheidungen, aber in meinem Fall waren sie gut – denn ich bin heute hier und habe gestern drei Monate Freiheit gefeiert. Diplomatie und diplomatische Initiativen sind enorm wichtig. Das bedeutet nicht Freundschaft oder Zustimmung, aber es ist ein Weg der Kommunikation, um große Probleme zu vermeiden und neue Lösungen zu finden. Ich selbst bin ein Ergebnis solcher Initiativen.


Wie beurteilen Sie die Gespräche zwischen Donald Trump und Wladimir Putin? Können sie helfen, die Ukraine zu befrieden, oder sind das eher taktische Manöver?

Kalesnikava: Es ist im Moment schwer, darauf eine klare Antwort zu geben. Wir werden erst in der Zukunft sehen, was daraus entsteht. Aber wie ich schon sagte: Wenn es auch nur eine Chance von 0,1 Prozent gibt, den Krieg zu beenden, würde ich sie nutzen.


Welche Rolle erwarten Sie von Deutschland – insbesondere im Ukrainekrieg?

Kalesnikava: Es ist für uns alle und für Europa entscheidend zu verstehen, dass wir über die europäische Sicherheit der nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Jahre sprechen. Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle. Ohne Deutschland kann man sich sicherheitspolitische Entscheidungen in Europa überhaupt nicht vorstellen.


Sind Sie in Berlin bereits von Regierungsvertretern empfangen worden, um über die Situation in Belarus zu sprechen?

Kalesnikava: Ja. Ich habe mich bereits mit dem Bundespräsidenten getroffen und hatte bei der Münchner Sicherheitskonferenz viele Gelegenheiten, mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch zu kommen. Wir sprechen immer wieder über diese Themen. Es ist wichtig, die Rolle von Belarus in diesem Konflikt nicht zu vergessen. Belarus ist ein Sicherheitsfaktor in der Mitte Europas – das wird momentan leider oft übersehen.


Sie sind Flötistin und haben Musik studiert. Wie geht es für Sie beruflich weiter?

Kalesnikava: Ich mache wieder Musik und beginne langsam erneut mit der Flöte. Im April habe ich meine erste Performance in Berlin – als Musikerin und Performerin.


Vielen Dank.

Kalesnikava: Ich danke Ihnen. Ich bin sehr dankbar, dass dieser Tag heute gekommen ist. Danke für die Solidarität und Unterstützung; das sind genau unsere europäischen Werte.

Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit

Bischof Dr. Helmut Dieser (rechts) und Marliese Kalthoff, Pressesprecherin Bistum Aachen, gratulieren Maria Kalesnikava (Mitte). (c) Christian van t'Hoen
Bischof Dr. Helmut Dieser (rechts) und Marliese Kalthoff, Pressesprecherin Bistum Aachen, gratulieren Maria Kalesnikava (Mitte).
„Heute kommen Sie hierher und strahlen. Sie sind ein ungebrochener Mensch, und das ist bewundernswert.“

„Sie haben ein Zeugnis von Gerechtigkeit gegeben. Sie haben sich mit ihrem eigenen Lebensschicksal für Gerechtigkeit und die Unterscheidung von Richtigkeit und Falschheit eingesetzt. Sie sind nicht gewichen. Sie sind nicht weggegangen. Sie sind im Land geblieben, auch wenn sie das Gefängnis in Kauf genommen haben, um zu zeigen, dass das Regime kein Recht hat. Ich kann nur bewundern, wie sehr sie für Gerechtigkeit Ihr eigenes Leben eingesetzt haben. Ich weiß nicht, was sie alles an Bosheiten erlitten haben in dieser Zeit. Aber heute kommen Sie hierher und strahlen. Sie sind ein ungebrochener Mensch, und das ist bewundernswert. Ich habe sehr viel Respekt davor und bin tief beeindruckt. Ich danke Ihnen für Ihr Zeugnis, mit dem sie vielen Menschen Mut gegeben haben, dass es in diesen Zeiten, in denen alles schwimmt – was ist richtig, was ist falsch, was ist Fake, was ist wahr – wieder leuchtet, dass es Wahrheit gibt und dass es sich lohnt, für Gerechtigkeit und Wahrheit aufzustehen.“

Bischof Dr. Helmut Dieser

Aus der Rede von Maria Kalesnikava zur Entgegennahme des Internationalen Karlspreises zu Aachen 2022

„Es ist für mich eine große Ehre, heute hier in Aachen den Karlspreis entgegenzunehmen – und zugleich eine große Verantwortung. Dieser Preis steht für eine Idee: für europäische Einheit, Solidarität und Freiheit. Für mich – als Belarussin und ehemalige politische Gefangene – haben diese Worte eine sehr persönliche Bedeutung. Ich stehe heute hier dank vieler Menschen. Deshalb gehört dieser Preis nicht nur mir. Er gehört allen, die geglaubt, gekämpft und nicht aufgegeben haben. Heute stehe ich hier in Freiheit. Ich bin frei dank Diplomatie – dank Menschen und Staaten, die nicht weggeschaut haben, die den Mut hatten zu handeln und an die Kraft des Dialogs geglaubt haben. Doch wenn ich über meine Freiheit spreche, darf ich eines nicht vergessen: Viele andere haben sie noch immer nicht.

Mehr als tausend Belarussinnen und Belarussen sitzen weiterhin im Gefängnis – hinter Mauern, Stacheldraht und Gewalt. Darum spreche ich heute auch für sie. Für die Menschen, an die ich jeden Tag denke. Für meine Freundinnen. Für meine Freunde. Ich weiß, was Gefängnismauern bedeuten. Ich kenne die Kälte der Zellen. Die Einsamkeit. Die Angst. Und ich möchte ihnen sagen: Ihr seid nicht vergessen. Wenn Menschen wegen ihrer Überzeugungen ins Gefängnis kommen, versucht ein Regime ihnen einzureden, dass sie allein sind. Dass niemand an sie denkt. Dass ihr Widerstand sinnlos war.

(c) Christian van t'Hoen

Doch Solidarität durchbricht diese Dunkelheit. Sie zeigt den Menschen hinter Gefängnismauern: Ihr seid nicht allein. Und deshalb möchte ich allen danken, die mir in diesen Jahren Kraft gegeben haben. Zuerst meiner Familie. Sie hat mir das Wichtigste gelehrt: die Liebe. Diese Liebe war mein Schutz. Sie hat mich durch die dunkelsten Zeiten getragen. […]
 Ich danke auch Deutschland – der Regierung und dem deutschen Volk – für die Möglichkeit, hier in Sicherheit zu leben und zu arbeiten. Für jemanden, der gerade aus dem Gefängnis kommt, bedeutet das mehr, als Worte ausdrücken können. All diese Unterstützung zeigt eine einfache Wahrheit: Solidarität rettet Leben. Sie kann zur Brücke werden zwischen einer Gefängniszelle und der freien Welt. Auf dieser Idee wurde Europa aufgebaut. Nach den Tragödien des 20. Jahrhunderts haben die Menschen verstanden: Freiheit und 
Sicherheit sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sind das Ergebnis täglicher harter Arbeit, von Verantwortung und Solidarität – Werte, die wir heute verteidigen und an kommende Generationen weitergeben müssen.  

Heute erleben wir wieder eine Zeit großer Unsicherheit. Viele Menschen fragen sich, wohin sich unsere Welt entwickelt. Doch gerade jetzt zeigt sich, was Europa wirklich ausmacht: Nicht Macht. Nicht Angst. Nicht Gewalt. Sondern Menschen, die zusammenstehen. Menschen, die Würde bewahren. Menschen, die Freiheit verteidigen. 

Europa ist nicht nur ein politisches Projekt. Europa ist eine Gemeinschaft von Werten: Menschenwürde, Meinungsfreiheit, das Recht der Menschen, ihre Zukunft selbst zu bestimmen – und unsere Kultur. Kultur ist stärker als jede Waffe. Sie schafft Räume für freie Gedanken. Sie verbindet Menschen über Grenzen hinweg. Und sie bewahrt das Gedächtnis unserer Geschichte. […]
 
Doch gerade in solchen Zeiten zeigt sich, was Gesellschaften wirklich stark macht. Nicht Angst. Nicht Hass. Sondern Mut. Mitgefühl. Solidarität. Liebe, Mitgefühl und Solidarität sind stärker als Angst und Hass. Sie sind die Kräfte, die Gesellschaften retten. […]

Unsere Stimmen müssen stärker sein. Die Stimme der Freiheit. Die Stimme der Würde. Die Stimme der Solidarität. Unser Europa ist stark genug, um Hass zu überwinden. Unser Europa ist stark genug, um Freiheit zu verteidigen. Unser Europa ist stark genug, um Solidarität zu bewahren. 
Unser Europa ist stark genug, um Demokratie zu schützen. 

Wenn wir zusammenstehen, wenn wir unsere Werte verteidigen und wenn wir unsere Stimmen erheben – dann wird unser Europa niemals schweigen. Wie ein Leuchtturm in stürmischer See wird unser Europa Licht für alle sein, die Freiheit suchen. In Zeiten der Dunkelheit brauchen Menschen ein solches Licht. Ein Licht der Freiheit, der Würde und der Solidarität. Und dieses Licht – das sind wir. Dieses Licht wird niemals erlöschen.“

Stimme der belarussischen Opposition

(c) Christian van t'Hoen

Maria Kalesnikava, 1982 in Minsk geboren, absolvierte ein Solistenstudium für Querflöte in ihrer Heimatstadt und studierte anschließend Alte sowie Zeitgenössische Musik in Stuttgart. Vor ihrer Verhaftung war sie zuletzt Künstlerische Leiterin des Kulturzentrums „OK-16“ in Minsk. Im Jahr 2020 wurde Kalesnikava zu einer der wichtigsten Stimmen der demokratischen Bewegung in Belarus. Gemeinsam mit Swetlana Tichanowskaja und Veronika Tsepkalo bildete sie ein international beachtetes Frauen-Trio im Widerstand gegen den langjährigen Machthaber Alexander Lukaschenko. Für ihr Engagement wurden die drei 2022 gemeinsam mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Nachdem Kalesnikava ein Exil im Ausland abgelehnt hatte, wurde sie im Zuge der Protestbewegung im September 2020 verhaftet und später zu elf Jahren Haft verurteilt. International galt sie als politische Gefangene und musste unter schwierigen Haftbedingungen leiden. Im Dezember 2025 wurde Kalesnikava nach Verhandlungen zwischen dem belarussischen Regime und einem US-Gesandten gemeinsam mit weiteren Oppositionellen begnadigt. Kurz darauf reiste sie auf Einladung deutscher Behörden nach Deutschland aus.