Die Kunst des Glockenklangs

Mit Fingerspitzengefühl, Armkraft, scharfen Augen und feinem Gehör für den guten Ton im Aachener Dom

Mit dem Hammer wird der Klang geprüft. (c) Anre Schenk
Mit dem Hammer wird der Klang geprüft.
Datum:
5. Jan. 2022
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 01/2022 | Arne Schenk

Süßer die Glocken nie klingen… Zu Beginn des Kirchenjahres sollen die klanglichen Aushängeschilder des Aachener Doms möglichst perfekt ertönen. Darum treffen sich jedes Jahr einige Fachleute, um dies auch zu gewährleisten. Schließlich soll auch im neuen Jahr alles so bleiben, wie es die Gläubigen gewohnt sind.

Hier darf keine Schraube locker sitzen. Das kostet Kraft, merkt auch Norbert Jachtmann. (c) Arne Schenk
Hier darf keine Schraube locker sitzen. Das kostet Kraft, merkt auch Norbert Jachtmann.

Diesmal ist auch der Glockensachverständige Norbert Jachtmann mit im Turm des Doms. Alle zwei Jahre schaut er dort vorbei und seinen Kollegen über die Schulter. Unter der erfahrenen Aufsicht von Dombaumeister Helmut Maintz ist Volker Netz von den Herforder Elektromotoren-Werken (HEW) für die Elektronik zuständig und überprüft die Steuerung. Christian Kerkhoff ist Glockenmonteur bei der Firma „Petit & Gebrüder Edelbrock“ im westfälischen Gescher. Er kümmert sich um die mechanischen Teile oder, wie Jachtmann es ausdrückt, um „alles, was zu schrauben ist“.

„Wir haben unsere Läutemaschinen, die dafür sorgen, dass die Glocken anfangen zu schwingen, auf Empfehlung des Glockensachverständigen auf elektronische Regelung umgestellt, damit das Anlaufen, der Anschlag, besser kontrolliert werden kann“, erzählt Dombaumeister Helmut Maintz und erklärt dann den elektrischen Drehstrom-Läutemotor. „Das ist ganz einfach ein Motor, der vorne ein Zahnrad drauf hat, wie Sie es vom Fahrrad her kennen, der immer nach rechts und dann nach links dreht und somit über ein großes Seil und ein großes Rad die Glocke in Schwingung bringt.“

Die Glocken müssten halt einen Impuls erhalten, und genau dies verrichte die Maschine, ergänzt Jachtmann. Nur eben beidseitig und sehr regelmäßig. Dies ließe sich zudem sehr präzise einstellen. Immerhin soll das Läuten immer gleich 
klingen. Zudem lässt sich die Steuerung in Zeiten der Digitalisierung per USB-Schnittstelle programmieren.

Auch die Bremse des Motors ließe sich einstellen, erklärt Volker Netz. „Das geht mit Gegenstrombremse, damit die Glocke beim Ausläuten etwas verzögert wird, dass sie nicht minutenlang nachläutet.“ Dies funktioniert über ein Kettenritzel. Irgendwann ist dieses abgenutzt und ein neues kommt drauf. Netz hat immer je nach Glocke unterschiedlich große dabei.

Damit alles schön in Harmonie schwingt und klingt, macht sich Norbert Jachtmann vor Ort das zugehörige Klangbild. Nachdem er bereits mit seinem Vorgänger bei dem Prozedere anwesend war, ist er zum ersten Mal 2007 eigenverantwortlich in Sachen Aachener Dom vor Ort gewesen und hat dazu das zugehörige Gutachten geschrieben. So zählt er die Anschlagsfrequenz, die Häufigkeit der Anschläge pro Minute, damit zwei Glocken nicht dieselbe Anschlagszahl haben und synchron läuten.

Diese Gefahr bestünde zwar selten, ergebe sich aber schon mal bei ganz gleich oder ähnlich großen Glocken wie der Fis-und der G-Glocke, die sich nur in einem halben Ton unterscheiden und nach Gewicht und Durchmesser nahe beieinander liegen. „Da kann es schon mal sein, das die synchron läuten.“ Das soll sowohl aus musikalischen als auch aus statischen Gründen vermieden werden, denn auch das Bauwerk könnte dadurch zu sehr belastet werden.

Außerdem wird geprüft, ob die Schalllamellen noch richtig eingestellt sind. Auch hier heißt es, die möglichst perfekte Balance zu finden. Bei der Renovierung 1988 wurden diese rundherum eingesetzt. „Die Schalllamellen reduzieren und richten den Schall ein bisschen. Das kann man halt einstellen: ein bisschen mehr, ein bisschen weniger. Es darf ja auch nicht zu laut werden“, bemerkt Helmut Maintz. Zuvor waren dort Schieferplatten, die allerdings über die Jahre verrottet sind.

Im Laufe des Tages werden die acht Glocken außerhalb der normalen Zeiten mehrmals alleine, gemeinsam oder in verschiedenen Kombinationen geläutet. Die erste Viertelstunde ein Schlag, halbe Stunde zwei, Dreiviertelstunde drei. Dabei fällt ein Hammer auf die Glocke. Und dann kommt zur vollen Stunde die Stundenzahl hinzu, berichtet der Dombaumeister. Mit einem Aufnahmegerät zeichnet Norbert Jachtmann das Ganze auf, um es sich anschließend zu Hause noch einmal in Ruhe genau anzuhören: „Ist die Musikalität so, wie sie sein soll? Ist die Abfolge richtig? Kann man dazu beten? Passt das Geläut zu Gebet und Liturgie?“

Der Glockenverbund ist fast perfekt aufeinander abgestimmt, denn fast alle sind zur gleichen Zeit entstanden. Sieben wurden bereits 1659 angefertigt, nur die allergrößte, die 5800 Kilogramm schwere Marienglocke mit dem Ton (g°+8) ist Ende des 19. Jahrhunderts zerborsten und 1958 neu gegossen worden. So bereiten sie ein ganz besonderes Hörvergnügen.

Die Wartung des Dom-Geläuts

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