Eine Ipsos-Umfrage hat Einstellungen zu Rollenbildern, Arbeitsteilung und Frauen in Führungspositionen in 29 Ländern untersucht. Beim Thema Gleichstellung klafft in Deutschland eine Geschlechterlücke. Den Meinungsforscher und Soziologen Robert Grimm überrascht es nicht, dass gerade die Männer der Generation Z die traditionellsten Auffassungen zur Rollenverteilung haben. Der Versuch einer Annäherung an die Gedanken der Gen Z.
Warum vergeht kein Tag, an dem wir nicht über die Gen Z schimpfen oder zumindest über sie sprechen?
Robert Grimm: Diese Generation rückt nach, etabliert sich in gesellschaftspolitischen Machtpositionen. Sie ist die Generation, die langsam ins Berufsleben eintaucht. Das Interesse ist hoch, über die Gen Z wird global geforscht. Diese Generation ist durch eine besondere Zeit gegangen. Sie hat von der fortschreitenden Globalisierung profitiert, einer relativ freien Welt ohne große Restriktionen: neoliberale Politik, Wachstum ohne Grenzen, der Kapitalismus global auf seinem Zenit.
Die Gen Z waren die ersten wirklichen Digital Natives, die mit sozialen Medien, Smartphones und Facebook großgeworden sind. Als junge Menschen wurden sie zugespitzt formuliert gepudert, die Generation Z wuchs in vielen Ländern extrem behütet auf. Es bestand die letzten Jahre zumindest in den westeuropäischen Ländern und Nordamerika stets eine große Nachfrage an Fachkräften, gefühlt brauchte sich niemand um etwas zu kümmern, den Job konnten sie sich in vielen Ländern aussuchen. In Italien, Portugal oder Griechenland sah das anders aus, deswegen rate ich zur Vorsicht, alles zu verallgemeinern, aber in Deutschland hat die Gen Z bislang nur Wohlstandsjahre erlebt.
Wer gehört zu welcher Generation? Die übliche Einteilung mag als Überblick dienen.
Silent Generation: (ca. 1928–1945): Geprägt durch Krieg und Wiederaufbau, Werte wie Sparsamkeit und Respekt.
Babyboomer: (ca. 1946–1964): Wirtschaftswunder, hoher Arbeitswille, „Live to work“. Merkmale: Hohe Loyalität zum Arbeitgeber, Fokus auf Status.
Generation X: (ca. 1965–1979): „Generation Golf“, pragmatisch, Work-Life-Balance wird wichtiger. Merkmale: Eher skeptisch, strebt nach Stabilität, skeptisch gegenüber Autoritäten.
Generation Y/Millennials: (ca. 1980–1995): Digitalisierung, Wunsch nach Sinnhaftigkeit, „Work-Life-Blending“. Merkmale: Hinterfragt Strukturen, sucht Selbstverwirklichung, Homeoffice-affin.
Generation Z: (ca. 1996–2010): Digital Natives, Smartphones, Wunsch nach Sicherheit, klarere Trennung von Arbeit und Privatleben. Merkmale: „YouTube-Generation“, hoher Wunsch nach Feedback, Flexibilität.
Bislang? Was ist passiert?
Grimm: Die Zeiten haben sich geändert. Die Gen Z ist plötzlich die Generation, die am Arbeitsmarkt diskriminiert wird. Der KI-Assistent übernimmt, viele Einstiegsjobs für gut ausgebildete junge Menschen mit Studium fallen zunehmend weg. Der Wohlstand, den wir erfahren haben, wird der Gen Z vermutlich abhanden gehen. Sie wird ein anderes Rentensystem erleben, einen sich verändernden Wohlfahrtsstaat, sie wird länger arbeiten müssen. Hinzu kommen starke strukturelle Probleme und geopolitische Spannungen. Wir haben dieser Generation eventuell ein Wohlstandsnarrativ auf den Tisch gelegt, das sich jetzt in Rauch aufzulösen droht. Diese Generation wird sich viel stärker radikalisieren als wir heute erahnen, als sich heute schon in den Daten widerspiegelt. Die Gen Z wendet sich – anders als die Babyboomer – von liberalen Gesellschaftsmodellen ab.
Was verrät einem Meinungsforscher schon heute der Blick in die Daten über eine mögliche Zukunft?
Grimm: Viele politische Themen sind grenzübergreifend, manche Kulturkonflikte und mancher Kulturkampf schwappt auch über den großen Teich zu uns herüber. Dazu gehören die #MeToo-Bewegung und eine erhöhte Sensibilität für sexualisierte Gewalt. Aber auch Gegenbewegungen oder der aufstrebende Rechtspopulismus sind ähnlich grenzübergreifend. In Italien, Finnland, Großbritannien und den USA wurden Kräfte von den einstigen Rändern der Gesellschaft in die Korridore der Macht getragen.
Wie erklären Sie sich eine Rolle rückwärts im Wertesystem bei vielen Männern der Gen Z was die Rollen von Mann und Frau angeht?
Grimm: Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend im Vergleich zu Männern der Boomer-Generation. Ich gehöre ebenfalls zu einer älteren Generation und habe sogar etwas Verständnis dafür, dass die Daten so liegen. Wir bewerben uns nicht mehr. Uns geht es gut. Wir haben unsere Karrieren in den 90er-Jahren gestartet, waren vielleicht die ersten aus der Familie, die studiert haben und die coolen, neuen Jobs in Medien, Marketing und im Beamtentum bekommen haben. Als Männer standen wir damals nicht so im Wettbewerb mit jungen Frauen wie die Gen Z heute. Wenn bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden erkenne ich darin schon eine Form der positiven Diskriminierung.
In der IPSOS- Umfrage vertreten über alle 29 Länder hinweg Männer der Generation Z unter allen befragten Personengruppen die traditionellsten Auffassungen zur Rollenverteilung.
61 Prozent der Gen-Z-Männer finden, dass in Sachen Gleichstellung im eigenen Land schon genug getan wurde. Bei den männlichen Babyboomern sind es 49 Prozent.
Fast jeder dritte Gen-Z-Mann (31 %) ist der Meinung, eine Ehefrau sollte ihrem Ehemann immer gehorchen (Gen-Z-Frauen: 18 %). Bei den männlichen Babyboomern sind es nur 13 Prozent (Boomer-Frauen: 6 %).
Die Gleichstellung von Frauen wurde so weit gefördert, dass nun Männer diskriminiert werden – dieser Ansicht stimmen 57 Prozent der Gen-Z-Männer zu, aber nur 42 Prozent der männlichen Boomer zu.
Dass Männern zu viel abverlangt wird, um die Gleichstellung von Frauen zu unterstützen, meinen 59 Prozent der Gen‑Z‑ und 45 Prozent der Boomer‑Männer.
Ein Viertel der Gen‑Z‑Männer (24 %) lehnt zu unabhängig oder selbstständig auftretende Frauen ab – zugleich finden 41 Prozent Frauen mit erfolgreicher Karriere attraktiver. Bei Boomer‑Männern liegen beide Werte deutlich niedriger (12 % bzw. 27 %).
Ipsos-Umfrage: www.ipsos.com/de-de/studie-weltfrauentag-2026
Die Männer der Gen Z sind also Opfer?
Grimm: Männer scheinen sich zunehmend in die Ecke gedrängt zu fühlen. Alles, was als maskulin galt, wurde und wird verdammt und als negativ betrachtet. Männer werden oft als problematisch dargestellt. Damit kein Missverständnis eintritt: Jegliche Gewalt gegen Frauen ist abscheulich. Ich glaube, wir haben aber vergessen, Maskulinität bei aller berechtigter Kritik auch positiv zu definieren. Vor diesem Hintergrund kann ich nachvollziehen, warum junge Männer eine neue Identität suchen, das Wertesystem hinterfragen. Wir de-maskulinisieren die Welt – wollen junge Männer aber gleichzeitig wieder in den Krieg schicken. Das ist nur einer der Widersprüche, der sich hier auftut. Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Rolle rückwärts der jungen Männer ist oder vielmehr ein Reflex, sich beweisen zu müssen.
Was hat Sie an den Umfrageergebnissen wirklich überrascht?
Grimm: Mir war bewusst, dass es ein kritisches Grundrauschen in unserer Gesellschaft gab. Aber es hat mich überrascht, dass es an sehr vielen Ecken gerade bei der Gen Z eine Wende gibt, dass die linksliberale Politik der vergangenen Jahre zunehmend auf den Prüfstand gestellt wird. Viele Konfliktfelder werden mittlerweile sehr offen angesprochen. Es gibt eine sehr kritische Auseinandersetzung mit Migration, eine kritische Debatte, welche Aufgaben der Wohlfahrtsstaat hat und was er womöglich auch nicht mehr finanzieren kann und soll.
In vielen Diskursen spielt Angst eine Rolle. Angstpolitik ist ganz oft eine rechte Perspektive, aber auch die Grünen haben viel Politik mit Angst gemacht. Bestimmte Positionen, die heute offen debattiert werden, hat man früher vielleicht durchaus einmal im Privaten geäußert, aber nach Möglichkeit nicht im öffentlichen Raum. Das gibt es immer noch, aber es gibt auch viele Journalisten, die mittlerweile offen mit anderen Perspektiven umgehen. Gleichzeitig gibt es Kritik an diesen Journalisten, jede Abweichung von der allgemeinen Meinung wird sanktioniert. Es gibt Demokratien, in denen ganz anders diskutiert wird. Die Debattenkultur der Niederlande beispielsweise ist sehr offen. Vielleicht ist eine Gesellschaft eher fähig, Differenzen zu akzeptieren und beizulegen, wenn es diese Offenheit im Meinungsaustausch gibt. Nur so eine Theorie.
Haben Sie eine Theorie, warum gerade die Gen Z wieder konservativere Standpunkte einzunehmen scheint?
Grimm: Die Gen Z ist eine Gegenbewegung. Jüngere Generationen grenzen sich von der älteren Generation ab. Das war schon immer so, in allen Gesellschaften. All das, was wir als linksliberal betrachten und was die etablierte Kultur ist, kann fast nicht noch liberaler und freier sein. Vor diesem Hintergrund muss eine aufstrebende Gegenbewegung, die etwas mit Jugend zu tun hat, sich eher konservativ ausrichten. Es gibt ja auch eine Gegenbewegung was die Klima- und Umweltfragen anbelangt, das zeigen uns Daten über die Hierarchisierung der Sorgen. Deutschland war über lange Zeit der Weltmeister in Klimasorgen. In keinem Land gab es größere Angst. Das hat sich schnell geändert. Das Klima steht aktuell nur noch an fünfter Stelle. Ganz oben stehen Inflation, Migration, Kriminalität und geopolitische Konflikte. Die wirtschaftlichen Sorgen treten zunehmend in den Vordergrund, auch bei jungen Menschen. Es besteht kein Zweifel dran, dass wir diese Themen bearbeiten müssen. Es gibt eine Partei in Deutschland, die wahnsinnige Erfolge damit erzielt, diese Ängste zu schüren, konkrete Sorgen anzusprechen und vermeintliche Lösungen vereinfacht darzustellen. Wie sehr die AfD damit auch bei jungen Menschen punkten kann, lässt sich an den Wahlergebnissen ablesen.