Die Angst ist geringer als der Mut und die Zuversicht

Aloys Buch über seine Erfahrungen an der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg

Natürlich gibt es auch viel Müdigkeit nach vier Jahren Krieg, aber Mut und Zuversicht überwiegen noch, sagt Aloys Buch. (c) Gerd Felder
Natürlich gibt es auch viel Müdigkeit nach vier Jahren Krieg, aber Mut und Zuversicht überwiegen noch, sagt Aloys Buch.
Datum:
8. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 08/2026

Aloys Buch, geboren 1951 in Offenbach, lebt seit vielen Jahren in Korschenbroich und ist Diakon der Gemeinde St. Vitus (Mönchengladbach). Er war unter anderem als Geschäftsführer des Cusanuswerkes und als Generalsekretär von Missio sowie als Stiftungsmanager tätig. 

Seit 2012 ist Buch Professor für Christliche Sozialwissenschaften und zeitgenössische Ethik an der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU) in Lwiw/Lemberg. Außerdem ist er Dozent für Moraltheologie am überdiözesanen Priesterseminar Studienhaus St. Lambert in Lantershofen. Wie sind seine Erfahrungen und Erlebnisse in der Ukraine, und was macht aus seiner Sicht die Kultur des Landes und die bewundernswerte Widerstandskraft der Menschen aus? Darüber sprach Gerd Felder mit Aloys Buch. 

 

 

Kirchenzeitung: Herr Prof. Buch, wie kamen Ihre Kontakte zur Ukraine und speziell nach Lemberg zustande?

Aloys Buch: Schon in meiner Zeit als Generalsekretär von Missio Deutschland hatte ich intensive Kontakte nach Polen und zum europäischen Hilfsfonds in Wien, der ausgelagerten Hilfsstelle auch der Deutschen Bischofskonferenz für Osteuropa. Bald nach dem Revolutionsjahr 1989 bekam ich dann direkten Kontakt zur Ukraine, insbesondere zu Borys Gudziak, dem zweiten Rektor der damals darnieder liegenden, in Sowjetzeiten verbotenen Theologischen Akademie in Lemberg. Er hatte den Traum, diese Akademie, deren Anfangsgebäude eine Garage war, langfristig wieder groß zu machen. Und ich durfte viele Schritte mitgehen, bis im Jahr 2002 die Ukrainische Katholische Universität (UCU) eröffnet werden konnte.


Wer ist ihr Träger?

Buch: Ihr Träger ist die mit Rom unierte ukrainische griechisch-katholische Kirche. Zu ihr zählten sich damals vier von 40 Millionen Einwohnern der Ukraine. Außerdem gibt es etwa 400 000 bis 500 000 Mitglieder der römisch-katholischen Kirche im Land und nur etwa fünf Prozent, die sich als Atheisten bezeichnen. Das ist nach all der Unterdrückung der Kirchen und der Religion insgesamt in der ehemaligen Sowjetunion eine erstaunlich geringe Zahl. Die griechisch-katholische Kirche war in der kommunistischen Zeit verboten, und viele ihrer Mitglieder waren in den Untergrund gegangen und sind nach der Wende wieder von dort aufgetaucht. Viele derer, die damals gelitten haben, werden wegen ihres Zeugnisses als Märtyrer betrachtet. 

 

Vor vier Jahren hat Agressor Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen, das Land kämpft um seine Souveränität. (c) Patrik Velich/unsplash.com
Vor vier Jahren hat Agressor Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen, das Land kämpft um seine Souveränität.

Wie haben Sie die Ukraine erlebt, als Sie zum ersten Mal dorthin kamen?

Buch: Als ich im Jahr 1992 zum ersten Mal das Land besuchte, habe ich viele ältere Menschen erlebt, die sehr unter der Herrschaft der Sowjetunion gelitten hatten, und viele junge Leute, die die Welt erobern wollten. Nicht wenige Auslandsukrainer, die vor dem Kommunismus geflohen waren, kehrten in dieser Zeit zurück, und alle zusammen beseelte der Gedanke: Wir bauen das Land und die Kirche wieder auf. Es war, als hätten sich alle in einen Flieger gesetzt, um neu zu starten und eine offene, freie, international orientierte Gesellschaft und Kirche aufzubauen.

 

Wer gehört zu Ihrer Hörerschaft, seit Sie an der UCU dozieren?

Buch: Zu meiner Hörerschaft gehören zum einen viele Priesteramtskandidaten, zumal sich in der Nachbarschaft der Universität das Zentralseminar für Priesterausbildung befindet, aber auch viele Laien und vor allem Frauen. Die dritte Gruppe waren besonders in den ersten Jahren Hörer, die bereits in beruflicher Verantwortung stehen, wie Ärzte und Apotheker, für die man die Programme der UCU geöffnet hat und denen man eine qualifizierte ethische Ausbildung zugutekommen lassen will. Alle zusammen also manchmal 100 bis 150 Hörer.


Wie nimmt die Hörerschaft Ihre Vorlesungen und Seminare auf?

Buch: Auch bei heiklen ethischen Themen wie zum Beispiel dem Kinderhandel, diesem hochproblematischen Umgang mit Neugeborenen, den es in der Ukraine schon zu Zeiten des Kommunismus gab, herrscht stets eine sehr angeregte, interessierte, offene Gesprächsatmosphäre. Die Bereitschaft, sich in großer Ernsthaftigkeit mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, ist bemerkenswert. Gerade die Berufstätigen nehmen grundlegende ethische Überlegungen wie einen Schwamm auf, selbst wenn sie nicht immer zustimmen. Der Universität ist es ein grundsätzliches Anliegen, ihnen Kriterien und solide Leitplanken für ihr Handeln an die Hand zu geben. Dabei ist die christliche Perspektive ausdrücklich erwünscht.


Haben wir uns in Deutschland lange zu wenig für die Ukraine interessiert?

Buch: Ja, und zwar aus verständlichen Gründen, denn im Unterschied etwa zu Polen oder zur damaligen Tschechoslowakei, die zum Warschauer Pakt gehörten, war die Ukraine eine der Sowjetrepubliken, die wir aus westlicher Perspektive oft als Einheit betrachtet haben. Auch die baltischen Staaten haben wir meist nur noch begrenzt als eigene Länder wahrgenommen. Man muss sich erst wieder einen Blick dafür erarbeiten, dass diese Länder eine eigene Geschichte, Tradition und Kultur haben. Die Ukraine ist da kein Sonderfall.


Was macht denn die ukrainische Kultur aus?

Buch: Die Ukraine war teilweise immer schon nach Westen hin orientiert und ist seit langer Zeit interkulturell und interreligiös geprägt, also eine Art Schmelztiegel der Kulturen. Das lässt sich besonders in der Westukraine bis in die Architektur der Innenstädte hinein ablesen. Gerade in Lemberg kann man eine offene und interkulturelle Gesellschaft geradezu mit Händen greifen, und Kiew hat für die gesamte ostkirchliche Entwicklung eine zentrale Rolle gespielt, viel früher als Moskau. Die Ukraine schaut auf eine eigene lange Geschichte und Kultur bis ins 10. Jahrhundert hinein zurück. Aber wir haben das zu wenig gesehen, vielmehr lange Zeit die russische, besser gesagt: die sowjetische Brille aufgesetzt.


Hat der Krieg das verändert?

Buch: Ja, der Krieg hat meines Erachtens den Blick für die Ukraine geschärft und neues Interesse für das Land geweckt. Das ist ein Nebeneffekt, den Russland mit seinem Angriffskrieg sicher nicht beabsichtigt hatte. Die Hilfsorganisation „Kirche in Not“ hat übrigens schon in den 1950-er Jahren die Solidarität mit der unterdrückten Ukraine intensiv herausgestellt. Es gab also in der Kirche schon früh ein Bewusstsein dafür, dass die Ukraine eine eigene Größe ist.


Sind Sie häufiger im Land gewesen? Und was waren Ihre Eindrücke?

Buch: Ich bin bestimmt über 100-mal in der Ukraine gewesen, manchmal drei oder vier Wochen am Stück. Dabei habe ich Land und Leute kennengelernt und bin oft vielen frommen Menschen und vor allem einer sehr selbstbewussten, höchst lern- und wissbegierigen jüngeren und mittleren Generation begegnet. Sehr viele haben einen ausgeprägten Sinn für Freiheit, die sie nach Jahrzehnten der Unterdrückung endlich erringen wollen. Wie wir schon bei den Orangenen Revolution 2004 und beim Euromaidan 2013/14 gesehen haben, ist Europa für große Teile der ukrainischen Bevölkerung eine Verheißung, die mit der Hoffnung auf Stabilität in Frieden und Freiheit verbunden ist.


Welche Rolle spielen die Kirchen dabei?

Buch: Die Ökumene spielt eine bedeutsame und zugleich schwierige Rolle. Denn angesichts der Unterschiedlichkeit der Konfessionen muss man sich intensiv dem ökumenischen Dialog widmen. Bei der Aufarbeitung der Unterdrückung der Kirchen während der Sowjetzeit wurden Glaubenszeugnisse aus dem Untergrund gesammelt, die eine jahrzehntelange Leidensgeschichte dokumentieren. Dies wird oft als Quelle für neue Tatkraft und Energie in einer nun erneut lebendigen Kirche erfahren. Gute Beispiele hierfür sind die Entstehung unserer Universität ebenso wie der Aufbau kirchlicher Zentren für benachteiligte und behinderte junge Menschen.


Woher kommt die große Widerstandskraft, die bewundernswerte Resilienz der Menschen in der Ukraine?

Buch: Die Resilienz speist sich gewiss aus der Unterdrückungsgeschichte, aber wohl auch aus der christlichen Überzeugung, sich für eine wirklich humane Zukunft einsetzen zu wollen. Gerade um diese ganzheitliche humane Entwicklung von Menschen und Zivilgesellschaft geht es auch unserer Universität. Die Angst der Bevölkerung ist offenbar geringer als ihr Mut und ihre Zuversicht. Natürlich gibt es auch viel Müdigkeit nach vier Jahren Krieg, auch innere Konflikte, aber die Energie überwiegt, was für mich angesichts dessen, was der Bevölkerung seit 2014 zugemutet wird, wie ein Wunder wirkt.


Wie halten Sie derzeit Ihre Lehrveranstaltungen ab? In Präsenz oder online?

Buch: Seit Kriegsbeginn war ich nicht mehr vor Ort und bin meist nur online in die UCU-Aktivitäten eingebunden. Manches wird auch in Präsenz ausgelagert. So fand wiederholt ein großes Symposion in München vor der Sicherheitskonferenz statt. Die privat finanzierte Lemberger Universität mit ihren jetzt sechs Fakultäten und 2300 Studenten gilt inzwischen als die Nummer eins unter den Universitäten im Land. Es gehört zu den erklärten Zielen unserer Universität, einen Beitrag dazu zu leisten, die Wunden des Kriegs zu heilen, die Gesellschaft wieder aufzubauen und mit dafür zu sorgen, dass die Ukraine international präsent ist. Wir sind also auch jetzt, von innen wie von außen, mitverantwortlich für die Zukunft der Ukraine.


Wird die Ukraine ihre Souveränität bewahren können?

Buch: Die Souveränität der Ukraine hängt sicher maßgeblich davon ab, wie der Krieg zu Ende geht. Wir müssen leider mit vielen Optionen rechnen. Derzeit bleiben noch Raum und Offenheit für eine eigenständige Entwicklung, wobei auch die Kirchen eine Mitverantwortung tragen. Wenn Russland sich die Ukraine einverleiben sollte, ist es mit der Vielfalt in Gesellschaft und kirchlichem Leben vorbei. Das wäre eine Katastrophe. Sollte es aber einen verlässlichen Waffenstillstand geben, werde ich wieder vor Ort in Lemberg 
mittun.