Hinter einer massiven Holztür verbirgt sich ein Raum, den selbst regelmäßige Besucherinnen und Besucher der Annakirche nicht automatisch kennen. Denn das „Martinum“ getaufte Turmzimmer ist meist verschlossen, selbst bei Führungen. Daran wird sich in naher Zukunft etwas ändern.
Im grafischen und gestalterischen Stil der Dauerausstellung „1300 Jahre Annakirche“ soll in Zukunft eine kleine aber feine Ausstellung im Martinum Gegenstände zeigen, die eng mit der wechselvollen Geschichte der Kirche und ihrer Vorgängerbauten verbunden sind. In den vergangenen Monaten sind der Gemeinde zudem mehrere Objekte übergeben worden, die aus der alten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten, Annakirche stammen. „Das Martinum ist der ideale Ort, um diese zu konzentrieren und zu präsentieren“, sagt Dr. Ulrich Flatten von der Stiftung Annakirche.
Der Name des Turmzimmers ist schon Teil der Kirchen-Geschichte: Ende des siebten, Anfang des achten Jahrhunderts erfolgte der Bau einer dem Heiligen Martin geweihten Saalkirche auf dem Gelände der heutigen Annakirche als Teil einer karolingischen Königspfalz. An den Wänden des Martinums hingen in den vergangenen Jahren Fotografien und Zeitungsausschnitte, in einer Vitrine standen Teile des „Kirchenschatzes“ und liturgische Gefäße. „Es gab eine Diskrepanz in der Wertigkeit dessen, was in der Vitrine stand und was an den Wänden hing“, bringt es Ulrich Flatten auf den Punkt. Während der Gestaltung der Ausstellung in der Kirche änderte sich auch der Blick auf die kleine Ausstellung im Turmzimmer. Mit neuer Beschilderung und entsprechender Beschreibung der neuen Objekte soll diese demnächst während der Annaoktav zu sehen sein – und künftig auch bei Kirchenführungen gezeigt werden.
Zu den neuen Ausstellungsobjekten gehört eine historische Kreuzblume der gotischen Annakirche, die die Kriegszerstörung überlebt hat. Vermutlich befand sich das steinerne Zierelement einst auf dem Chor der Kirche und wurde im Zuge der umfassenden Dachsanierung Mitte der 1930er-Jahre abgenommen und eingelagert. (Wieder-)Entdeckt wurde die Kreuzblume Anfang der 1990er-Jahre in einem Garten. Dort lag sie, von Erde und Ästen bedeckt, zunächst kaum erkennbar. Ein Dürener wusste jedoch um ihre Herkunft und barg das schwere Stück, um es im Vorgarten des Elternhauses aufzustellen.
„Wir wurden nun von den Erben angesprochen, die die Kreuzblume an ihrem ursprünglichen Wirkungsort wissen wollten“, berichtet Ulrich Flatten. Der Dürener Steinmetz Christoph Plinz restaurierte das Objekt und verzichtete dabei auf ein Honorar.
Wie die Kreuzblume einst in einen Garten gelangte und vergessen wurde, ist nicht geklärt. „Vermutlich steht dies im Zusammenhang mit den Enttrümmerungsarbeiten und dem Verkauf von Schutt nach dem Zweiten Weltkrieg“, mutmaßt der Historiker und Ausstellungskurator Brian-Scott Kempa. „Die Kirche lag viele Jahre in Trümmern, lange Zeit hat sich keiner gekümmert“, blickt Ulrich Flatten auf die Nachkriegszeit zurück. Während dieser Jahre verschwanden sogar Goldmünzen und Pilger-Medaillen. „Umso schöner ist es, wenn Sachen auch wieder zurückkommen“, bedankt er sich.
Zu den „Rückkehrern“ zählt auch ein Mosaik aus einer der beiden Seitenkapellen der zerstörten Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Annaschrein, der von zwei Gesellen unter Lebensgefahr aus den Trümmern der gotischen Annakirche geborgen worden war, restauriert werden. Diese Arbeit übernahm der Dürener Schlosser Claus Winands in seiner Werkstatt an der Paradiesstraße. Als Dank für seinen Einsatz erhielt er damals ein 90x70 Zentimeter großes Mosaik, das eine Szene aus dem Alten Testament zeigt. Das Kunstwerk von unbekannter Hand blieb über Jahrzehnte im Familienbesitz, bis sich der Enkel an die Gemeinde wandte, um es nach Düren zurückzugeben.
Auch die älteste erhaltene Glocke der Annakirche findet ihren Platz im Martinum. 1729 in Köln gegossen, wurde sie in einem Türmchen über dem gotischen Chor an der Oberstraße angebracht. Spätestens 1937 wurde die Glocke beim Rückbau des Chortürmchens abgenommen. Danach wanderte sie zur Einlagerung in den Keller des Waisenhauses der Pfarre. Als nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände des Waisenhauses das Altenheim Haus St. Anna entstand, wurde die Glocke weiterhin dort verwahrt. Im April 2011 wurde sie im Park des Altenheims aufgehängt. Um die Glocke langfristig vor Schäden zu bewahren und zugleich wieder an den Ort ihrer langen Wirkungszeit zurückzuführen, wurde sie Anfang 2026 abgenommen und in die Annakirche zurückgebracht.
„Es ist uns wichtig, die Geschichte zu kennen – und aus der Geschichte zu lernen“, erklärt Ulrich Flatten, wieso die Stiftung Annakirche viel Zeit und auch Geld in die Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der Annakirche investiert. „Falls sich noch Dokumente, Fotografien oder Gegenstände mit Bezug zur Annakirche oder zur Annaverehrung in Ihrem Besitz befinden, bitten wir herzlich darum, mit dem Pfarrbüro Kontakt aufzunehmen“, sagt Ulrich Flatten. „Jeder Hinweis und jedes Stück helfen dabei, die Geschichte lebendig zu halten und für kommende Generationen zu bewahren. Wir freuen uns über jede Rückmeldung und jeden Neuzugang für das Archiv St. Anna.“