Felix Heitmann hat Visionen, ein moderner Kirchenmusiker, der gut 1200 Jahre Aachener Dom mit einer gegenwärtigen Leidenschaft verbindet: dem Chorgesang. „Gemeinsam singen bedeutet mehr, als ein Lied anzustimmen“, sagt Heitmann, der im Juni den 40. Geburtstag feiert. „Man hat festgestellt, dass sich die Pulse der Singenden synchronisieren, ein berührendes Phänomen.“
Als Domkapellmeister in Aachen hat er Anfang Februar das Amt von Berthold Botzet übernommen. Für Heitmann ist das mehr als eine berufliche Station. „Ich bin angekommen, ein Glücksfall“, sagt er spontan. „Eine schöne Wohnung an der Jakobstraße, eine Stadt, in der ich mich bereits zu Hause fühle.“ Der Dom und alles, was damit rundum zu tun hat? Heitmann: „Der beste Arbeitsplatz der Welt.“
Nicht erst als Gründer des erfolgreichen Jugendkonzertchors der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund hat Heitmann – aufgewachsen in Unterfranken mit einer Schwester und zwei Brüdern im kleinen Ort Aidhausen – Erfahrungen gesammelt. Das beginnt viel früher, und wenn er heute darüber nachdenkt, ist es eine zunächst unbestimmte Faszination, eine Sehnsucht, die ihn lenkt: Aidhausen mit seiner Geschichte, die bereits im neunten Jahrhundert in Urkunden dokumentiert ist, ein reges Gemeindeleben, dann Domsingknabe in Würzburg, Berufsfachschule in Königshofen, Studium in Richtung Lehramt mit Schwerpunkt „Schulpraktisches Klavierspiel“.
Als Messdiener fasziniert von der Liturgie, vom Weihrauch, vom Geheimnis des Glaubens, horcht er hinein in diese Welt, in der sich sein musikalisches Talent mit einer gleichfalls spirituellen Suche verbindet. „All das hat mich geprägt“, betont der Domkapellmeister. Damals wie heute ist für ihn eine Erkenntnis wichtig: „Ich habe erfahren, wie der Raum den Klang eines Chors bestimmt, wie alle Sinne der Menschen angesprochen werden und man die Musik spüren kann.“
Mit wachen Sinnen geht er durch die Stadt und den Dom, taucht ein in die Mystik, die Kraft des besonderen Ortes, kann sich nicht sattsehen an den Mosaiken, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Im musikalischen Bereich hat er von Anfang an erfahren, wie wichtig die Arbeit mit jungen Leuten ist, wie jeder und jede wissen sollte, dass sie den gesamten „Klangkörper“ eines Chores prägen.
Diesen Entdeckungen verdankt er wichtigen Lehrern, zu denen in Detmold auch Fritz ter Wey, Gründer und Leiter des Jungen Chors Aachen, sowie Chorleiterin Anne Kohlers gehört, die Studentinnen und Studenten frühzeitig mit der Chorleiter-Praxis in Kontakt bringt. Wie ter Wey hat sich Heitmann für Neues, für Empfindsamkeit, für die Moderne und für die Chortraditionen anderer Länder interessiert, ohne die musikalischen Wurzeln zu übersehen, wie sie etwa in Volksliedern zu finden sind.
Ob Skandinavien oder die Chormusik der Romantik – überall öffnen sich Heitmann neue Welten, die er mit seinen Chören erobert. Was die Leitung eines Chores ausmacht? Bei seinem Lehrauftrag an der Hochschule für Musik Detmold hat er in der Zeit von 2015 bis 2021 nicht nur das Fach Chorleitung unterrichtet, er hat die persönliche Suche fortgesetzt, seine eigene Auffassung reifen lassen. „Ich habe festgestellt, dass es guttut, einem Chor, der sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammensetzt, vor einem Konzert einen verbindenden Impuls zu geben“, sagt er nachdenklich.
Und wenn er etwa an die Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ denkt, die Rudolf Mauersberger, Kantor, Komponist und Chorleiter an der Dresdner Kreuzkirche, im Blick auf das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Dresden nach Texten aus den Klageliedern Jeremias geschrieben hat und die bereits 1945 von Überlebenden des Dresdner Kreuzchors in den Trümmern der Kirche uraufgeführt wird, fühlt er bei solch einer Einstimmung selbst die Emotion. „Da darf ich trotzdem nicht in Tränen ausbrechen, das ist nicht leicht“, betont Heitmann.
Seine Ziele sind weitgespannt: Einerseits fühlt sich der neue Domkapellmeister im Unesco-Weltkulturerbe von der Tradition der über 1200 Jahre umgeben, von einer Entwicklung, an der nicht zuletzt die karolingische Zeit Anteil hat. Die „musica sacra“ erfüllt bereits im frühen Mittelalter den Aachener Dom und reicht weit zurück bis ins frühe Mittelalter bis zur Hofschule Karls des Großen. Andererseits: „Ich wage den Spagat, der alte Musik mit neuen Elementen verbindet“, betont der Kirchenmusiker, der auch das projektbezogene Vokalensemble Aachener Dom leitet. Drittes Element im großen Klang ist der Mädchenchor, den Kirchenmusikdirektor Marco Fühner weiterhin prägt und leitet. „Marco Fühner und ich teilen unsere Visionen“, freut sich Heitmann.
Die Sympathie für Nordisches, für Stimm-Räume und zugleich für das Besondere gegenwärtiger Chormusik wird Heitmann seinem Publikum unter anderem bei der jährlichen „Oktobermusik“ im Aachener Dom zum Gedenken an das Kriegsende in Aachen im Oktober 1944 vermitteln. Hierzu hat der Domkapellmeister das „Requiem Novum“ des schwedischen Komponisten Mårten Jansson, Jahrgang 1965, ausgewählt: „Es ist wegweisend für die Möglichkeiten einer neuen und gefühlvollen Tonsprache.“
Bei der Musik im und für den Dom, der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten ist es Heitmanns Ziel, „Türen zu öffnen“, dort neue Impulse zu setzen, wo sein Vorgänger Botzet bereits eine Lockerung der vormals engen Bindung an Liturgisches erreichen konnte. Dort geht er weiter, arbeitet an spannenden Klangkonzepten. „Der Dom mit seiner inspirierenden Architektur fordert diese Arbeit geradezu“, träumt Heitmann vom perfekten Klang, den er zusammen mit seinen Sängerinnen und Sängern erarbeitet. Da geht es nicht nur um ein Gefühl für den „gemeinsamen Puls“, sondern konkret um das „Spiel“ mit dem Raum. „Eine gemischte Aufstellung, zum Beispiel rund um das Oktogon im Sechzehneck, wäre für Chor und Publikum ein Erlebnis, eine musikalische Umarmung, bei der alle einander besser hören.“
Chorarbeit – der Dom ist wie gemacht dafür. Heitmann empfindet ein Kaleidoskop akustischer Farben, Klänge, die nicht zuletzt von Steinen der historischen Mauern beeinflusst werden. Während der erste von ihm musikalisch gestaltete Gottesdienst im Zeichen moderner englischer Komponisten steht, nimmt er am 9. März zum ersten Fastensonntag Alexander Gretchaninovs „Missa Festiva“ ins Programm.
Chormusik des Barock, der Romantik oder Nordeuropas – das ist nicht alles, was Heitmann ausmacht. „Ich gehe gern in Musicals, das entspannt mich“, schwärmt er vom „Phantom der Oper“, von „Cats“ und „Tarzan“. Crossover, das Spiel mit der Popmusik, inspirieren ihn, im Volkslied hat er immer wieder Anregungen gefunden, und der Liedermacher Reinhard Mey gehört mit seiner Poesie zu Heitmanns Favoriten. Mit ihm würde er sich gern einmal austauschen.