Das crazy, wie die Generation Z so tickt, Bro!

Wie tickt die Gen Z?

(c) istock/Robby Fontanesi
Datum:
6. Mai 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 10/2026

Zwischen Klimakrise, Kriegen, Pandemie und digitalem Dauerrauschen wächst eine
Generation heran, über die selten differenziert gesprochen wird. Wir zeigen, 
dass sich ein solcher Blick jenseits aller Klischees sehr lohnt.

"Ich bin ein Mensch mit hohem SIcherheitsbedürfnis." Anna Rhohowsky (27)

Die Gen Z ist faul, pickt sich die Rosinen heraus, will am liebsten viel Kohle verdienen, aber möglichst wenig dafür arbeiten – all diese Klischees habe ich schon mehr als einmal gehört. Das ist alles nichts Neues für mich. Vor allem der Aspekt „viel Geld scheffeln, aber am liebsten in Teilzeit“ ist in meiner Bubble das vorherrschende Vorurteil.

Das Arbeitsthema ist für mich echt ein Ding. Ich habe studiert, einen Bachelor und einen Master gemacht. Direkt nach der Schule, es gab kein Jahr Auszeit im Ausland. Ich wollte unabhängig von meinen Eltern sein und auch mein eigenes Geld verdienen. Meinen ersten Job habe ich auch in der Wissenschaft angefangen und viel Geld für wenig Wissen und wenig Qualifikation verdient. Es hat aber schnell keinen Spaß mehr mehr gemacht.

Entgegen dem Klischee „viel Geld für wenig Arbeit“ habe ich den Job an den Nagel gehängt. Ich hatte wirklich Bock zu arbeiten! Daher habe ich mich bewusst dafür entschieden, den Job zu verlassen und einen zu suchen, der mehr Stress bietet. Jetzt arbeite ich in einer Werbeagentur.

 Das bedeutet extrem viel Stress, ich habe mehr zu tun für weniger Geld – und ich könnte glücklicher nicht sein. In gewisser Weise geht es hier auch um Sinnhaftigkeit. Ich hatte neben der Langeweile in der Wissenschaft auch das Gefühl, dass das, was ich als Sozialwissenschaftlerin machen muss, nur wenig Sinn macht. Die Zielgruppe, die Interesse hat, die juckt es, der Menschheit ist es aber ziemlich egal. Nun erfahre ich, dass ich meinen Kunden tatsächlich weiterhelfe. Natürlich hat Werbeagentur auch viel mit verkaufen zu tun. Marketing ist Marketing. Aber geht am Ende ein glücklicher Kunde nach Hause, habe ich etwas geleistet.

Es mag an mir liegen, aber ich bin ein Mensch mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis. Deswegen habe ich gerade eine Scheißangst vor der Zukunft, politisch aber auch finanziell. Beispielsweise die aktuelle Debatte im die Rente: Meine Eltern können froh sein, dass sie noch Rente bekommen. Für die nachfolgenden Generationen ist unklar, wie sich alles entwickelt. Es wird aber niemals reichen für den Lebensstandard, den man gerade hat. Familie, Haus und Garten – ich habe dieses Bild im Kopf, aber dieses romantische Bild ist in Gefahr.

Ich verdiene keine Million im Jahr, komme aber über die Runden und habe am Ende noch etwas Geld, sollte das Auto kaputtgehen. Aber ein Haus kaufen? Das würde ich super gerne erleben, aber niemand kann mehr ein Haus für 125.000 Euro kaufen, wie es meine Eltern getan haben. Auch Kinder kosten richtig viel Geld. Es stellt sich einem schon die Frage: Wer soll das bezahlen? Ich möchte nicht nach drei Monaten Elternzeit wieder voll arbeiten müssen, weil das Gehalt nicht reicht. Das ist alles echt gruselig, ich versuche nicht aktiv darüber nachzudenken. Das gelingt mir mal mehr, mal weniger. Ich finde es verkehrt, die Generationen 1:1 zu vergleichen. Ich höre das oft: „Die gleichen Probleme hatten wir auch.“ Sei es vor 30 oder vor 50 Jahren. Nein, es ist nicht zu vergleichen. Die Wirtschaft hat es schwer, die Welt versinkt in Kriegen, Demokratien wanken – das ist alles extrem gruselig. Vor diesem Hintergrund mache ich mir auch als Frau Sorgen. Ich will niemals abhängig sein von einem Partner. Ich würde meinen Lebensstandard nie so ausrichten, dass ich von ihm abhängig bin.

Deshalb ist meine Work-Life-Balance maximal auf Work ausgerichtet. Ich bin froh, dass Themen wie mentale Gesundheit mittlerweile mehr Präsenz haben und Leute mehr auf sich achten. Aber ich würde die Work-Schraube nie stark zurückdrehen wollen, um mehr Zeit für meine Hobbys zu haben oder auf der Couch zu liegen. Dafür spielt die finanzielle Sicherheit eine zu große Rolle für mich, ist die Unsicherheit zu groß. Ich traue mich nicht, Rosinenpickerei zu betreiben. Wer weiß schon, wie die Welt morgen aussieht? 

Familie und Freunde geben Halt in schweren Zeiten

"Die Rechte aller zu stärken – das ist für mich ein Herzensanliegen." Jerome Giesen (25)

Krisen gehören zu meiner Generation dazu. Als der Ukraine-Krieg ausgebrochen ist, war ich in meiner ersten Ausbildung. Jetzt, kurz nach meiner Zweitausbildung, herrscht Krieg im Iran. Und eine meiner frühesten Erinnerungen – die Fernsehbilder habe ich noch bildlich vor Augen – sind die Anschläge von Paris 2015. Wer solche Dinge ständig erlebt, hat wie ich einen Hang zu Realitätsflucht. Ich bin Pessimist und schaue mit Angst in die Zukunft. Unsere Gesellschaft rast in den Abgrund, solange sich die meisten Menschen selbst am nächsten sind.  Vor allem seit der Corona-Pandemie habe ich das Gefühl, dass Debatten sich auf einen Satz verengen: Entweder liege ich richtig – oder du.

Aber es gibt auch vieles, das mir Halt gibt. An erster Stelle steht für mich die Familie. Und damit meine ich nicht nur die Familie, mit der ich verwandt bin. Meine Wahlfamilie, meine Freunde und Freundinnen, ist mir genauso wichtig. An zweiter Stelle kommt für mich Ehrlichkeit. Ich stehe zu meiner Meinung, auch wenn ich damit anecke. Die Rechte aller zu stärken – das ist für mich ein Herzensanliegen.

Das sieht man zum Beispiel am Thema traditionelle Geschlechterrollen. Da kocht es in mir hoch. Ich trage oft eine pinke Sonnenbrille, die ich von einer Freundin geschenkt bekommen habe. Darüber regen sich viele andere Männer auf, pöbeln mich an oder stecken mich sofort in eine Schublade – unfassbar, dass dafür schon eine pinke Sonnenbrille ausreicht! 

 

Manchmal höre ich auch Sprüche wie „Frauen gehören in die Küche, Männer ins Büro“. In welchen Zeiten leben wir denn?

Die Gesellschaft sollte ein bisschen offener sein, finde ich. Es gibt zu viele Leute mit Hass im Herzen. Wir wissen doch nicht, was in den Köpfen der anderen vorgeht. Wenn wir das beherzigen würden, wenn wir mehr an andere Menschen denken würden, könnte die Welt so viel besser sein. 

Junge Menschen erwarten mehr Toleranz von der Gesellschaft

"Persönlich lege ich viel Wert auf Ehrlichkeit und Empathie." Nadine Braun (29)

Die meisten Krisen unserer Zeit haben nur wenig Einfluss auf mein Leben. Mir geht es gut, uns in Deutschland geht es gut. Natürlich hat die Corona-Pandemie meinen Alltag stark eingeschränkt. Als Dorfkind habe ich das besonders bei den Festen gemerkt, zu denen sonst immer alle zusammengekommen sind. Der Kontakt hat mir gefehlt. Aber die Pandemie hat auch positive Dinge bewirkt: Auf einmal gab es mobile Arbeit, von der es vorher immer hieß, dass sie nicht möglich sei.

Kriege würde ich am liebsten ganz verdrängen. Beim Irankrieg ist das nicht leicht, er setzt verglichen mit anderen Kriegen noch eine Schippe drauf. Aber er betrifft meine Generation auch direkt: Wir werden erwachsen, denken an unsere Zukunft, an Hausbau – und machen uns Sorgen, wie sich die Kosten für all das entwickeln.
Wenn ich den Menschen etwas raten könnte, wäre es: Habt nicht direkt Vorurteile, seid hilfsbereit und offen für andere Meinungen. Ich erwarte von der Gesellschaft mehr Toleranz.

Sorgen macht mir in dieser Hinsicht Social Media. Wegen der Künstlichen Intelligenz wird es immer schwieriger, auf Social Media wahr und falsch auseinanderzuhalten.  Gegen Fake News hilft nur, unseren Verstand stärker einzusetzen. Das betrifft aber nicht nur die jüngere Generation. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch die Älteren anfällig für Fake News sind.

 

In meinem Alltag fällt mir nicht auf, dass die Männer meiner Generation traditionelle Geschlechterrollen befürworten. Mich wundert der Vorwurf, weil der Trend vor ein paar Jahren eigentlich in die andere Richtung ging. Ein veraltetes Geschlechterbild ist nicht mehr zu halten. Im Grunde vertrete ich aber die Ansicht „Leben und leben lassen“. Wenn es Frauen gibt, die sich mit einer solchen Rolle wohlfühlen, ist das okay für mich. Ich ziehe da die Grenze, wo Menschen dazu gezwungen werden, sich unterzuordnen.

Persönlich lege ich viel Wert auf Ehrlichkeit und Empathie. Für mich ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Menschen, sich in andere Leute hineinversetzen zu können. Loyalität spielt in meinem Leben auch eine große Rolle. Mit meinen zwei besten Freundinnen bin ich seit Kindertagen befreundet. Selbst ein paar Tage Funkstille sind uns nicht unangenehm. Ich weiß immer: Auf sie kann ich mich verlassen, wir können über jedes Thema reden. 

Ein positiver Blick auf Krisen bewirkt oft mehr als Angst und Rückzug

"Sich permanent mit anderen zu vergleichen, tut selten gut." David Peters (23)

Natürlich bringen große Krisen und Veränderungen Ängste mit sich, gerade für junge Menschen. Themen wie Künstliche Intelligenz, globale Konflikte oder wirtschaftliche Unsicherheiten können belasten – besonders, wenn man selbstständig ist. Trotzdem versuche ich, nicht Risiken, sondern Chancen zu sehen. Veränderungen haben in der Vergangenheit immer Positives mit sich gebracht. Niemand kann heute sagen, wie unser Alltag oder auch die Gesellschaft in zehn Jahren aussehen werden. Deshalb halte ich es für wichtig, sich nicht von Angst lähmen zu lassen.

Große Krisen bedeuten für mich Unsicherheit, Druck und auch das Gefühl, ständig mehr leisten zu müssen. Gerade in kreativen Bereichen oder durch soziale Medien wie Instagram werden uns unglaublich talentierte und erfolgreiche Menschen präsentiert. Das kann dazu führen, dass Menschen an sich selbst zweifeln. Gleichzeitig muss man sich aber bewusst machen, dass jeder Mensch andere Voraussetzungen hat. Sich permanent mit anderen zu vergleichen, ist selten gut. Viel wichtiger ist es, den eigenen Weg zu finden.

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft zukunftsorientierter handelt, anstatt sich von Negativität leiten zu lassen. Außerdem wäre es wichtig, dass Menschen mehr zusammenrücken und offener miteinander umgehen.  Oft habe ich das Gefühl, dass vieles kollektiv schlechtgeredet wird, obwohl ein positiverer Blick auf viele Themen mehr bewirken könnte.

Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, aber ich glaube nicht, dass man pauschal sagen kann, die Männer der Gen Z würden sich stärker an traditionellen Geschlechterrollen orientieren. Vielmehr hängt das stark vom Umfeld und eigenen Werten ab. Zumindest für die Kreativindustrie kann ich das nicht bestätigen. Dort erlebe ich viele junge Menschen eher als offen und individuell.

Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Authentizität, Loyalität und Offenheit sind mir besonders wichtig. Ich schätze Menschen, die klar kommunizieren, zu sich selbst stehen und verlässlich sind. Gerade in einer Zeit, in der vieles oft oberflächlich wirkt, finde ich es entscheidend, sich aufeinander verlassen zu können. Weil ich in meinem Umfeld gerne Menschen habe, bei denen ich genau weiß, woran ich bin. Mir ist wichtig, dass ich mich nicht verstellen muss, sondern einfach ich selbst sein kann.