Das Glockenspiel

Seit Jahrhunderten gibt es in Korschenbroich die Tradition des Beierns. Ein Besuch

(c) Garnet Manecke
Datum:
5. Juni 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 12/2026 |Garnet Manecke

Beim ersten Mal kann es schon passieren, dass man einen leichten Drehwurm bekommt. Stufe für Stufe will der Kirchturm von St. Andreas erklommen werden, bis die Glocken erreicht sind. Sie läuten heute nicht zum Gottesdienst, sondern kündigen den Beginn von Unges Pengste, einem der größten Schützenfeste der Region an.

 „Beiern“ heißt die Tradition, deren Anfänge „Jahrhunderte" zurückliegen. Wann genau die ersten Beiermänner in Aktion traten, ist nicht überliefert. Einen Anhaltspunkt gibt nur die Glockenmelodie, zu der ein Vers gehört.

„Anton, Anton, Töllesch, Töllesch, Anton“ erinnert an den Glockenspieler Anton Schmitten. Im 18. Jahrhundert war er „Töllesch“, also Zöllner. Stationiert soll er an der alten Heerstraße am Schloss Myllendonk gewesen sein. Schmitten wurde nach seiner Dienstzeit Wirt im „Lindenhof“. Das Gasthaus steht am Marktplatz gegenüber von St. Andreas. Zum Beiern musste Schmitten also nur über die Straße gehen.

Die Töchter übernehmen

Der Glockenturm von St. Andreas ist 46 Meter hoch. 145 Stufen führen zur Glockenempore. (c) Garnet Manecke
Der Glockenturm von St. Andreas ist 46 Meter hoch. 145 Stufen führen zur Glockenempore.

Auch Isabel Iven, Jo Audrey Kempermann und Christoph Küsters haben es nicht weit. 20 Minuten bevor es offiziell losgehen soll, treffen sie sich am Fuße des Kirchturms. „Ding, dong, ding, dong“, klingt des Pfarrers Stimme herüber. Marc Zimmermann läuft über den Kirchplatz direkt auf die Gruppe zu. Er begrüßt die Beierleute, die längst nicht mehr nur Beiermänner sind.

Seit 15 Jahren gibt es mit Iven und Kempermann auch zwei Beierfrauen. Die beiden haben den Brauch von ihren Vätern, Reiner Iven und Heinz Theo Kempermann, gelernt, die in diesem Jahr ihr goldenes Beier-Jubiläum feiern. Küsters blickt auf 25 Jahre zurück. Für so viel Engagement verleiht Zimmermann dem Beier-Trio, das heute Dienst hat, den Präses-Pin. Der Anstecker zeigt das Logo des Pastoralen Raums Korschenbroich, der früheren Gemeinschaft der Gemeinden. „Den gibt es nur für besonderes Engagement für die Gemeinschaft“, sagt Zimmermann. Die Traditionspflege gehört dazu.

46 Meter ist der Turm hoch, 124 Stufen sind es, bis die Glockenempore erreicht ist. Routiniert steigt das Trio Stufe um Stufe die Wendeltreppe in den Kirchturm hinauf. Oben angekommen machen sie sich gleich ans Werk: Die Glocken müssen fixiert werden, damit die Töne später sauber klingen. Denn die Klöppel werden beim Beiern nicht durch das Schwingen der Glocken bewegt, sondern über den Zug an Seilen.

Der Schraubenschlüssel ist das erste wichtige Werkzeug, das die Beierleute aus ihren Rucksäcken nehmen. Direkt danach kommen die Hanfseile. Wähend Jo Audrey Kempermann das Schwungrad der Heiligen-Glocke festschraubt, verknotet Isabel Iven das eine Ende des Seils am Glockenklöppel und spannt es nach einem vorgegebenen System durch den Raum. Auf der anderen Seite arretiert derweil Küsters die Andreas-Glocke. Auch die Christus-Glocke muss stehen, bevor es losgeht. Über Winden werden die Seile geführt und gespannt. Das erfordert Muskelkraft, denn die Seile müssen am Ende fest, aber nicht zu fest gespannt sein.

Die erste Strophe übernimmt Isabel Iven. Sie stellt sich in die Mitte des Seil-Konstrukts, so dass sie alle drei Glocken spielen kann. Mit ganzem Körpereinsatz drückt sie die Hanfseile nach einem vorgegeben Ablauf hinunter. Die Glocke tönt. Unter den Füßen merkt man, wie der Holzboden schwingt. Die Pulsuhr zeigt, dass sich die Herzfrequenz erhöht, der ganze Körper gerät in Schwingung.

Iven drückt mit ihren Armen die Seile immer ein Stück hinunter, dabei geht sie auch immer wieder leicht in die Knie. „Hanfseile leben“, erklärt Küsters. „Sie dehnen sich aus.“ Das bedeutet, dass sie zwischen den Strophen immer wieder mal nachgespannt werden müssen. Routiniert spielt Iven ihre Strophe, nach ein paar Minuten verklingt der letzte Ton. Die Glocken vibrieren noch etwas, dann ist Ruhe im Glockenturm. In diesem Moment beginnt auf dem Marktplatz eine Kapelle mit Marschmusik.

 

Die Töne klingen weit

Vor dem Spiel fixiert Jo Audrey Kempermann das Schwungrad der Glocke. (c) Garnet Manecke
Vor dem Spiel fixiert Jo Audrey Kempermann das Schwungrad der Glocke.

Wie lernt man eigentlich das Beiern? Übt man das Lied im Glockenturm und der ganze Ort bekommt dann mit, wenn sich der Neu-Beier anfangs heftig verspielt? „Die Melodie kann man auch gut mit Töpfen zu Hause üben“, sagt Küsters. Als er vor 25 Jahren anfing, habe er sich daraus ein kleines Xylophon gebaut. Oben im Glockenturm hängen sich die Spieler ein Blatt an die Glocke, auf der der Ablauf verzeichnet ist. Für einen Beier ist das klar erkennbar, für den Laien sind die Zeichen unverständlich.

Aber hier oben ist nur der Gast unwissend. Die Pause ist vorbei, nun spielt Jo Audrey Kempermann ihren Part. Jeder Beier ist zwei Mal im Einsatz. Gut eine Stunde dauert das Spiel, das den Dorfbewohnern den Beginn des Schützenfestes verkündet. Je nachdem, wie der Wind steht, hören nicht nur die Menschen unten auf dem Markt- und auf dem Kirchplatz das Glockenspiel. „Der Schall kann mitunter einige Kilometer tragen“, sagt Küsters. So haben auch die Nachbardörfer etwas davon.

Beiern ist ein kraftzehrende Art zu musizieren. Vorher die Schultermuskeln zu trainieren, schadet sicher nicht. Auch ein paar Squats für die Beinmuskeln sind nicht verkehrt. Zumal Unges Pengste nicht das einzige Fest ist, bei dem das Beier-Team die Wendeltreppe hochsteigt. Auch am Samstag vor dem Weißen Sonntag, an Fronleichnam während der Prozession und zu St. Andreas im November wird gebeiert.

„Während der Fronleichnamsprozession wird die ganze Zeit gespielt bis der letzte in der Kirche ist“, sagt Küsters. „Das sind wirklich körperlich anstrengende Phasen.“ Aber seit die Prozession jedes Jahr in einer anderen Gemeinde stattfindet, kommt das nur noch alle paar Jahre vor.

Während oben die Glocken geschlagen werden, hören unten die Korschenbroicher die Melodie. Dabei genießen sie ein Eis, sitzen still auf einer der Bänke im Schatten oder unterhalten sich leise.

Beiern in St. Andreas Korschenbroich

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