Das Evangelium auf Zelluloid

Zwei Pioniere feiern 25-jähriges Jubiläum der Filmexerzitien im Bistum Aachen

Seit 25 Jahren ein festes Angebot: die Filmexerzitien im Bistum Aachen feiern Jubiläum. (c) istockphoto/mphillips007
Seit 25 Jahren ein festes Angebot: die Filmexerzitien im Bistum Aachen feiern Jubiläum.
Datum:
29. Aug. 2025
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 25/2025 | Gerd Felder

Manfred Langner lässt langsam die Leinwand herauf, auf der die Filme gezeigt werden. Ganz allmählich wird dahinter ein Kreuz sichtbar, mit dem man vorher überhaupt nicht gerechnet hatte. „Das ist genau das, was wir mit unseren Filmexerzitien beabsichtigen: Hinter die Dinge sehen, tiefer sehen – bis möglicherweise Gott dahinter auftaucht“, sagt er mit vielsagendem Lächeln.

 Zusammen mit Wigbert Oslender hat Langner die Filmexerzitien im Bistum Aachen begründet, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiern. Der Jubiläumskurs findet unter dem Motto „Der Film ist nicht dafür erfunden worden, von der Welt abzulenken, sondern auf die Welt hinzuweisen“ vom 3. bis 5. Oktober im Aachener Mutterhaus der Schervierschwestern, dem „Stammhaus“ der Filmexerzitien seit dem Jahr 2005, statt.

Die Liebe zum Kino reicht bei beiden Pionieren weit zurück: Oslender, 1958 in Aachen geboren, hat als Kind gern die legendäre „Toro-Filmbühne“ in Brand besucht und erinnert sich lebhaft daran, dass er mit zwölf Jahren alle seine Comic-Hefte verkauft hat, um eine Eintrittskarte für „Vier Fäuste für ein Halleluja“ zu bekommen. Nach dem Abitur am Inda-Gymnasium in Kornelimünster studierte er an der Universität Bonn von 1977 bis 1984 Katholische Theologie und Pädagogik und schrieb seine Examensarbeit bemerkenswerterweise über das Thema „Der Spielfilm in der religiösen Bildungsarbeit“ – ein Thema, das der Religionspädagoge Gottfried Bitter zunächst für nicht umsetzbar gehalten hatte.

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Die "Film-Freaks" Wigbert Oslender (links) und Manfred Langner wollen mit ihren Exerzitien nicht missionieren, aber den Teilnehmenden einen neuen Blick auf sich, die Welt und Gott ermöglichen.

Oslender hatte nach seiner Lehramtsausbildung an verschiedenen Stellen beruflich mit dem Film zu tun: ab 1987 als medienpädagogischer Referent beim Katholischen Filmwerk Frankfurt und von 1988 bis 1994 als Leiter der Medienzentrale des Erzbistums Köln. Als er danach von 1994 bis 2003 Jugendbildungsreferent im Haus Eich wurde, rief er die legendären Filmwochenenden für Jugendliche ins Leben – deren Teilnehmer heute, Jahrzehnte später, immer noch zu denen gehören, die regelmäßig die Filmexerzitien besuchen. Von 2004 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand Ende 2024 war Oslender dann Lehrer für Religion und Pädagogik am Berufskolleg Simmerath-Stolberg und befasste sich im Rahmen der Erzieherausbildung auch mit Medien im Allgemeinen und seinem Herzensthema Film im Besonderen.

Sein „Kompagnon“ Manfred Langner, 1954 in Ostercappeln bei Osnabrück geboren und ab dem dritten Lebensjahr in Mönchengladbach aufgewachsen, wurde schon als Kind von seinem Vater mit ins Kino genommen und bezeichnet einen Besuch des Kultfilms „Doktor Schiwago“ als Schlüsselerlebnis. „Das war ein Knaller für mich“, sagt er bewegt. „Das Erlebnis in dem kleinen, dunklen ,Filmstudio‘, aus dem später ein kleiner Supermarkt und danach ein Sanitätshaus wurde, hat mich gepackt und nicht wieder losgelassen.“

 

Spätestens seit der Studienzeit geht er wöchentlich mindestens einmal ins Kino. Langner legte in Mönchengladbach 1974 das Abitur ab, studierte Katholische Theologie in Bonn und Münster und wurde nach dem Diplom im Jahr 1980 Pastoralassistent in Stolberg-Donnerberg, ab 1983 Pastoralreferent im Dekanat Düren-Nord. Von 1993 bis 2020 war er Diözesanbeauftragter für Exerzitienarbeit. „Ich hatte die Aufgabe, geistliche Angebote zu machen, und habe deshalb angefangen, meine geistlichen Anstöße durch Film-Impulse zu erweitern“, erläutert er. „Im Rahmen dieser Bemühungen habe ich Wigbert Oslender zu Rate gezogen.“

So kam es zu einer ersten öffentlichen Filmvorführung im Jahr 1996 im Haus Maria Rast. Als die Teilnehmer sich vom Film „Momo“ fasziniert zeigten, obwohl sie die Vorlage, das bekannte Jugendbuch von Michael Ende, gut kannten, fühlte Langner sich beflügelt, in dieser Richtung weiterzumachen – „als Autodidakt“, wie er hervorhebt. Er nahm an mehreren Fortbildungen teil und hospitierte darüber hinaus bei „Kino-Pfarrer“ Michael Graff in Alpirsbach (Schwarzwald), der als „Erfinder“ der Filmexerzitien gilt und damals Angebote für alle Diözesen machte. Als er Manfred Langner mit den Worten „Bleib dran! Das ist dein Ding!“ ermutigte, war der Raum für ihn eröffnet, mit dem Film zu experimentieren und sich an Exerzitien heranzuwagen.

Daraufhin entwickelten er und Oslender die Idee weiter, Film-Wochenenden zu gestalten. Es kam zu einer Dreierkooperation zwischen Jugendbildungsstätte Haus Eich, der Exerzitienarbeit im Bistum Aachen und Abteilung für Aus- und Fortbildung im Generalvikariat, und das erste Wochenende fand 2000 unter dem Motto „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ statt. Diese Premiere spürte dem Phänomen Liebe nach. Angestrebt wurde damals ein Rhythmus von Filmsehen, Stille, Gespräch und kreativem Tun, der sich – bis auf Letzteres – bis heute erhalten hat. „Der Anfangsimpuls ist geblieben, hat sich aber weiterentwickelt“, urteilt Langner. „Damals wie heute gilt: Kino kann uns verzaubern, erschüttern, staunen machen und die Welt um uns herum neu entdecken lassen. Dafür genügen ein dunkler Saal, eine weiße Leinwand und eine anrührende Szene.“

Selbst in weniger anspruchsvollen und stärker am oberflächlichen Geschmack orientierten Filmen ließen sich noch Entdeckungen machen. Deswegen sind solche Filme von den Exerzitien auch nicht kategorisch ausgeschlossen, aber das Herz der beiden Cinéasten schlägt für das Arthaus-Kino. Explizit religiöse Filme mit einer unmittelbar christlichen Botschaft wie Liliana Cavanis „Franziskus“ mit Mickey Rourke bilden ebenfalls die Ausnahme. Auch Ingmar Bergmans filmische Auseinandersetzungen mit der Gottesfrage wurden bisher nicht berücksichtigt, hauptsächlich allerdings deshalb, weil sie für die Filmexerzitien zu lang sind „und weil wir eher aktuelle Filme aufgreifen“, wie Oslender betont.

Die Filmexerzitien, die allen, ob gläubig oder nicht, mehr oder weniger Kino-begeistert, offenstehen, haben eine feste Struktur: Am Anfang steht eine Kennenlern-Runde mit Tipps und Hinweisen für „Erstis“. Damit die Einzelnen sich anschaulich vorstellen können, ergeht an sie der Auftrag, etwas mitzubringen, was ihr Leben geprägt hat. Danach steht nach der Einführung ins Wochenende zur Einstimmung der erste Kurzfilm auf dem Programm, über den man sich beim Abendessen austauscht. Dem folgt nach einer Filmeinführung der erste lange Film, nach dem die Teilnehmer sich auf ihre Zimmer zurückziehen oder zu einer geselligen Runde treffen können. „Die einzige Regel lautet: Sie dürfen über alles sprechen, aber nicht über den Film, den sie gerade gesehen haben“, erläutert Langner. „Es kommt darauf an, dem Film Zeit zu lassen, damit er in einem wirken und am Tag darauf aus einem inneren Abstand heraus zurückgeholt werden kann.“

Am zweiten Tag startet nach Morgenlob und Frühstück die Filmarbeit, indem jeder ein Blatt mit Impulsen und Fragen zum Film erhält. Im zweiten Schritt gehen die Teilnehmer in den Austausch, bevor sich alle im „Marianum“ des Mutterhauses treffen. Dem schließt sich in der Regel eine Exkursion an, die in einem inhaltlichen Zusammenhang mit dem zuvor gezeigten Film steht. „Unser Erleben ist, dass wir am Ende 23 Filme gesehen haben, weil jeder und jede auf der Basis der eigenen Lebens- und Filmerfahrung einen Streifen anders sieht“, erklärt Oslender. „Der Austausch ist unglaublich bereichernd.“ Und Langner ergänzt: „Mich, mein Leben und die Welt um mich herum besser verstehen, nicht den Film: Das ist das Herzstück spirituell ausgerichteter Filmarbeit.“

Beide versichern, ihnen gehe es nicht um eine Botschaft, die sie weitergeben wollten, sondern um persönliche Perspektiven, die allerdings nicht von allen geteilt werden müssen. Selbstverständlich treffen sich Langner und Oslender vor den Exerzitien, suchen aus vielen Filmen gezielt aus und entwickeln eine Idee für das betreffende Wochenende. Wenn sie als Theologen Bezüge zur Bibel und den Kirchenvätern herstellen, wollen beide bewusst nicht „missionieren“, sondern den Exerzitien-Teilnehmern die Möglichkeit eröffnen, tiefer zu sehen und über den Film auch eine Glaubens- und Gemeinschaftserfahrung zu machen.

„Ins Kino gegangen und im eigenen Leben angekommen“ - so lautet ihr erklärtes Motto. „Kommt und seht, und ihr werdet staunen wie Amélie in dem berühmten Kultfilm“, verspricht Manfred Langner. 

Auch in Erfurt und Köln

Längst hat die Exerzitien-Begleitung der beiden Filmspazierer sich auf das Erzbistum Köln und das Bistum Erfurt ausgeweitet. Darüber hinaus führt Langner als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Aachener „Apollo-Kinos“ jeden Mittwoch ins Senioren-Kino ein.
Zusätzlich kümmert Langner sich zusammen mit einem Team um das Gemeindekino in St. Gregorius (Aachen), Oslender veranstaltet das Gemeindekino in St. Severin (Köln), stellt in St. Aposteln (Köln) ebenfalls mittwochs Filme vor und organisiert Filmabende im Rahmen der Hospizarbeit.