Das Ende einer langen Reise

Marienbild findet in St. Donatus in Aachen-Brand ein neues Zuhause

Nach St. Marien hat die Immaculata jetzt in St. Donatus eine neue Heimat gefunden. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Nach St. Marien hat die Immaculata jetzt in St. Donatus eine neue Heimat gefunden.
Datum:
10. Feb. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 04/2026 | Sabine Rother

Tröstliche Stille geht von ihrem fein gezeichneten Gesicht aus, das helle Haar ist schlicht gescheitelt, die zarten Hände sind leicht erhoben wie zum Gebet, eine edle und doch zurückhaltende Geste: In der Pfarrkirche St. Donatus in Aachen-Brand hat ein Marienbild, die Darstellung der „Immaculata“ (lateinisch für „die Unbefleckte“), eine neue Heimat gefunden, das lange Jahre in einer Nische des Diözesandepots hinter sich hat.

 „Sie wird mir fehlen, das Bild hat mich immer begrüßt“, lächelt Anna Wellding, Referentin für Kunst und Denkmalpflege im Bistum Aachen, etwas wehmütig, doch sie ist zugleich glücklich, dass der schwere Weg der Madonna überstanden ist.

„Immaculata“ – was bedeutet diese Bezeichnung? „Die unbefleckte Empfängnis Mariens ist ein 1854 verkündetes Dogma der römisch-katholischen Kirche, nach dem die Gottesmutter Maria vor der Erbsünde bewahrt wurde“, erklärt Pfarrer Matthias Goldammer. „So ist auch die Darstellung zu verstehen, inklusive der Symbole wie der Schlange als Zeichen für das Böse.“ Die Mondsichel, auf der Maria steht, entspricht der Beschreibung in der Offenbarung des Johannes: „Der Mond unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“. Ein faltenreiches Gewand aus kostbarem Stoff hüllt die von goldenen Strahlen umrahmte Mariengestalt ein, die in einer kirchlichen Architektur steht.

Anna Welding und Karen Keller begleiten das noch unrestaurierte Bild in den Transporter. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Anna Welding und Karen Keller begleiten das noch unrestaurierte Bild in den Transporter.

„Vermutlich war der Stoff einmal himmelblau, jetzt wirkt er eher schimmernd weiß“, blickt Karen Keller, Restauratorin aus Köln, auf das Bild, das ihr eine Menge Einfühlungsvermögen und handwerkliches Geschick abverlangt hat. 
Die Wandmalerei aus der ehemaligen Aachener Kirche St. Marien hat die respektable Höhe von 2,49 Metern bei 88 Zentimetern Breite. Das nach Plänen des Kölner Architekten Vincenz Statz (1819-1898) im Stil der Neugotik errichtete Gebäude in Bahnhofsnähe – 1859 Grundsteinlegung, 1863 Einsegnung  – gibt es nicht mehr. Nach 1978 erfolgt der Abriss, die Kriegsschäden sind einfach zu schwer.

Das erhaltene Marienbild bietet Gelegenheit zum Rückblick, denn es ist mehr als ein Element der Ausstattung. Tatsächlich ist der Anlass zum Kirchenbau das am 8. Dezember 1854 durch Papst Pius IX. verkündete „Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens“. Danach ergriff in Aachen die „Gesellschaft Constantia“, ein katholischer Bürgerverein, die Initiative zum Bau einer Kirche mit dem Patrozinium der „Immaculata“. An gleicher Stelle errichtet man zwischen 1979 und 1981 das heutige Gotteshaus aus Backstein-Mauerwerk, geplant vom Krefelder Architekten Karl Otto Lüfkens.

Heute St. Donatus, einst St. Marien: Eine besondere Geschichte verbindet beide Kirchen, wie Anna Wellding festgestellt hat, denn gleichfalls St. Donatus ist ein Entwurf von Vinzenz Statz, Baubeginn 1879, Einweihung 1890. „Da lag es nahe, dem Marienbild eine in gewisser Weise vertraute Heimat zu geben“, sagt sie. Bei der Anfrage der Manfred-von-Holtum-Stiftung, gegründet vom einstigen Dompropst, ob ein sanierungsbedürftiges und -würdiges Kunstwerk auf Rettung warte, hat sich Anna Wellding gemeldet und sogleich einen Vorschlag (geschätzte Kosten 8.921,43 Euro) erarbeitet, denn das kostbare Bild hängt schon lange im Depot. Mit zusätzlicher Unterstützung der St.-Donatus-Stiftung, die ein Drittel übernimmt, werden die Gesamtkosten von 9500 Euro bewältigt.

Karen Keller restaurierte das Marienbild so originalgetreu, dass die Ausbesserungen nahezu nicht zu sehen sind. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Karen Keller restaurierte das Marienbild so originalgetreu, dass die Ausbesserungen nahezu nicht zu sehen sind.

Der traurige Zustand der Malerei zieht sich von der Mondsichel, über die Schlange mit frechen roten Augen und gewundenem Leib über das wallende, einst himmelblaue Gewand, die Wangen der Maria bis hinauf zu den kleinen Seraphinen, Engeln, die – so heißt es im Buch Jesaja – sechs Flügel haben. Notsicherungen sind kleine Schnipsel aus Japanpapier, von denen bereits 300 Stück das Bild bedecken. „Wo sich Oberflächen von Kunstwerken lösen, Farbe in Form von aufstehenden oder hohlliegenden Farbschollen abzuplatzen droht, werden solche Stellen überklebt. Das kann man vorsichtig durch Wasser wieder ablösen und die Stellen mit Bindemitte hinterspritzen“, erklärt Karen Keller diese „Erste Hilfe“.

Die Sanierung drängt. Die Restauratorin entfernt auch Staub und Kerzenruß. Zusätzlich werden rund 30 Malereifehlstellen mit Kreidegrund gekittet und so retuschiert, dass man sie nur noch bei genauem Hinsehen ermitteln kann, sie aber den optischen Eindruck nicht stören. Was hervorkommt, ist eine künstlerisch hochwertige Arbeit, wobei der Künstler unbekannt bleibt. „Wenn man den Anlass des Gemäldes bedenkt, hatte es große Bedeutung, da hat man etwas investiert“, schätzt Anna Wellding. Damals entscheidet man sich für eine „Kalk-Secco-Arbeit“, die auf den bereits trockenen Putz (secco) gemalt wird.

Vor Abriss der Kirche wird das Werk in einem komplizierten Vorgang stückweise von der Wand geholt – feine Querlinien zeigen, wo man das Bild geteilt und erneut zusammengesetzt hat. „Mit dem Strappo-Verfahren kann man eine Wandmalerei auf einen neuen Bildträger bringen“, erklärt Karen Keller das Ablösen der obersten Pigmentschicht. Das Bild erhält einen Stoffüberzug, mit Leim getränkt. Diese Schicht wird „beherzt abgerissen“ (strappare), wie es die Restauratorin ausdrückt. Ist das Bild auf dem neuen Bildträger angekommen, wird die Stoffschicht behutsam entfernt. Die Restaurierung beginnt.

So ist es der „Immaculata“ ergangen, die nun in St. Donatus wieder glänzen darf, nachdem das Bild vom offiziellen Besitz der Gesamt-Pfarre Franziska von Aachen in die Ausstattung von St. Donatus übergegangen ist. „Für mich vermittelt sie durch ihr Schicksal ein Gefühl von Verletzlichkeit“, sagt Pfarrer Goldammer.